Hinter Paul Hailperin liegt eine Zeit, an die er sich nicht gerne zurückerinnert: Der gebürtige US-Amerikaner, der seit 40 Jahren im Zeller Bergdorf Riedichen lebt, lange für die Grünen im Kreisvorstand war und sich hier auch in Vereinen und sozial engagiert, wollte sich unter anderem wegen der Wahl von US-Präsident Trump ausbürgern lassen und vom US-Bürger zum Deutschen werden – mit 70 Jahren. Inzwischen hat er den deutschen Pass. Aber dafür musste er eine mehr als ein Jahr dauernde, nervenaufreibende Odyssee durch die Hürden der deutschen und der US-Bürokratie hinter sich bringen – und auch noch eine ziemliche Summe ausgeben.

Das Dokument, das die erfolgreiche Ausbürgerung bestätigt, bekam Paul Hailperin im Februar vom Konsulat in Frankfurt.
Das Dokument, das die erfolgreiche Ausbürgerung bestätigt, bekam Paul Hailperin im Februar vom Konsulat in Frankfurt. | Bild: Nicolai Kapitz

„Es gibt viele Gründe, warum ich diesen Schritt gegangen bin“, erzählt Paul Hailperin. Er ist vor einigen Tagen 71 Jahre alt geworden. Mehr als die Hälfte seines Lebens – 40 Jahre – lebt der recht zierliche Mann mit der großen, runden Brille, dem langen grauen Bart und der sonoren Stimme schon im Zeller Bergland. Von seinem Wohnzimmer im Riedicher Weiler Hütten aus reicht der Blick zum Zeller Blauen und weiter bis fast zum Belchen. Er fühlt sich als echter Riedicher. Hier, hoch über dem Tal, hat er mit seiner Frau Almut die drei Kinder großgezogen und kümmert sich heute ab und zu um die drei Enkel. Und schließlich unterstützt er hier auch den Männerchor, den seine Frau leitet, im Bass.

„Einer der entscheidenden Gründe ist Donald Trump“, sagt Paul Hailperin und nimmt einen Schluck Kaffee. „Vielleicht hat Trump sogar den Ausschlag gegeben.“ Mit der Politik des Republikaners ist der Wahl-Riedicher ganz und gar nicht einverstanden. „Er ist sicher nicht mein Präsident. Not my president“, sagt er. Aber als echter Riedicher engagierter Bürger gab es für Paul Hailperin noch einen zweiten wichtigen Grund, sich in Deutschland einbürgern zu lassen: „Ich bin Demokrat. Und ich möchte endlich auch hier an der Demokratie teilhaben und mitgestalten.“ Im Rahmen seiner Möglichkeiten hat er das bisher auch getan: Er ist immer noch Mitglied der Grünen, für die er lange Zeit auch im Kreisvorstand tätig war. Nur abstimmen durfte er nicht – als Ausländer dürfen das bei kommunalen Wahlen in Deutschland nur Menschen aus EU-Mitgliedsstaaten. „Als Amerikaner bist du da Ausländer dritter Klasse“, sagt Paul Hailperin mit einem höhnischen Lächeln.

Also machte sich der Instrumentenbauer und frühere Profi-Oboist vor mehr als einem Jahr daran, seinen Nationalitätenwechsel vorzubereiten – der Beginn eines kräftezehrenden Ritts durch verschiedene Ämter und Behörden inklusive kompliziertem Postverkehr. Damit er nicht zwischendurch ohne Dokumente dasteht oder gar staatenlos wird, ging es zunächst darum, bei der Ausländerbehörde am Landratsamt in Lörrach die Einbürgerung nach Deutschland zu beantragen. „Einreichen musste ich einen Lebenslauf, ein Bild, meine Ausweise, eine Aufenthaltserlaubnis, Steuererklärungen, einen Grundbuchauszug, Belege für die Alterssicherung und eine aktuelle Geburtsurkunde.“ Das Amt akzeptierte allerdings nicht die originale Urkunde von 1947 – Paul Hailperin musste eine aktuelle Urkunde besorgen. In seiner Geburtsstadt Bethlehem im US-Bundesstaat Pennsylvania musste er das Dokument beantragen. „Das ging zum Glück im Internet, war aber teuer“, erinnert er sich. Die Urkunde musste er auch noch amtlich anerkannt auf eigene Kosten übersetzen lassen.

