Schlag auf Schlag ging es zuletzt bei den Buchveröffentlichungen des Autors Björn Kern. Jetzt hat der in Schopfheim aufgewachsene und seit vielen Jahren im Oderbruch lebende Schriftsteller seinen neuen Roman „Kein Vater, kein Land“ vorgelegt: ein literarisch dichter, atmosphärischer, aber auch sehr beklemmender Stoff.

„Kein Vater, kein Land“ heißt der dritte Roman von Björn kern.
„Kein Vater, kein Land“ heißt der dritte Roman von Björn kern. | Bild: Verlag

Nach der Beziehungsgeschichte „Solikante Solo“ und dem humorvollen „Wo die wilden Väter wohnen“ über eine Stadtfamilie auf dem Land, die 2021 erschienen, kommt der aktuelle Roman härter, düsterer, verstörender daher. Geschrieben hat ihn Kern schon vor einigen Jahren. Dass er in dichter Folge zu den beiden anderen Titeln erscheint, sei der Corona-Zeit geschuldet, in der viele Veröffentlichungen verschoben wurden, wie der Autor sagt.

Das könnte Sie auch interessieren

In „Kein Vater, kein Land“ erzählt der 43-Jährige sprachgewaltig in dunklen, mächtigen Bildern eine Geschichte, in der vieles rätselhaft, offen, in der Schwebe bleibt. Ein Mann namens Lee flieht aus der Großstadt mit seinem Kind, das namenlos bleibt, in einem kalten Winter in den Wald und die Auenlandschaft an der Sydow, den Ort seiner Kindheit. Früher war sein Vater dort Förster. Doch Lee findet das alte Forsthaus nahe der polnischen Grenze karg und verlassen vor. Die Eingangstüre ist versperrt, sein Vater ist verschwunden. Als Lee ihn aufspürt, trifft er einen verwirrten, verbitterten Greis an, der sich in einen Wahn hineinsteigert.

Verstörende Dinge gehen vor sich

Auch in der Landschaft, durch die sich Lee mit seinem Kind kämpft – bei dem nie klar benannt wird, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist –, gehen verstörende Dinge vor sich. Wildtiere, Rehe, Marder, Füchse und ein Pferd werden tot aufgefunden, mit blauen Zungen, die angeblich von einer Seuche herrühren. Der alte Förster wollte die kranken Tiere angeblich von ihrem Leid erlösen. Ist er einem Umweltskandal auf der Spur? Sind chemische Abwässer im Fluss schuld an der „Blaukrankheit“? Was hat die Tiermehlfabrik auf der anderen Seite der Sydow mit den merkwürdigen Vorfällen zu tun?

Das könnte Sie auch interessieren

In Rückblenden erfährt man, dass in manchen Sommern die Krankheit unter den Tieren schlimm gewütet und Lees Vater Dutzende kranke Wildtiere erschossen hat. Es sei besser so für die Tiere, behauptete der Alte. Die Fische, das Wasser, die Luft – alles sei verseucht. Oder hat der Alte, wie ein Nachbar kolportiert, Geschäfte mit den Fellen gemacht?

Ebenso geheimnisvoll bleibt das Schicksal von Marjuscha, der Mutter des Kindes. Wie Gedankenfetzen tauchen Szenen auf, in denen Lee das Kind aus der Wohnung der Mutter fortbringt, weg von den Zwängen der Großstadt, hinein in die raue, elementare Natur. Was ist mit Marjuscha passiert? Ist sie in einem Gefängnis eingesperrt, in einem Krankenhaus? In rückblickenden Sequenzen ist von Männern die Rede, die drohen, die Wohnungstür aufzubrechen, von Sanitätern und Krankenwagen, ebenso von Helikoptern mit Suchscheinwerfern. Das evoziert vieldeutige Interpretationen und assoziationsreiche Bilder.

Das könnte Sie auch interessieren

Intensiv zieht Kern die Leser in die dramatische Spurensuche hinein. Unwirtlich, frostig und rau ist die Landschaft, in der sich Lee mit dem Kind durchschlägt. Der Mann und das Kind übernachten notdürftig in einem Bauwagen im Forst, mit wenig Proviant wie Milch und Toastbrot. Als sie den Großvater aufspüren, steht vor ihnen ein magerer Greis in schmutzigem Latzkittel, mit langem Bart. „Es ist kein Land für Kinder! Es ist nicht die Zeit“, sagt der Alte. Es ist eine harte Geschichte, die Kern in schonungslosen Bildern erzählt.

Geschichte vereint viele Themen

Eine Geschichte, aus der man vieles herauslesen kann: ein Roadmovie, einen Öko-Thriller über die Zerstörung der Umwelt, eine Natur-Dystopie, einen Überlebenskampf, eine Familien-Tragödie, ein Vater-Sohn-Drama – von allem schwingt etwas mit. Für den Autor ist es „vor allem die Geschichte einer doppelten Liebe: der Liebe zum Kind und der Liebe zur Natur“. Das Kind und die Natur, beides gelte es zu schützen. Kern geht es um die Frage, „wie man Kindern eine Heimat bieten kann in einer Welt, die zunehmend heimatlos wird“ und wie man seinem Kind die Natur vermittelt, die bedroht ist.

Sein Protagonist Lee setzt sich über gesellschaftliche und soziale Normen und Grenzen hinweg, bricht aus dem regelkonformen Leben aus. Immer wieder wechseln Szenen, in denen Lee und das Kind unmittelbar, schonungslos und direkt mit der Natur konfrontiert sind, und Erinnerungen an früher, an die Kindheit im Forsthaus, an Marjuscha, die Geburt des Kindes. Immer wieder changiert die Geschichte zwischen Albtraum, Wirklichkeit, Imagination und Endzeit-Dystopie. Das Ende bleibt offen, lässt aber einen Funken Hoffnung aufkommen.