Festgesetzt in den eigenen vier Wänden, zur Untätigkeit verdammt und dabei noch im Ungewissen, ob man das Coronavirus in sich trägt oder nicht: Diese Erfahrung macht zur Zeit die Schopfheimer Familie Oehlmann. Seit Samstag, 14. März, ist die vierköpfige Familie vorsichtshalber in häuslicher Quarantäne. Alle vier zeigen Symptome der Lungenkrankheit Covid-19. Die Oehlmanns warten darauf, dass ihnen ein Abstrich für einen Test entnommen wird – bislang werden sie aber vertröstet. Ähnlich ergeht es einer dreiköpfigen Familie in Todtnau.

Familienvater Dirk Oehlmann aus Schopfheim war vor kurzem geschäftlich in Madrid und arbeitete dort mit einem Kollegen, der nun im Nachgang positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Seit seiner Heimkehr am Donnerstag vor anderthalb Wochen hat die gesamte Familie Symptome der durch das Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19: „Wir alle haben Husten, Fieber und Gliederschmerzen“, berichtet Dirk Oehlmann am SK-Telefon. Der 43-Jährige informierte das Gesundheitsamt. Seit Samstag sitzen er, seine Frau Lucia und die beiden Töchter Sophia (13) und Isabell (3) zu Hause fest.

Seit vergangenem Montag hoffen die Oehlmanns auf einen Test, der Klarheit bringen sollte: Ist die Familie infiziert oder nicht? Doch Dirk Oehlmann wurde erst einmal vertröstet. „Man hat uns gesagt, dass es zwei bis drei Tage dauern wird“, berichtet Lucia Oehlmann. Besonders seltsam für das Ehepaar: Seit einigen Tagen bekommen sie vom Gesundheitsamt die Auskunft, dass nur noch Risikofälle – also ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen – auf die Infektion getestet werden. Dabei kennen die Oehlmanns Fälle aus ihrem Umkreis, bei denen ein Test im Handumdrehen innerhalb weniger Tage über die Bühne gegangen sei.

Die Schopfheimer Familie ist also im Unklaren und muss weiterhin die Wohnung hüten. Versorgt werden sie von Dirk Oehlers Mutter. Sie ist 70 Jahre alt und zählt damit zu jenen, die Kontakt zu Infizierten nach Möglichkeit meiden sollen. „Es ist schlimm, wenn man nicht weiß, ob man das Virus hat oder nicht“, erzählt die 43-jährige Lucia Oehlmann. „Das Problem ist nicht, dass wir zu Hause sitzen müssen. Das Problem ist, dass wir andere damit belasten. Und wir fühlen uns verlassen.“ Das Paar will Klarheit. „So sitzen wir hier und üben schonmal für die Ausgangssperre“, sagt Dirk Oehlmann auch mit Blick auf seine Töchter hofft, dass die Sache nun schnell geklärt wird.

Alle Symptome inklusive Verlust des Geruchssinns

Oehlmanns sind im Wiesental kein Einzelfall: Peter H. (Name von der Redaktion geändert) aus Todtnau ist sich sogar sicher, dass er das Coronavirus in sich trägt. Er hat seit zwei Wochen alle Symptome der Krankheit Covid-19. „Auch den Verlust des Geruchssinns für einige Zeit“, sagt er am Telefon. Nicht nur er ist krank, auch seine Lebenspartnerin und der kleine Sohn. Beim Telefonat mit dieser Zeitung hat der Mann nach eigenen Angaben 38,5 Grad Celsius. „Mir geht es langsam besser, aber bei meiner Frau steigt der Husten an“, sagt der Unternehmer.

Er ist sich zwar sicher, dass alle drei aus eigener Kraft mit dem Virus fertig werden („Was bleibt uns auch anderes übrig?“). Aber er ist empört, dass er und seine beiden Lieben nicht zum Coronavirustest vorgelassen wurden. „Unser Hausarzt hat gesagt, dass wir keinen Test machen dürfen, da wir uns nicht in einem Risikogebiet aufgehalten haben“, sagt er. Allerdings gab es Kontakt mit einem Geschäftspartner, der in Tirol im Februar Ski fahren war. Heute weiß man, dass von dort das Coronavirus nach ganz Europa gelangte. Auch der Geschäftspartner als mögliche Ansteckungsquelle zeige alle Covid-19-Symptome, sei aber ebenfalls nicht getestet worden.

All diese Umstände reichen nicht, um einen Abstrich machen zu dürfen, so sehr Peter H. auch darauf drängt. Einen Influenzatest hingegen gab es (negativ). Die Beunruhigung ist groß, der Ärger über das Verhalten von Ärzten und Behörden noch mehr. „Alle Aussagen sind so gegensätzlich“, sagt der Todtnauer. Die Arztpraxen als erste Anlaufstelle für Kranke handelten unterschiedlich und widersprüchlich: Manche wollten zuerst eine Anmeldung, bevor man eintritt, andere Ärzte arbeiteten mit Schutzkleidung, und wieder andere ganz so wie immer. Der Hausarzt habe zum Thema Coronatest gesagt: „Ist er negativ, sind Sie immer noch krank und sollten den Kontakt zu Kunden vermeiden. Ist er positiv, eben auch.“ Die Aussage konnte Peter H. nicht wirklich beruhigen. Er ist selbstständig und bangt um die Existenz seiner Firma, wenn er noch länger daheim bleibt. Seit zwei Wochen befindet er sich in freiwilliger Quarantäne. Sollte er mit seiner Vermutung richtig liegen, würden er und seine Familie zur Dunkelziffer der Coronavirusträger gehören – so wie womöglich Dirk und Lucia Oehlmann und ihre Kinder.

Immunität gegen das Virus als Basis, um anderen zu helfen

„Wenn ich das Virus hätte, wäre ich vielleicht sogar froh“, sagt Dirk Oehlmann. Er habe zwar Symptome, aber die seien nicht heftiger als bei einer normalen Grippe. „Und auch mein infizierter Arbeitskollege steckt das ganz gut weg.“ Mit einem positiven Test hätte er Klarheit, „und wenn ich dann unter Umständen immun wäre, könnte ich mir vorstellen, als Helfer tätig zu werden. Ich kann dann ja nicht mehr angesteckt werden“, sagt der Familienvater.

„Es ist nicht meine Absicht, den Helfern im Gesundheitsamt eins auszuwischen. Es geht mir auch darum, andere Familien zu warnen, dass unser Gesundheitssystem schon jetzt am absoluten Anfang der Krise bereits dermaßen überfordert scheint, dass ein normaler Testablauf nicht mehr garantiert werden kann.“ Was Dirk Oehlmann erlebe, sei „eine ganz andere Realität als diejenige, die uns seit Wochen im Fernsehen von den Verantwortlichen suggeriert wird“, sagt er.

Diese Erfahrung lasse ihn für die kommenden Wochen wirklich nichts Gutes erwarten.