Die Sorgen in der Altenpflege standen im Fokus beim jährlichen Sommerbesuch des SPD-Landtagsabgeordneten Rainer Stickelberger. Und der Schuh drückt ganz gewaltig, berichtete das Evangelische Sozialwerk Wiesental (ESW). Im Mittelpunkt der Kritik stand die nach Ansicht von ESW-Geschäftsführer Martin Mybes wenig kooperative Heimaufsicht in Lörrach. Bei einem innovativen Wohnprojekt des ESW für zehn ältere Menschen, das der Stadtrat von Schopfheim unterstütze, lege die Heimaufsicht in Lörrach „nur Steine in den Weg“.

„Uns drücken Sorgen“, führte Martin Mybes in die Thematik ein, als er den SPD-Landespolitiker im neuen Dietrich-Bonhoeffer-Haus zusammen mit dem Urgestein der SPD-Lokalpolitik, Artur Cremans, begrüßte. Noch nie in den letzten Jahrzehnten sei die Planungssicherheit so gering gewesen wie aktuell. Unternehmerisch sei die Umsetzung eines Hauses für altersgerechtes selbstbestimmtes Wohnen eine gewaltige Herausforderung: „Die Finanzierung läuft über 29,5 Jahre“, so Mybes. „Aber Planungssicherheit besteht nur für wenige Jahre.“ So schnell würden sich Bestimmungen und Anforderungen, Personalschlüssel und Ausstattung ändern. Der Geschäftsführer ist überzeugt, dass der Schritt zur Schaffung selbstbestimmten Wohnens „gewagt“, aber erforderlich ist, um das Angebot in der Altenpflege zu ergänzen. Mybes kritisierte, dass es nicht leicht sei, neue Wohnformen für alte Menschen zu kreieren. Schon bei der Umsetzung der Hausgemeinschaft habe es einen „harten Kampf mit der Heimaufsicht gegeben, der allen Seiten nicht gut getan hat“. Jetzt erlebe er „die nächste Eskalationsstufe“.

Es geht nun um das Projekt einer ambulanten Wohnbetreuungsgemeinschaft am Eisweiher. Dort sollen auf 400 Quadratmetern eigene Zimmer für zehn ältere Mieter mit Bad und Küche geschaffen werden. Das Angebot soll eigentlich im Oktober an den Start gehen. Aber die Heimaufsicht in Lörrach blockiere das Projekt. „Uns werden erhebliche Barrieren in den Weg gelegt“, so Mybes. Hausleiterin Pia Späth bestätigt das am Beispiel Personalschlüssel. Für die zehn selbstständig wohnenden Mieter sollten tagsüber zwei Betreuer, nachts einer vorgehalten werden. „Das ist mehr als auf einer Intensivstation“, verglich Späth.

Dabei gehe es hier nur um Alltagsbegleitung und Haushaltsführung, nicht um Pflege. Das ambulante Pflegeteam sei überdies im Notfall nur 300 Meter entfernt im Reinhardt-Haus. „Das ist ja nur eine Minute“, zeigte Stickelberger Verständnis. Leider hoffe man bislang vergeblich, dass die Heimaufsicht ihren Ermessensspielraum nutze, so Späth. Mybes erläuterte, dass man sich ein flexibles Vorgehen der Behörde wünsche. So sei die Wohngemeinschaft zu Beginn noch nicht voll belegt und müsse langsam aufgebaut werden. Trotzdem erwarte die Heimaufsicht drei Monate vor dem Start die vollzählige und namentliche Nennung aller Mitarbeiter. „Nicht zu fassen“, kommentierte Artur Cremans hierzu. Pia Späth kritisierte „eine Haltung der Heimaufsicht, die keinen Dialog zulässt“. Dabei sei Baden-Württemberg ganz hinten bei altersgerechten Wohngemeinschaften. Derzeit befinde sich das Sozialwerk in Gesprächen mit Interessenten für das Wohnen am Eisweiher, berichtete Mybes. „Aber es gibt eine erhebliche Frustration angesichts der mangelnden Unterstützung seitens der Behörde.“ Dabei fehlten in Lörrach 400 Altenheimplätze.

„Wir können die Kritik nicht nachvollziehen“, heißt es in einer Stellungnahme der Heimaufsicht auf Nachfrage am Mittwoch. Mit der Hausleiterin Pia Späth sei die Heimaufsicht bezüglich der ambulant betreuten Wohneinrichtung in einem „guten konstruktiven Austausch“. Das Konzept sei besprochen worden „und hatte in einzelnen Punkten Überarbeitungsbedarf, wo es nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprach, die für alle ambulant betreuten Wohngemeinschaften im Land gleich gelten“.