Frau Stanojevic, Herr Heinz, der Landkreis Lörrach ist der Studie zufolge, die Sie kürzlich im Gemeinderat vorgestellt haben, der Landkreis mit der vierthöchsten Quote von Wohnungslosen im Land Baden-Württemberg. Es gibt 2,375 Betroffenen pro 1000 Einwohner. Auch Schopfheim ist davon betroffen. Was sind die Gründe dafür?

Stefan Heinz: Das ist ein negativer Wert, der viele Ursachen hat. Sicherlich ist es die Situation im Dreiländereck. Wir haben Zuzug, die Immobilienpreise steigen seit Jahren. Von der Struktur her ist der Kreis vergleichbar mit Großstädten im Land. Dazu kommen das deutlich höhere Lohnniveau in der Schweiz und die Tatsache, dass im Landkreis Lörrach viele Grenzgänger leben, die sich deutlich höhere Mieten oder teurere Baupreise auch leisten können. Wir beraten Menschen, die etwa durch Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Trennung nicht mehr in die Lage sind, die Miete zu bezahlen.

Slavica Stanojevic
Slavica Stanojevic | Bild: André Hönig

Slavica Stanojevic: Wir erreichen auch Menschen, die prekär beschäftigt sind und kein hohes Einkommen erzielen.

Hat sich das verschlechtert oder verbessert in den vergangenen Jahren?

Heinz: Die Rahmenbedingungen auf dem Wohnungsmarkt haben sich im Landkreis verschärft. Was sich etwas verbessert hat, ist eine bürokratische Hürde: Der Kreis zahlt nun Mietzuschüsse ab einer deutlich höheren Grundmiete. Die Mietobergrenze wurde vom Landkreis herauf gesetzt, von 347 Euro für einen Einpersonenhaushalt auf 426 Euro. Das ist deutlich näher an der Realität. Dazu kommen ein höheres Wohngeld, neue Angebote im Rahmen der Sozialstrategie und ein angekurbelter Wohnungsbau. Das alles dürfte sich positiv auswirken. So ist im vergangenen Jahr die Zahl der Haushalte in Wohnungsnot erstmals leicht gesunken.

Ist man in Schopfheim als Wohnungssuchender besser oder schlechter dran als anderswo im Landkreis?

Stefan Heinz: Vor einigen Jahren war der Druck auf dem Wohnungsmarkt im ländlichen Raum noch nicht so ausgeprägt. Schopfheim gilt heute als sehr attraktiver Wohnort mit gut ausgebauter Infrastruktur inklusive Anschluss an die Bahnlinie S6. Wir stellen fest, dass es die Wohnungsnot in allen Städten des Landkreises gibt, in Lörrach, Weil am Rhein und Rheinfelden noch etwas stärker ausgebildet als hier. In den letzten sechs Jahren hatten wir in Schopfheim 173 Klienten. In Lörrach waren es mehr als 700. Es gibt fast immer einen direkten Zusammenhang zwischen der Größe der Kommune, ihrer Infrastruktur und den Mietpreisen.

Ist denn in Schopfheim die Sanierung von Altbauten und damit steigende Mietpreise – Stichwort: Gentrifizierung – ein Problem?

Heinz: Gentrifizierungstendenzen am Wohnungsmarkt vermuten wir im gesamten Kreis. Nischen auf dem Wohnungsmarkt werden einfach immer seltener.

Unter den größten Problemen, die unter Umständen zu Wohnungslosigkeit führen können, finden sich laut Ihrer Präsentation im Gemeinderat psychische Probleme, Arbeitslosigkeit, Überschuldung und Behördenkontakte. Ist das vergleichbar mit anderen Kommunen im Landkreis Lörrach?

Stanojevic: In der Regel kommen mehrere Problemlagen zusammen. Es sind oft psychische Probleme, die zu einer verwahrlosten Wohnung und zu Konflikten mit anderen Mietern oder dem Vermieter führen.

Wie helfen Sie ganz konkret und wie hoch ist die Erfolgsquote in Schopfheim?

