Das ist ein dickes Ding: Archäologen sind bei den Grabungen hinter dem Rathaus auf einen erhalten gebliebenen Teil der mittelalterlichen Stadtmauer gestoßen. „Das ist eine völlige Überraschung“, erklärte Andreas Haasis-Berner vom Landesdenkmalamt. Der Fund hat buchstäblich historische Ausmaße: Erstmals kommt in Schopfheim ein so massives Stück Stadtbefestigung ans Tageslicht – und dann hat es auch noch eine außergewöhnliche Dimension.

Jeder Gegenstand wird sorgsam fotografiert und dokumentiert.
Jeder Gegenstand wird sorgsam fotografiert und dokumentiert. | Bild: André Hönig

Dass da etwas Interessantes unter der Oberfläche schlummern könnte, hatte das Landesdenkmalamt zwar vermutet. Ist doch die Fläche hinter dem Rathaus, wo demnächst der neue Anbau für die Marktplatz-Kita entsteht, buchstäblich geschichtsträchtiger Boden. Hier bewegt man sich mitten im Herzen der Stadt, in den Anfängen der Schopfheimer Stadtgeschichte. Daher hatte denn auch das Denkmalamt vor Baubeginn eine archäologische Grabung angeordnet, um einen Blick in die Tiefe zu werfen. Die Erwartungen beschränkten sich allerdings auf Fundamente von Gebäuden aus jüngerer Vergangenheit und – etwas tiefer – auf das eine oder andere Keramikstück, das im Gebiet des früheren inneren Stadtgrabens entsorgt wurde. „Möglicherweise“ würde man vielleicht Überreste der alten Stadtmauer finden, formulierte es vorsichtig Grabungsleiter Benjamin Hamm vom Freiburger Büro „E&B excav“.

Klein, aber oho: Dieser abgebrochene Fuß einer Kochpfanne lässt wertvolle historische Rückschlüsse zu.
Klein, aber oho: Dieser abgebrochene Fuß einer Kochpfanne lässt wertvolle historische Rückschlüsse zu. | Bild: André Hönig

Jetzt, nach fast zwei Wochen, sind diese eher niedrigen Erwartungen um Längen übertroffen. Nachdem sich das Grabungsteam Meter um Meter nach unten gearbeitet hat, stieß es auf einen archäologischen Volltreffer: keine Reste, sondern ein kompaktes, erhalten gebliebenes stattliches Stück der alten Stadtmauer. Wobei die Dimension gewaltig ist: Zwei Meter breit, vier Meter tief. Vermutlich angelegt im 12. oder im frühen 13. Jahrhundert. „Das ist eine völlige Überraschung“, kommentiert der hocherfreute Vertreter des Landesdenkmalamts, Andreas Haasis-Berner, diesen Fund. Auch Grabungsleiter Benjamin Hamm ist begeistert: „Dass wir auf eine Mauer in dieser Massivität stoßen, damit haben wir nicht gerechnet.“

Freuen sich sichtlich über den Fund (von links): Grabungsleiter Benjamin Hamm, Gebäudemanagerin Martina Milarch (Stadtverwaltung) und Andreas Haasis-Berner (Landesamt für Denkmalpflege).
Freuen sich sichtlich über den Fund (von links): Grabungsleiter Benjamin Hamm, Gebäudemanagerin Martina Milarch (Stadtverwaltung) und Andreas Haasis-Berner (Landesamt für Denkmalpflege). | Bild: André Hönig

Die Entdeckung sei in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Zum einen ist es das erste Mal, dass in Schopfheim bei archäologischen Grabungen ein so großes und gut erhaltenes Stück der Stadtmauer ans Tageslicht kommt. Eine Besonderheit ist aber auch ihr Umfang. Denn im Schnitt seien Stadtmauern aus dieser Epoche allenfalls 1,20 bis 1,50 Meter breit.

