Geschichtsschreiber werden wohl dereinst nicht nur 2020, sondern auch das Folgejahr als „Corona-Jahr“ bezeichnen. Die Pandemie bringt für die Kommunen viele Herausforderungen mit sich, aber sie verschärft auch Probleme, mit denen sich eine Stadt sowieso schon befassen muss. Nicolai Kapitz hat mit Schopfheims Bürgermeister Dirk Harscher über das bevorstehende Jahr 2021 und seine Herausforderungen – politisch wie gesellschaftlich – gesprochen. Harscher erwartet frühestens im Herbst eine allmähliche Rückkehr zur Normalität.

Herr Harscher, wie schwer und wie lange wird Corona die Stadt Schopfheim aus Ihrer Sicht 2021 noch im Griff haben?

Ich denke, das erste Quartal wird noch einmal richtig hart werden. Wir wissen nicht, ob dieses Virus noch in mutierter Form kommt. Es stehen uns harte Monate bevor, bis mindestens April heißt es jetzt: Durchhalten. Ab da wird das Wetter anders, da habe ich Hoffnung auf mögliche Lockerungen. Ich habe ganz große Bedenken, nicht nur als Bürgermeister, sondern als Bürger, dass unser stationärer Einzelhandel große Probleme bekommt. Der Online-Handel macht riesigen Reibach und dieser Topf geht an unseren Einzelhändlern nicht nur in Schopfheim vorbei.

Welche Lösung schlagen Sie vor?

Da ist die Politik gefragt, das Gewerbe zu unterstützen. Zum Beispiel wäre eine Online-Steuer denkbar. Einzelhandel und Gastronomie, genauso die Kultur – das sind unsere Stärken in der Stadt. Und ich hoffe, dass wir da keine großen Verluste erleiden werden. Vielleicht lässt sich ab Herbst davon träumen, Veranstaltungen zuzulassen. Aber das ist im Moment in weiter Ferne. Wir werden das ganze Jahr über noch Corona haben.

Ab wann würde es für Schopfheim und sein Innenleben kritisch werden?

Kritisch wird es, wenn es im Juni oder Juli immer noch starke Einschränkungen gibt. Ich glaube, dass die Schopfheimer Vereine es im Moment noch gut schaffen, ihre Mitglieder bei Laune zu halten. Aber wenn im Sommer wieder alles wegbricht – Städtlifest, Konzerte und so weiter –, dann kippt vielleicht die Stimmung. Ich wünsche mir, dass dann wieder vieles stattfinden kann. Das wäre wichtig, auch wenn es momentan unwahrscheinlich aussieht.

Wie sind denn Stadtverwaltung und Rathaus auf den schlimmsten Fall vorbereitet – nämlich, dass die Krise andauert oder sich gar verschärft?

Wir sind gut aufgestellt. Der Corona-Stab der Stadtverwaltung hat jede Woche mindestens eine Sitzung, wir sind nah dran am Geschehen. Der Gemeinderat hat Hybrid-Sitzungen ermöglicht, die Sitzungen in der Stadthalle sollen auch beibehalten werden. Es gibt Dinge, die nicht aufgeschoben werden können, zum Beispiel Bauarbeiten am Campus. Wir halten das Risiko gering, aber das Geschäft muss laufen. Das gilt übrigens auch für das Bürgerbüro: Das muss offen bleiben, so lange es geht. Sonst schieben wir irgendwann eine riesige Lawine von Arbeit vor uns her, die wir nicht mehr abarbeiten können. Wenn die Standards funktionieren, werden wir die Krise bewältigen.

Die öffentliche Debatte in Sachen Corona hat sich auch in Schopfheim verschärft. Es gab Proteste gegen die Maskenpflicht auf dem Wochenmarkt und in der Innenstadt, die Stadt hat einen Mitarbeiter freigestellt, der Sie als Bürgermeister deshalb sogar anzeigen wollte. Und schließlich fanden sich auch im Rathausbriefkasten Senf und Urin. Wie beobachten Sie das und was denken Sie, wie es sich entwickeln wird?

Ich denke, das geht nicht von den friedlichen Protesten auf dem Marktplatz aus. Ansonsten reden wir von mehreren Einzelfällen. Sorgen macht mir die Debatte nicht. Was mich ärgert, sind die feigen Anschläge auf das Rathaus und andere Einrichtungen. Wenn Menschen nicht mehr diskutieren wollen.

Wie sieht es bei den Auswirkungen auf die Stadtfinanzen aus? Es steht der Stadt ein nie dagewesenes Sparprogramm bevor, das vor allem die freiwilligen Leistungen – Schwimmbäder, Kultur – betrifft. Wie tief müssen die Einschnitte sein?

Die größte Aufgabe ist, schon im ersten Halbjahr herauszufinden, wo wir ganz konkret sparen können. Wir müssen schneller in die Gänge kommen, damit wir schon vor den Sommerferien wissen, wohin die Reise geht. Die Einschnitte werden tief sein. Es ist ein Problem, alles pauschal um 20 oder 30 Prozent zu kürzen. Damit kommen wir aber nicht weit. Wenn ich der Stadtbibliothek 30 Prozent des Etats kürze, wird sie so unattraktiv, dass keiner mehr kommt. Genauso wenig kann ich ein Schwimmbad mit 30 Prozent weniger Wasser befüllen. Eine Sache ist klar: Zwei Freibäder zu betreiben, ist absoluter Luxus.

Sie sprechen vom Höhenschwimmbad in Schweigmatt, das in den Spardiskussionen immer wieder an vorderer Stelle genannt wird, bisher aber oft verteidigt wurde...

