Zwischen Zell, Häg-Ehrsberg und Schönau mehren sich die Stimmen, die gegen den Bau von Schutzzäunen gegen Wölfe sind. Ihre Argumente: Die von der Landesregierung unterstützten Elektrozäune seien in den Steillagen viel zu aufwändig zu bauen, kaum zu kontrollieren und die Flächen seien viel zu groß. Immer mehr Bürgermeister sind nun dafür, die Wölfe notfalls zu jagen statt sie zu schützen. Davon sollen insbesondere Schaf- und Ziegenhalter profitieren.

„Welchen Nutzen hat ein Wolf?“ Diese Frage wurde Bruno Schmidt nach eigener Aussage noch nicht beantwortet. Er jedenfalls sieht keinen Nutzen. Probleme hingegen umso mehr, falls der Wolf ins Wiesental zurückkehren sollte. Der Bürgermeister aus Häg-Ehrsberg ist selbst auf einem Bauernhof groß geworden und erzählt, dass in der Gemeinde noch heute rund 50 Familien im Nebenerwerb Landwirtschaft betreiben. „Mit den Ziegen und Schafen werden wir der Verbuschung und Verdornung Herr“, sagt er. Daher sollen die Tiere vor Wölfen geschützt werden. Laut Manfred Knobel, Landwirt und Bürgermeister in Aitern, geht es nicht um den Verlust einzelner Tiere, sondern um den der kompletten Herde, sagte er im Gemeinderat Schönau, als es um die Prävention von Wolfsschäden ging.

Im April tötete im Münstertal ein Wolf zwei Ziegen. Danach wurde dort ein Elektro-Schutzzaun aufgebaut. Er muss regelmäßig kontrolliert werden.
Im April tötete im Münstertal ein Wolf zwei Ziegen. Danach wurde dort ein Elektro-Schutzzaun aufgebaut. Er muss regelmäßig kontrolliert werden. | Bild: Gabriele Hennicke

Doch die von der Landesregierung vorgesehenen Schutzzäune gegen das Raubtier seien am Belchen unrealistisch: „Ich müsste zwei Leute einstellen, die jeden Tag 100 Hektar ablaufen und kontrollieren“, so Knobel. Auch Bruno Schmidt sagt: „Wenn man sich die geografische Lage anschaut, muss man sagen: Das ist hier nicht machbar.“ Einige Landwirte im Dorf hätten schon angekündigt, dass sie den Betrieb lieber an den Nagel hängen, als in Zäune zur Wolfsabwehr zu investieren. Dann aber entstünde auch den Kommunen ein Problem, da sie häufig Eigentümer der Allmendweiden sind. Wer soll sie beweiden, wenn die Landwirte das Interesse verlieren? Manfred Knobel warnt: „Bei FFH-Flächen müssen die Gemeinden selbst die Beweidung übernehmen.“

Gefahr für die „vierbeinigen Landschaftspfleger“

Überhaupt ist die Offenhaltung der Landschaft ein erklärtes politisches Ziel im Landkreis Lörrach. Dafür braucht es die „vierbeinigen Landschaftspfleger“, die auf den teilweise steilen Weiden Fahrn und andere störende Pflanzen fressen. Ausgerechnet Schafe und Ziegen stehen auf dem Speisezettel des Wolfs aber ganz oben. Und manche sehen angesichts von zig Kilometern Elektrozäunen – 1,05 Meter hoch, 40 Zentimeter im Boden, mehrere Elektroleitungen übereinander – ein weiteres Problem: „In meinen Augen geht das nicht, dass wir im Biosphärengebiet den halben Belchen und die Wandergebiete einzäunen“, sagte etwa Stadträtin Anja Strohmaier im Gemeinderat Schönau. Michael Sladek, EWS-Gründungsmitglied („Stromrebell“) und für die Freien Wähler im Gemeinderat, kommentierte: „Das ist doch politischer Unsinn. Da müsste man zum Wolfsrebell werden.“ Bürgermeister Peter Schelshorn kritisierte die Millionen Euro, die das Zaunprogramm kosten soll.

Wenn auf Elektrozäune verzichtet wird und auch Herdenschutzhunde nicht in Frage kommen, weil die hiesigen Herden zu klein sind, bleibt letztlich nur die Jagd auf Wölfe. Zells Bürgermeister Peter Palme drückt es so aus: „Ich bin für eine gezielte Regulierung. Bei Schäden muss im Notfall ein Abschuss möglich sein“, sagt Palme auf Anfrage dieser Zeitung. Er weiß, dass Wölfe und ihr Schutz ein „hochsensibles Thema sind“. Gleichwohl sei die Idee mit den Schutzzäunen so nicht umsetzbar. „Das Thema sollte vernünftig aufgefasst werden.“ Das will Palme nun mit seinen Bürgermeisterkollegen im Oberen Wiesental mit einen Brief an die Landesregierung tun und auf die absehbaren Probleme hinweisen. Für das Anliegen will Zells Bürgermeister alle Rathäuser gewinnen, die in der Förderkulisse Wolfsprävention liegen: rund 30 Gemeinden in den Landkreisen Lörrach und Waldshut.

Der mögliche Rückgang der Nutztierhaltung war auch ein Thema bei einer Fachtagung des Naturparks Südschwarzwald im September. „Dabei wurde deutlich, dass die Sorgen der Landwirtschaft bezüglich des Wolfes trotz der Fördermöglichkeiten nach wie vor groß sind“, teilt das Haus der Natur mit. Mit dem Rückgang der Weidetierhaltung sei dann eine Veränderung der „typischen Schwarzwaldlandschaft“ zu erwarten.

Doch es gibt ein rechtliches Problem bei der Angelegenheit: Die Bejagung oder Ausweisung wolfsfreier Gebiete ist derzeit nicht möglich. Die Tierart genießt europäischen und deutschen Schutzstatus.

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