Herr Götz, viele Erwachsene sind wie ihre jugendlichen Kinder ebenfalls Mitglied bei Facebook und nutzen auch Messenger-Dienste. Was können die in Ihrem Workshop noch lernen?

Um Anwenderwissen geht es vordergründig gar nicht, sondern um erzieherische Fragen und auch um die eigene Haltung im Zusammenhang mit digitalen sozialen Netzwerken. Die Eltern haben Befürchtungen, was ihren Kindern und Teenagern im Internet geschehen könnte. Darüber hinaus geht es darum, die politische Dimension von sozialen Netzwerken zu erkennen und im Idealfall daraus Schlussfolgerungen für das eigene private und politische Handeln zu ziehen.

Wie werden Sie in dem Schopfheimer Workshop konkret arbeiten?

Im Mittelpunkt steht das soziale Netzwerk Facebook. Mit zur Verfügung gestellten Tablets steigen wir mit den Teilnehmern ins Netzwerk ein und erarbeiten uns die Antworten auf die Fragen der Teilnehmer. Die Diskussion mit uns Medienpädagogen und der Teilnehmer untereinander hat dabei eine wichtige Funktion. Ziel ist es, den Eltern das Handwerkszeug mitzugeben, mit dem sie sich orientieren können. Das Allerwichtigste ist es, mit den Kindern und Jugendlichen im Gespräch zu bleiben und gemeinsam die Spielregeln auszuhandeln, die für sie in den sozialen Netzwerken gelten.

Was wäre eine typische wichtige Frage, auf die Eltern Auskunft suchen?

Da geht es darum, wie man die Kinder vor Missbrauch in jeglicher Hinsicht schützt. Wir müssen Kinder dazu befähigen, sich im Netz zu schützen und im Ernstfall auch zu wissen, wo sie sich Hilfe holen. Das sind in erster Instanz meistens die Eltern. Umso wichtiger ist es, dass die sich auskennen.

Wo sehen Sie weitere Risiken?

Zum Beispiel bei der sogenannten Filterblase. Fake News – unwahre Behauptungen, die als Wahrheit daherkommen, werden geglaubt und oftmals unkritisch weiterverbreitet. Gerade auf politischen Diskussionsforen sind Autoren unterwegs, die in tendenziöser und/oder manipulativer Absicht in die Diskussionen eingreifen. Oft werden solche Einmischungen auch von automatisierten Programmen ausgeführt, von sogenannten Social-Bot-Programmen, die vorformulierte Meinungen einschalten, sobald bestimmte Schlüsselwörter und Hashtags im Text auftauchen. Das Wichtigste ist, dass man weiß, dass es so etwas gibt.

Thema Datenschutz: Haben wir denn eine Chance, mitzuentscheiden?

Die größte Gefahr, die ich im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken wie Facebook sehe, ist, dass wir uns als Gesellschaft eben nicht einmischen und nicht mitentscheiden, was mit unseren Daten geschieht. Wir müssen in einen gesellschaftlichen Diskurs gehen. Vielleicht brauchen wir auch neue Gesetze. Darüber, was mit Big Data geschieht, mit all den Informationen, die auf sozialen Netzwerken eingestellt sind, entscheiden derzeit die großen Internetkonzerne wie Google, Amazon und Facebook – einfach deshalb, weil es niemand sonst tut. Dagegen bräuchte es eine gesellschaftliche Bewegung. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, das Geschäftsmodell von Facebook zu diskutieren und die Menschen so zum Nachdenken zu bringen.

Wie funktioniert dieses Modell?

Man kann Facebook ja nur scheinbar kostenlos nutzen. In Wahrheit bezahlt man mit seinen persönlichen Daten, welche wir freiwillig preisgeben. Diese Daten werden von Facebook genutzt, um Werbeplätze an Unternehmen zu verkaufen. Dies ermöglicht es den Unternehmen, personalisierte, auf die jeweiligen Personen zugeschnittene Werbebotschaften zu platzieren. Dieses Geschäftsmodell ist auch ein Thema, über das wir mit den Eltern diskutieren.

Wie bekannt ist dieses Geschäftsmodell eigentlich unter Jugendlichen?

Teilweise ist dies bestimmt bei den Jugendlichen bekannt, da Medienkompetenz ja auch im schulischen Unterricht behandelt wird. Schwierig wird es da, wo eine Unterscheidung zwischen Werbung und Inhalt kaum noch möglich ist. Gerade auf Youtube ein sehr gängiges Phänomen.

Gibt es eigentlich Alternativen zum sozialen Netzwerk Facebook?

Es gibt sie, aber nur wenige nutzen sie. Hier haben wir das Problem der kritischen Masse. Was bringt es mir, soziale Netzwerke wie Diaspora oder alternative Messenger wie Threema zu nutzen, wenn alle meine Freunde und Familie bei Facebook und Whatsapp sind?

Trotz aller Risiken: In welcher Weise bereichern soziale Netzwerke die Welt?

Der Lebensraum, der Erlebnisraum, der Aktionsraum wird viel größer. Bevor es die sozialen Netzwerke gab, war es zum Beispiel für Jugendliche auf dem Land oft schwer, mit ihren Interessen oder Hobbys Gleichgesinnte zu finden. Darüber hinaus kann ich mich mit der ganzen Welt vernetzen, meine Mobilität steigt. Gleichzeitig ermöglichen mir soziale Netzwerke, an viele Informationen zu kommen. Sie ermöglichen Menschen auch, sich zu organisieren. Der Arabische Frühling hatte seine Wurzeln in den sozialen Netzwerken.

Fragen: Susanne Filz

Der Workshop „Eltern/Pädagogen Online: soziale Netzwerke“ findet am Samstag, 16. Juni, von 9 bis 13 Uhr in der Kulturfabrik in Schopfheim statt. Eine schriftliche Anmeldung (www.vhs-schopfheim.de) ist erforderlich. Weitere Infos erfährt man auch unter Telefon 07622/673 91 80.

 

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