Ein schneereicher Winter und ergiebige Regenfälle Ende Januar, die zu Überschwemmungen führten, haben den zuletzt arg abgesunkenen Grundwasserspiegel in der Region steigen lassen. Zumindest bis zum Frühsommer gibt es eine kleine Verschnaufpause im zunehmend trocken fallenden südlichsten deutschen Mittelgebirge. Doch die drastischen Veränderungen für Mensch und Natur im Klimawandel sind unübersehbar.

Im Hochsommer 2020 fiel der Pegel der Wiese in Zell auf das historische Rekordtief von 7 Zentimetern.
Im Hochsommer 2020 fiel der Pegel der Wiese in Zell auf das historische Rekordtief von 7 Zentimetern. | Bild: Gerald Nill

Buchenwälder, die bereits Ende Juli verwelkt aussehen, wie sonst erst Ende Oktober, Fichtenschonungen, die großflächig dem Käfer zum Opfer fallen und Höhendörfer, die kein Trinkwasser mehr aus Quellen beziehen können – wie zum Beispiel Sallneck oder Pfaffenberg. Der Schwarzwald, weltweit eine Ikone für intakte Natur, leidet wie noch nie. Mit seinem aktuellen Siechtum stellt er selbst das Waldsterben der 1980er Jahre durch sauren Regen in den Schatten. 80 Prozent der Baumkronen gelten laut dem letzten Waldschadensbericht als krank. „Wir sind gespannt, ob die Buchen, die im letzten Sommer das Laub abgeworfen haben, in diesem Frühjahr wieder ausschlagen“, sagt Schopfheims Revierförster Stefan Niefenthaler.

Wassermeister Steffen Weiss
Wassermeister Steffen Weiss | Bild: Gerald Nill

Die Buche, der Standardbaum Mitteleuropas, gilt als robust und niemand hätte für möglich gehalten, dass ihr Bestand hier ernsthaft gefährdet ist. Doch der Wandel des Klimas kommt zu rasant. „Ein trockenes Jahr übersteht die Buche locker“, sagt Niefenthaler, am Entegast oberhalb Schopfheims stehend. Aber nach drei dürren Jahren in Folge geht es für den Buchenbestand im Schwarzwald bereits ums Ganze. Selbst die ganz großen Kaliber, 150 Jahre alt, sind in Gefahr. „So ein Baum benötigt 400 Liter Wasser am Tag“, erklärt Niefenthaler. Diese Menge stand zuletzt nicht zur Verfügung und die Wurzeln reichten nicht mehr ans Grundwasser.

Wie nachhaltig die Niederschläge des Winters für den Boden sind, bleibe abzuwarten. Niefenthalers Kleinwiesentäler Forstkollege Joachim Trautwein wähnt sich in einem Experiment der Natur. Für ihn sind die Fichten als „Brotbaum“ des Schwarzwaldes bereits abgeschrieben. Sie sind weder trocken-, noch hitzebeständig, noch halten sie Stürmen stand. Ganz nebenbei: Die Fichte wurde aus Skandinavien in den Schwarzwald importiert.

Der Schwarzwald müsse in seinem Bestand umgebaut werden und werde in ein paar Jahren anders aussehen als heute. Förster Trautwein hat mit Freiwilligen des Vereins Erneuerbare Energien Kleines Wiesental Ende Oktober Libanon-Zedern am Hang des Belchen gesetzt, die sich in Pflanzungen der forstwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Freiburg als widerstandsfähig gegen Trockenheit sowie Hitze bewährt haben und eine Hoffnung für den Schwarzwald sein könnten. „Die Zeiten, in denen es hier noch 1800 Milliliter Niederschlag gab, scheinen vorbei zu sein“, schätzt Trautwein. „Die Libanon-Zeder kommt auch mit 600 bis 1200 Milliliter Regen aus.“

Im Jahr zuvor hat der Förster auch die Große Küstentanne gepflanzt. Es sei ein Versuch. Sehr gute Erfahrungen gebe es bereits mit der Douglasie, die mit ihrer Pfahlwurzel auch Dürreperioden gut übersteht, wenn sie einmal angewachsen ist und zudem schnell zulegt: „Es gibt Zuwächse ohne Ende“, so Trautwein über die Douglasie. „Wir haben zwar wenig Erfahrung mit exotischen Baumarten, aber ich bin überzeugt, das taugt, was wir hier machen“, verbreitet der Förster Optimismus in der Krise – um gleich hinterherzuschicken, dass man das Experiment Waldumbau nicht nur unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten bewerten dürfe: „Es stehen der Klimaschutz und die Erholungsfunktion im Vordergrund.“

Das müssten Bürgermeister auch in Zeiten knapper Kassen verstehen. Denn was ist die Alternative? Ein Hektar intakter Wald speichert eine Million Liter Regenwasser wie ein Schwamm. Ein abgeholzter Fichtenhang hingegen nimmt überhaupt kein Wasser mehr auf. Hangrutsche, Schlammlawinen und Erosion sind die Folgen. Wenn erst einmal die Humusschicht weggespült ist, wächst am Ende überhaupt nichts mehr im Steppenklima, das die letzten Sommer kennzeichnete.

