„Schütten wir den Graben zu, dann haben alle ihre Ruh“ – nach diesem Motto hat die Stadt bekanntlich vor, den rund 90 Meter langen Seitenkanal des Gewerbekanals im Wohngebiet Bifig trockenzulegen. Eine Anwohnergruppe hat dagegen Unterschriften gesammelt und schlägt Alternativen vor. Beide Seiten trafen am Donnerstagabend bei einem Vor-Ort-Termin aufeinander und tauschten Argumente aus. Ergebnis: Bürgermeister Dirk Harscher versprach, die Zuschüttung noch einmal zu überdenken – freilich ohne Gewähr, dass der Bagger nicht doch kommt.

Bürgermeister Dirk Harscher wartet schon, gemeinsam mit Tiefbauamts-Vertreter Remko Brouwer und dem Technischen Beigeordneten Eddi Mutter. Manuela Heitzmann führt eine Gruppe von 15 Bürgern an, die da zielstrebig auf den Treffpunkt beim Ronneby-Brunnen zusteuert, wo der Seitenkanal vom Gewerbekanal im auch schon als „Klein-Venedig von Schopfheim“ betitelten Wohngebiet abzweigt. Dieses – ihr – Klein-Venedig sehen die Anwohner gefährdet, bekommt das Quartier seinen Charakter doch vor allem durch den meist gemächlich dahinquellenden Kanal mit den hübsch darüber geschwungenen Brücken – was ebenfalls für den vor etwa 30 Jahren bei der Gestaltung des Viertels angelegten Seitenkanal gilt. Das Bächlein verschwindet am Max-Picard-Platz im Untergrund und fließt unterirdisch in einem Bogen zurück zum Gewerbekanal – wenn es denn fließt.

Denn genau da liegt der Knackpunkt: In den vergangenen Jahren führte der Gewerbekanal viel zu oft viel zu wenig Wasser, und so fiel das Seitengewässer nicht selten trocken mit der Folge, dass in einigen Fällen Fische auf dem Land zappelten. Das wiederum ruft regelmäßig sofort Naturschützer und sogar Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan – und so fassten Stadt und Gemeinderat den Beschluss, den Seitenkanal stillzulegen, zuzuschütten und hübsch zu bepflanzen. In der damaligen Gemeinderatssitzung war es einzig CDU-Fraktionschef Jeannot Weißenberger, der gegen diesen Plan protestierte. An diesem sonnigen Donnerstagabend steht Weißenberger – selbst Bifig-Anrainer – am Ufer des gerade einmal wieder ausgetrockneten Seitenkanals und hört zu, wie sich die Rathäusler Harscher, Brouwer und Mutter auf der einen und die Anwohner auf der anderen Seite argumentativ duellieren. Mittendrin gibt Bruno Imbery vom Angelsportverein als Experte seine Stellungnahmen ab.

Manuela Heitzmann hat vor allem eines dabei: Die Unterschriften von 225 Schopfheimern

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– beileibe nicht nur von Bifig-Anwohnern – die mal so rein gar nichts vom Zuschütten des Seitenkanals halten. Im August hatte sie angefangen, Autogramme zu sammeln. Die grundsätzlichen Sorgen, die die Anwohner umtreiben: Atmosphäre und Mikroklima im Quartier leben maßgeblich von den Gewässern. Fällt eins weg, gehe folglich die Wohnqualität buchstäblich den Bach runter. „Wir wollen unseren Bach behalten“, bekräftigt deswegen Manuela Heitzmann. „Es gibt doch sicher eine Möglichkeit.“ Es kursieren Gedankenspiele, das Wasser mit einer Rohrleitung weiter oben am Gewerbekanal abzuzweigen, die trennende, niedrige Mauer zum Gewerbekanal einzureißen oder den Seitenkanal tiefer zu legen.

Bei Remko Brouwer löst das einen bedauernden Gesichtsausdruck und Kopfschütteln aus. „Man kann“, erklärt Brouwer, „das wenige Wasser nicht beliebig oft aufteilen.“ Der Klimawandel bringe es eben mit, dass Trockenperioden gerade im Sommer immer häufiger und länger würden. Das Wasser der Wiese reiche kaum aus, den Gewerbekanal zu füllen. Und der Fluss, sagt der Bürgermeister, „hat Priorität eins“. Natürlich spielen auch die Betreiber der Kraftwerke am Kanal eine Rolle, deren Turbinen für den klimaneutralen Strom möglichst zuverlässig laufen sollen. Eines der Kraftwerke liegt genau an dem Kanalabschnitt, dem der Seitenkanal Wasser abzwackt.

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Den Anglern geht es vor allem um das Bachneunauge, eine streng geschützte weil äußerst seltene Fischart. „Um die 500“ davon hat Bruno Imbery nach eigener Aussage schon mit seinen Vereinskollegen aus dem austrocknenden Schlamm im Seitenkanal gerettet. Das ist Pflicht, denn der Stadt drohen rechtliche Konsequenzen, wenn sie in einem Gewässer nicht ausreichend Fürsorge betreibt.

Der Seitenkanal verwandelt sich bei Wassermangel vor allem auf den ersten, schlammigen Metern laut Imbery oft in eine regelrechte Falle, aus der die Angelsportler die Fische dann mit einem hohem Aufwand herausholen müssen. „Und es gibt jedes Mal, wenn der Bach trockenfällt, auch tote Fische“, sagt Imbery. Als aus den Reihen der Anwohner jemand schulterzuckend „ja mein Gott“ einwirft, meint Imbery ziemlich sarkastisch: „Wenn hier eine tote Katze drinläge, wäre aber was los. Es sind alles Tiere.“

Richtig einig sind sich am Ende alle nur über eines: „Uns war es wichtig, vor Ort ins Gespräch zu kommen“, sagt Bürgermeister Harscher. „Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, unsere Argumente anzuhören“, sagt Manuela Heitzmann. Der Bürgermeister verspricht, die Angelegenheit im Rathaus und im Gemeinderat erneut beraten zu lassen. Er sei auch an einer Lösung interessiert. „Wir schütten ja auch nicht aus Spaß etwas zu. Aber versprechen kann ich natürlich nichts“, schließt Harscher die Debatte.