Nach außen hin, hier also Richtung Süden, besteht sie aus für die damalige Zeit gut behauenen Sandsteinquadern, dahinter aus kleineren Steinen und Füllmaterial. Zusammengehalten wird das Ganze von mittelalterlichem Mörtel, dessen Wirkung auch heute nicht zu unterschätzen sei, so Haasis-Berner. „Das ist so stabil wie Beton.“ Die Baufirma werde da „viel Spaß haben“, fügt er augenzwinkernd an.

Allerdings: Ob die Mauer für den Bau weichen muss, ist noch gar nicht klar. Martina Milarch von der Schopfheimer Stadtverwaltung (Gebäudemanagement) könnte sich jedenfalls vorstellen, dass die Mauer möglicherweise erhalten bleiben könnte. Die Mauer ist gut acht Meter vom Rathausgebäude entfernt. Der geplante Anbau werde wohl nicht ganz bis zur Mauer reichen. Eventuell gehe es dann nur um die Treppe, die hier aus dem Bewegungsraum im Untergeschoss nach oben zur Außenanlage führt. Am Donnerstag war es für Milarch allerdings zu früh, Aussagen zu einem möglichen Mauererhalt zu machen. Denn wie die Archäologen wurde auch die Stadtverwaltung überrascht. „Für uns ist das jetzt eine völlig neue Situation“, so Milarch. Diese gelte es, mit Architekt und Statiker zu besprechen.

Haasis-Berner würde sich freuen, wenn die Mauer nicht der Baggerschaufel zum Opfer fallen würde: „Denkmalschützerisch wäre es wünschenswert, wenn sie erhalten bliebe.“ Es handle sich hier um ein „ ein geradezu gewaltiges Monument. Ein ganz besonderes Denkmal der früheren Stadtgeschichte. Es wäre schade, wenn das verschwindet.“ Doch die Mauer ist nicht der einzige bemerkenswerte Fund. Auch lässt die Grabung Rückschlüsse auf die ebenfalls beeindruckenden Ausmaße des inneren Stadtgrabens zu, der rund um die Stadtbefestigung verlief. Er dürfte acht Meter breit und vier Meter tief gewesen sein und sich etwa einen Kilometer um die Stadt in ihrer damaligen Ausdehnung herum gezogen haben. Ein gewaltiger Kraftakt also für die Bautrupps, die ihn aushoben.

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Zudem sind die Archäologen auch wie erhofft auf Ton- und Keramikstücke im Graben gestoßen: Reste von Kelchen und anderen Alltagsgegenständen, etwa ein abgebrochener Fuß einer damals fürs Kochen oft verwendeten dreibeinigen Pfanne. Grabungsleiter Benjamin Hamm geht davon aus, dass sich diese Stücke auf die Zeit des 13. oder 14. Jahrhunderts datieren lassen. Das wiederum ist ein Anhaltspunkt für die Antwort auf die Frage, wann der Stadtgraben zugeschüttet wurde. War es doch üblich, dass in diesem Fall dort Allerlei entsorgt wurde. Laut Haasis-Berner wurden insbesondere nach dem Dreißigjährigen Krieg solche Gräben aufgegeben und nicht selten „als Gartenanlage, aber auch als Müllhalde genutzt“.

Am gestrigen Freitag ist das Grabungsteam abgerückt. Die Arbeit vor Ort ist getan. „Wir sind bis auf den Wiesenkies, also den natürlichen Untergrund vorgedrungen“, so Hamm. Ab hier sei nicht mehr mit Siedlungsfunden zu rechnen. In der nächsten Woche werde das Büro einen Grabungsbericht verfassen. Anschließend wird Haasis-Berner diesen und die sorgsam fotografierten und dokumentierten Funde prüfen und über die Erkenntnisse einen Artikel schreiben, der im jährlich erscheinenden Heft der Denkmalpflege Baden-Württemberg erscheinen wird. Für Grabungsleiter Hamm steht aber jetzt schon fest, dass hier wertvolle Erkenntnisse gewonnen wurden „über die Schopfheimer Stadtgeschichte und die Baugeschichte dieses Areals“.