Das Schweigmatter Bad ist eine heilige Kuh, aber wir müssen uns das ganz genau anschauen. Was steht in nächster Zukunft an? Wie lässt es sich finanzieren? Wenn dort ein größeres Gerät kaputt geht, kostet das schnell 80.000 oder 100.000 Euro. Da müssen wir andere Lösungen finden, vielleicht eine Interessensgemeinschaft gründen, Sponsoren und Gönner finden. Es wird viele Bereiche geben, in denen wir Abstriche machen müssen. Es wird nicht leicht, da zu vermitteln. Vielleicht können wir neue Einnahmequellen finden. Es gibt in unserer Bürgerschaft auch Potenzial dafür, dass sich für manche Dinge auch private Unterstützer finden. Musikvereine, Sportvereine, Kulturvereine oder Fasnächtler benötigen nicht nur Unterstützung der Stadt, sondern auch aus der Bürgerschaft. Ich bin überzeugt, dass es da in Schopfheim auch eine große Bereitschaft gibt.

Was erwarten Sie denn auf Schopfheims größter Baustelle, dem Schulcampus? Sprengt das Projekt in diesem Jahr die 40-Millionen-Marke?

Ich hoffe es nicht. Es ist schon so, dass wir auch weiterhin steigende Kosten haben werden, das wird sich in der nächsten Gemeinderatssitzung schon zeigen. Wir leben eben in einer Region, wo sich so etwas nicht anders machen lässt. Wir liegen bei mehr als 36 Millionen, jetzt müssen wir so gut es geht schauen, dass es dabei bleibt. Ich denke aber, in zehn Jahren redet da keiner mehr darüber. Dann kann die Stadt stolz sein auf ein Projekt mit Schule und Sporthalle, das sie auch unbedingt braucht.

Im Gemeinderat hat sich im vergangenen Jahr gezeigt, dass immer mehr Räte Beschlüsse zum Campus nicht mehr mittragen wollen. Es gibt oft Enthaltungen und Gegenstimmen, im Mai 2020 haben vor allem zwei Fraktionen auch den Fortgang des Projekts maßgeblich verändert, indem beschlossen wurde, dass das Mensagebäude erhalten werden muss. Wie wollen Sie den Rat in Sachen Campus „auf Linie“ halten?

Ich denke, jeder Stadtrat hat eine gewisse Verantwortung der Stadt und diesem Projekt gegenüber. Wir müssen schauen, dass es nicht weiter aus dem Ruder läuft. Etwas zu blockieren zum jetzigen Zeitpunkt wäre verantwortungslos. Es muss jetzt möglichst sauber durchgezogen werden. Nach 2022 wird das Gröbste überstanden sein. Im März kommt das Dach der Sporthalle drauf, da sieht man langsam auch, was da entsteht.

Was werden aus Ihrer Sicht die weiteren Schwerpunkte im Schopfheimer Jahr 2021?

Wir schauen, dass wir im Gemeinderat das gute Miteinander fortsetzen. Da gilt es vor allem, die verschiedenen Arbeitskreise wieder zu aktivieren: Verkehrsberuhigung Innenstadt, Zukunft des Krankenhauses, Ärzteversorgung, sozialer Wohnbau. Diese Themen kamen 2020 wegen Corona zu kurz.

Gerade beim Wohnraum zeigt sich in Schopfheim ein interessantes Bild: Es wird gebaut wie verrückt, aber die Bevölkerung geht zurück. Wie wollen Sie da gegensteuern?

Bezahlbarer Wohnraum ist uns wichtig, da müssen wir auch im Dialog mit Bauträgern Lösungen finden. Der Platzbedarf ist einfach gestiegen. Früher hat eine Familie zu viert in einer Dreizimmerwohnung gelebt und fuhr mit dem VW-Käfer in den Urlaub. Heute sind es ein VW-Bus und eine Doppelhaushälfte. Wir haben auf der anderen Seite viel Wohnraum, der praktisch ungenutzt ist, wo eine Person ein riesiges Haus bewohnt. Wenn man das Potenzial heben könnte, wären wir ein großes Stück weiter.

Stichwort Landespolitik: Während des ersten Lockdowns im Frühjahr hatten Sie mehrfach Kritik an den oft kurzfristigen und oft schnell überholten Verordnungen der Landesregierung geübt. Hat sich das inzwischen gebessert?

Im ersten Lockdown war es für alle schwierig, auch für die Landesregierung. Damals kamen die Verordnungen oft viel zu spät. Inzwischen sind alle etwas routinierter geworden. Es wiederholt sich vieles. Es gibt zwar noch Optimierungsbedarf, aber es ist besser geworden.

Es steht ein Wahljahr bevor. Ihr Amtsvorgänger Christof Nitz könnte für die CDU in den Landtag einziehen. Ein Vorteil?

Ich denke, das wird nicht unbedingt unser Nachteil sein. Wir hätten einen guten Draht. Ich kann mir schon vorstellen, dass er unser Städtchen nicht im Stich lassen würde.

Wo steht Schopfheim am Jahresende?

Ich hoffe, dass unsere Gastronomen, unser Gewerbe, unsere Unternehmen und natürlich unsere Bürger das Jahr gut überstehen und dass wir 2022 unser normales Leben zurückbekommen und wieder voll durchstarten können. Die dauernden Spaziergänge im Wald sind schön und gut. Aber ich würde viel lieber wieder auf Abendterminen sitzen – Hauptversammlungen, Sitzungen oder was auch immer. Daran merkt man nämlich, dass das Leben wieder Fahrt aufnimmt.

Fragen: Nicolai Kapitz