Mehr als 400 Jahre Geschichte stecken in den Gemäuern der „Sonne“. Das Gasthaus zählt zu den ältesten Gebäuden in Wieslet. Wie es mit dem Traditionslokal im Kleinen Wiesental weitergeht, ist allerdings ungewiss – es steht zum Verkauf.

„Historisches Gasthaus mit Charme“, so wird die „Sonne“ derzeit im Internet zum Kauf angepriesen. Und Charme hat das traditionsreiche Haus im Schwarzwaldstil durchaus. In der urigen Gaststube mit zwei Kachelöfen, Nebenzimmer und Gartenwirtschaft scheint es, als wäre die Zeit stehen geblieben.

Viele Wirte haben seit Anfang des 18. Jahrhunderts hier ihre Spuren hinterlassen. „Ich mache so lange weiter, bis ich einen Käufer gefunden habe“, sagt Heinz Hügin. Der 75-Jährige führt seit knapp 25 Jahren die Gaststätte – einen Großteil der Zeit gemeinsam mit seiner zwischenzeitlich verstorbenen Frau Gisela. Nun möchte Hügin aus gesundheitlichen Gründen aufhören. An manchen Tagen übernimmt er sowohl das Kochen als auch das Bedienen. Am liebsten wäre es ihm, wenn die Wirtschaft weiterbetrieben würde.

Doch die Zeiten hätten sich geändert, das Gaststättengewerbe sei härter geworden. Und: „Der Stammtisch stirbt aus“, sagt Hügin. Ein Wirt merke diesen Umstand besonders. Auch Gastronomie-Historiker Michael Fautz aus Hauingen begründet damit das Gaststättensterben vielerorts. In einer Zeit, in der es noch keine Autos, Fernsehen oder gar Internet gab, habe eine Wirtschaft teils vier Stammtische pro Woche gehabt. Gaststätten waren kultureller Mittelpunkt eines jeden Dorfes, sie hatten eine große kommunikative und soziale Funktion.

Sein Beruf, Fautz ist ehemaliger Beamter des Wirtschaftskontrolldienstes, hat ihn zu seinem Hobby gebracht. Seit über 40 Jahren forscht er in der Geschichte regionaler Traditionslokale und kann mittlerweile auf eine umfassende Sammlung an Postkarten, Speisekarten, Verkaufsanzeigen, Rechnungen und Chroniken von hiesigen Gaststätten zurückgreifen.

In seiner Sammlung befinden sich auch Bilder von der „Sonne“, etwa von einem Schlachttag in den 50er Jahren als Vorbereitung auf die Metzgete, von Gertrud Echsle an den Kochtöpfen, die in den 60er und 70er Jahren Sonnenwirtin war, oder von Heimatmaler Julius Kibiger, als er Ende der 60er Jahre die Außenfassade der „Sonne“ gestrichen hatte. Am Haus erhalten ist übrigens auch heute noch das über 200 Jahre alte schmiedeeiserne Wirtshausschild.

Ob die „Sonne“ die Reihe des Gaststätten-Sterbens im Kleinen Wiesental erweitert, wird sich zeigen. Insgesamt hat es in der Einheitsgemeinde 60 Gaststätten gegeben. Davon finden sich aktuell nur noch vier in Neuenweg (Haldenhof, Fischerhütte, Rosenstübchen und Maien), drei in Tegernau (Sennhütte, Ochsen, Kronencafé), zwei in Stockmatt (Wanderheim, Waldhorn), je eine in Niedertegernau (Rotenburg), Wies (Krone), Sallneck (Hirschen) und Ried (Adler) sowie eben drei in Wieslet (Maien, Krone, Sonne). Mit dem Umstand, dass Traditionshäuser schließen müssen, da sich kein Nachfolger findet oder sich der Betrieb nicht mehr rechnet, haben alle Gemeinden zu kämpfen, betont Fautz. Wenn auch mit etwas Wehmut kann Sonnenwirt Hügin diese Entwicklung akzeptieren: „Das ist eben der Lauf der Zeit.“