Stanojevic: Wir machen zwei Angebote. Einmal bietet die Wohnungslosenhilfe eine Fachstelle, die jetzt auch ein Büro im Rathaus hat. Sie gibt es seit Juli 2019 und wird von der Stadt finanziert. Die Fachstelle gibt Hilfestellung bei drohender Wohnungslosigkeit, ich vermittle bei Problemen mit Vermietern, bei Behördengängen und Ähnlichem. Ich werde oft vom Amtsgericht informiert und reagiere dann, indem ich die Personen anschreibe. Wenn sich niemand meldet, mache ich auch Hausbesuche. Viele Menschen melden sich aber auch direkt bei mir oder werden zum Beispiel durch Caritas oder Diakonie vermittelt. Und schließlich sind es auch oft Vermieter, die sich wegen Problemen bei mir melden. Wir haben da seit Jahresbeginn bis September 24 Haushalte betreut. Das zweite Angebot ist der Fachdienst mobile Obdachlosenbetreuung. Das betrifft Menschen, die bereits wohnungslos sind und in einer der städtischen Sozialunterkünfte – zum Beispiel im Dammweg – leben. Hier versuche ich, sie wieder in eine geregelte Wohnsituation zu vermitteln. Seit Jahresbeginn bis September wurden 29 Personen betreut, von denen sind sechs Personen wieder in eine eigene Wohnung gezogen.

Heinz: Die Erfolgsquote lässt sich da nur schwer messen. Für uns ist es bereits ein Erfolg, wenn wir einen Kontakt herstellen können. Wenn die Menschen dann die Unterstützung und Begleitung annehmen, werten wir das als Erfolgskriterium. In Zeiten der Corona-Pandemie ist das eine zusätzliche Herausforderung. Was wir aber mit Zahlen belegen können: Von allen beendeten Betreuungen, deren Ausgang wir kennen, haben wir 85,6 Prozent vor Wohnungslosigkeit bewahrt.

Wie sieht denn in Schopfheim Ihr durchschnittlicher Klient aus?

Stanojevic: In der mobilen Obdachlosenbetreuung sind es vorwiegend alleinstehende Männer. In der Fachstelle sind es ebenfalls mehrheitlich Männer. Aber wir haben auch öfter Familien, zum Beispiel alleinerziehende Mütter mit Kindern, die einfach die Miete nicht mehr bezahlen können.

Heinz: Es sind etwa zu einem Drittel alleinstehende Männer ohne Kinder, gefolgt von alleinstehenden Frauen mit und ohne Kindern und Paaren mit Kindern.

Was macht Ihre Arbeit in Schopfheim schwierig und was macht sie leichter?

Stanojevic: Ein sehr großer Pluspunkt ist in Lörrach und Schopfheim die Zusammenarbeit mit der Wohnbau Lörrach. Sie bietet oft bezahlbaren Wohnraum und man findet oft Lösungen. Dann ist es natürlich toll, dass wir hier jetzt im Rathaus vor Ort sind. Wir haben sehr kurze Wege zu den weiteren Stellen, etwa zum Stadtbüro, wenn es darum geht, Wohngeld zu beantragen. Die Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung ist auch in Corona-Zeiten sehr intensiv und positiv. Wir haben inzwischen auch ein gutes Netzwerk mit den Kirchengemeinden, mit Caritas, Diakonie, Tafelladen, dem Verein Chinderlache und Privatpersonen. Zudem gibt es den Arbeitskreis Integration, mit dem wir eng zusammenarbeiten. Ein großer Teil unserer Klienten hat einen Migrationshintergrund. Das erleichtert die Arbeit. Sorgen macht uns auch hier wie erwähnt der knappe Wohnraum. Wir müssen oft improvisieren und Alternativen suchen. Es wäre daher schön, wenn sich bei uns auch Vermieter melden, die günstigen Wohnraum in Schopfheim haben.

Wie müssen aus Ihrer Sicht politische Impulse aussehen, um die Probleme zu lindern oder zu beheben?

Heinz: Im Mittelpunkt sollte der Bau von bezahlbaren Wohnungen stehen. Auf der Bundes- und Landesebene werden Fördermittel für den sozialen Wohnungsbau bereitgestellt. Beim Thema bezahlbares Wohnen geht es auch darum, den sozialen Frieden zu sichern. Menschen, denen der Verlust ihrer Wohnung droht, haben Ängste und Nöte, das ist Stress pur. Gesellschaft und Politik müssen dafür sorgen, dass Menschen in Wohnungsnot weiterhin unterstützt werden und Obdachlosigkeit keine Einbahnstraße wird.

Fragen: Nicolai Kapitz