Es ist wieder Holzspäne-Flugzeit: Weil nur von Oktober bis Ende Februar Bäume, Gehölz und Sträucher genehmigungsfrei entfernt werden dürfen, kreischen die Motorsägen. Doch fliegen nicht nur Späne, sondern mitunter in der Nachbarschaft auch die Fetzen. Wenn es um Privatgrundstücke geht, sind der Stadtverwaltung indes die Hände gebunden. Das wirft die Frage nach einer Baumschutzsatzung auf.

Unmut

Die Dame am Telefon ist aufgebracht. „Ich bin entsetzt“, sagt sie über die Rodung auf einem Grundstück im Bremt beim stillgelegten Kanal. Dies ist nicht die einzige Beschwerde, den diese Zeitung dieser Tage erhält. Ein halbes Dutzend weiterer Anrufer sowie ein anonymer Briefeschreiber hauen in diese Kerbe. Von „Frevel an der Natur“ ist die Rede und davon, dass ohne vorherige nachbarschaftliche Gespräche selbst große, stattliche, gesunde Bäume „kleingemacht wurden“.

Die Beschwerden drehen sich dabei zwar um unterschiedliche Orte – eines aber haben sie gemein: In fast allen Fällen geht es um Privatgrundstücke. Einer der Empörten bringt die – aus seiner Sicht – Wurzel des Übels so auf den Punkt: „Leider gibt es keine Baumschutzverordnung in Schopfheim, jeder kann machen, was er will, und eine grüne Oase zerstören.“

Baumschutzsatzung

Tatsächlich zielen Baumschutzverordnungen darauf ab, wertvollen Baumbestand auf privatem Gelände ein Stück weit zu schützen. Ohne eine solche Satzung ist das Fällen von Bäumen buchstäblich Privatsache – zumindest von Oktober bis Ende Februar. Nur außerhalb dieses Zeitfensters bedarf es einer Genehmigung durch das Landratsamt. Mit einer Baumschutzsatzung jedoch kann eine Kommune auch für Private festlegen, ob, wie und unter welchen Voraussetzungen Bäume gefällt werden dürfen.

BUND-Sicht

Bei Klaus Böttger, dem Vorsitzenden der Schopfheimer BUND-Ortsgruppe, rennen solche Rufe offene Türen ein. Eine Baumschutzsatzung sei eine alte Forderung des BUND und der Grünen. Böttger erinnert daran, dass die Grünen vor gut zwei Jahrzehnten im Gemeinderat einen Antrag gestellt hatten, aber abgeblitzt seien. Auch bei ihm läutet dieser Tage ständig das Telefon, beschweren sich Bürger über Baumfällungen. „Aber da kann man nichts machen, wenn es um Privatgrundstücke geht und sich an die Frist gehalten wird, also die Fällung bis 1. März erfolgt.“ Lediglich gegen das Verbrennen von abgeschnittenem Holz könne man einschreiten. Das sei untersagt. Für Böttger ist klar: „Selbstverständlich brauchen wir so eine Satzung.“ Die wäre schon vor 20 Jahren sinnvoll gewesen – angesichts des Klimawandels aber „ist es umso dringlicher, dass man das jetzt anpackt. Eine Baumschutzverordnung bietet die Möglichkeit, auf Grundstücksbesitzer einzuwirken.“ Zwar „können dann auf Privatgrundstücken immer noch Bäume gefällt werden, wenn es triftige Gründe gibt. Zumindest aber wird das vorher geprüft.“

Sicht der Stadtverwaltung

Auch bei der Stadt sind „jede Menge Reklamationen und Beobachtungen eingegangen“, berichtet Stadtplaner Peter Egi. Das sei zwar üblich jetzt im Februar. In diesem Jahr allerdings häufen sich diese, weil viele Privatleute wegen der Witterung und des Schneebruchs „erst jetzt kurz vor Ablauf der Frist am 1. März dazu kommen.“ Unbestritten sei, so Egi, dass gerade „alte Bäume einen hohen Beitrag zum Klimaschutz leisten.“ Auch sei es wichtig, sie nicht ohne Not zu fällen, denn „bis ein junger Baum eine gewisse Größe erreicht hat, um wirksam Einfluss auf das Kleinklima zu nehmen, dauert es.“

Dass eine Baumschutzsatzung in Schopfheim bislang keine Priorität hatte, erklärt sich Egi damit, dass „wir ringsum viel Wald haben. Das Problem hatte sich daher in der Form bisher nicht gestellt.“ Doch diese Sichtweise ändere sich gerade. Für Egi ist klar: „Wir werden uns in Zukunft – der Klimawandel macht auch vor Schopfheim nicht Halt – damit beschäftigen müssen, ob wir so eine Satzung erstellen. Allerdings gibt es da einiges zu prüfen, weil wir in die Privatsphäre eingreifen.“ Beispielsweise könnten Bäume ab einer bestimmte Höhen oder ab einem festzulegenden Durchmesser unter Schutz gestellt werden.

Egi weist allerdings darauf hin, dass es für Bäume auf öffentlichem Grund in Schopfheim schon lange ein Schutzkonzept gibt. In einem Kataster ist der Standort jedes Baums inklusive Pflegeplans hinterlegt. So gesehen „muss man sich in Schopfheim tatsächlich nur für Privatgrundstücke etwas überlegen.“ Für das Kataster gibt es von Klaus Böttger vom BUND ausdrücklich Lob: „Das, was die Stadt da macht mit Bäumen im öffentlichen Bereich, ist sehr anerkennenswert und vorbildlich.“

Grundstück am Fahrnauer Kanal

Besonders aufmerksam wurde die Baumfällungen auf einem Grundstück im Bremt entlang des stillgelegten Kanals registriert. Interpretierte das mancher doch als Vorbereitung für eine Bebauung auf der Grünfläche westlich des Wasserspielplatzes und der Naturkita. Zwar handle es sich lediglich um Aufräum- und Sicherungsarbeiten durch den Eigentümer, teilt Egi mit. Zum einen seien diese wegen Schneebruchs erforderlich gewesen, zum anderem „saßen dort viele Bäume auf den alten Kanalmauern und hatten keinen richtigen Halt mehr“. Doch dass es „Planungsüberlegungen für Wohnbebauung“ gibt, sei kein Geheimnis, sondern bei der Klausurtagung des Gemeinderats vorgestellt worden. „Aber es gibt noch keinen städtebaulichen Entwurf. Wir klären jetzt erst einmal die Rahmenbedingungen ab.“ Da gehe es etwa um die Freileitungen, um den Abwassersammler und die Frage, wie groß der hochwassergefährdete Geländeanteil sei. Ganz wichtige Punkte seien auch eine Renaturierung des alten Gewerbekanals und der Erhalt des denkmalgeschützten Turbinenhauses. Eine „tolle Zone“ sei hier vorstellbar, so Egi. Das Grundstück sei allerdings derzeit noch als landwirtschaftliche Fläche ausgewiesen und reiche in den Außenbereich.

Um eine Bebauung zu ermöglichen, sei ein Umweltbericht beziehungsweise ein zweistufiges Planungsverfahren inklusive einer Teiländerung des Flächennutzungsplans erforderlich. „Das wird also noch dauern.“