Millionen-Investitionen in Trinkwasserversorgung

Dass der Lebensraum Feuchtbiotop ernsthaft in Gefahr ist, berichtet NABU- Experte Siegfried Kognitzki: „Trockene Frühjahre, wie letztes Jahr im März und April, hatten beim Grasfrosch die Folge, dass kleine Gewässer, Pfützen und wassergefüllte Fahrspuren trocken fielen und der Laich sich nicht entwickeln konnte. Aus der Vergangenheit weiß ich, dass eine seltene Libellenart, die Alpenmosaikjungfer, dem Klimawandel zum Opfer fiel“, so der Naturschützer.

Die Libellenart, ein Eiszeitrelikt, wurde in Baden-Württemberg um die Jahrtausendwende nur noch an zwei Hochmooren im Südschwarzwald nachgewiesen. Im Extremsommer 2003 trockneten die Schlenken, in denen sich die Libellenlarven entwickeln, vollständig aus. Seitdem gilt die Alpenmosaikjungfer in Baden-Württemberg als ausgestorben.

Aber auch für den Menschen wird es zunehmend eng bei der Wasserversorgung. Steffen Weiss, Wassermeister des Zweckverbands Wasserversorgung Dinkelberg, berichtete der Verbandsversammlung im letzten Sommer, dass die Pumpen das kostbare Nass an der Anschlagsgrenze aus den Tiefbrunnen hinauf zu den Hochbehältern beförderten. Die Region stand kurz vor Beschränkungen beim Wasserverbrauch.

Kein Wunder: Die Bäche führten so wenig Wasser wie nie zuvor. Der Pegel der Wiese maß in Zell mit ganzen sieben Zentimetern historisch wenig. Zum Vergleich: Im Januar stand die Wiese durch Schneeschmelze und Starkregen 2,40 Meter hoch. Inwieweit die ergiebigen Winter-Niederschläge auch für eine nachhaltige Entspannung gesorgt haben, kann der Schopfheimer Wassermeister nicht sagen. „Der momentane Grundwasserstand ist ausreichend“, antwortet Verwaltungssprecher Marcus Kristin auf Anfrage. „Über eine Nachhaltigkeit können wir keine Aussage treffen.“ Dies werde sich im Laufe des Jahres zeigen. Die Grundwasserstände werden über Messsonden in den Tiefbrunnen erfasst. Das Kleine Wiesental hat reagiert und in vier Jahren fast sechs Millionen Euro in neue Pumpen und Hochbehälter sowie kilometerlange Verbindungsleitungen investiert.

Besonders aufwendig waren die Arbeiten in Neuenweg, wo die Belchenhöfe ans Versorgungsnetz angeschlossen wurden und wohin das Wasser nun mit 21 bar Druck hinauf gepumpt wird, weil die Höfe immer öfter auf dem Trockenen saßen. Für die kleine Gemeinde sind die Millionen-Investitionen ein Kraftakt, aber unverzichtbar für die Versorgungssicherheit im Klimawandel, berichtet Bürgermeister Gerd Schönbett. Der Wasserleitungsbau wird dieses Jahr mit einer Verbindung von Eichholz nach Wieslet fortgesetzt. „Natürlich haben der schneereiche Winter und der ergiebige Regen Ende Januar für eine gewisse Entspannung gesorgt“, berichtet der Wassermeister des Kleinen Wiesentales, Günter Zimmermann.

Die Gemeinde bezieht das Trinkwasser aus rund 50 Quellen. Darunter gebe es ergiebige, tiefgründige, die auch in Dürresommern noch 50 Prozent Schüttung bringen, aber auch oberflächennahe, die recht schnell schlapp machen. „Bei den oberflächennahen Quellen merken wir aber jetzt im März schon wieder einen deutlichen Rückgang“, stellt Zimmermann fest. Somit wird die Sorge ums Wasser zum ständigen Begleiter.