Der Schriftverkehr mit den Ämtern füllt mittlerweile einen ganzen Ordner. Bild: Nicolai Kapitz
Der Schriftverkehr mit den Ämtern füllt mittlerweile einen ganzen Ordner. Bild: Nicolai Kapitz

Das Amt verlangte auch eine Heiratsurkunde. Die musste Paul Hailperin in Wentorf bei Hamburg – dort fand seinerzeit die Hochzeit statt – beantragen. „Die zehn Euro Verwaltungsgebühr akzeptierte die Gemeinde aber nur in bar und nicht per Überweisung“, erinnert sich der 71-Jährige. Am Ende schickte er einen Brief mit einer Zehn-Euro-Note nach Reinbek zum Standesamt. „Eigentlich wollten die, dass ich das persönlich dort einzahle“, sagt Paul Hailperin und lacht.

Dann bestand eine der Sachbearbeiterinnen am Landratsamt in Lörrach darauf, dass er das Zertifikat über die Teilnahme an einem Deutschkurs vorlegt. „Ich lebe seit den 60er-Jahren in deutschsprachigen Ländern“, erzählt Paul Hailperin, der in der Schweiz Musik studierte und als Orchestermusiker in Wien und Zürich tätig war. Er spricht absolut fließendes Deutsch, wenn auch mit einem leichten US-Akzent. „Aber das hat das Amt nicht akzeptiert.“ Erst ein genauerer Blick auf seinen amerikanischen Pass half: Wer älter ist als 70 Jahre, muss den Sprachtest nicht machen – eine Hürde weniger. Schlussendlich bekam Paul Hailperin im November 2017 die Zusage, deutscher Staatsbürger werden zu können.

Der weitaus schwierigere und auch teurere Teil der Geschichte geht aber auf das Konto der US-Bürokratie. „Renunciation“ – wörtlich übersetzt Entsagung oder Abkehr – nennt sich der Akt der Ausbürgerung, der in den USA ganz offenbar nicht gerne gesehen wird. „Ein Grund könnte sein, dass US-Bürger im Ausland verpflichtet sind, in den USA Steuererklärungen abzugeben und Steuern zu bezahlen“, sagt Paul Hailperin, der seit 40 Jahren in Zell seine Steuern zahlt. „Die Behörden machen es Ausbürgerungswilligen jedenfalls nicht leicht.“ Zunächst musste er Kontakt mit dem zuständigen Konsulat in Frankfurt am Main aufnehmen. Die Behörde verlangte dann Nachweise über die Steuererklärungen der vergangenen fünf Jahre. Das Problem: Die USA stellen ihren Bürgern grundsätzlich gar keine Steuerbescheide aus. Nur wenn es nach drei Jahren keinen Einspruch der Steuerbehörde gibt, gilt die Steuererklärung stillschweigend als angenommen. Nachweisen musste er es trotzdem, es gelang ihm, indem er die Steuererklärungen per Express mit Zustellnachweis nach Texas schickte. „Über diese ganze Sache mit den Steuern wird man vonseiten der USA überhaupt nicht aufgeklärt“, ärgert sich Paul Hailperin. Die Strafen für ausbleibende Steuererklärungen seien dagegen ziemlich hoch. Nachdem er die Belege eingesandt hatte und diese akzeptiert wurden, zitierte ihn das Konsulat im Frühjahr nach Frankfurt. „Als erstes musste ich dort meinen Pass abgeben“, erinnert er sich. Und dann musste er 2350 US-Dollar Gebühr bezahlen – wofür, das konnte ihm niemand sagen. Schließlich gab es noch ein Verhör beim Konsul. „Der hat dann versucht, mir Angst zu machen und mich umzustimmen“, erzählt Paul Hailperin. „Ich hätte in den USA überhaupt keine Rechte mehr, eine Ausbürgerung sei eine ernste Sache, ich solle mir das noch einmal überlegen.“

Aber Paul Hailperin hatte genug überlegt – er wollte nur noch weg. Das Problem: weil das Konsulat ihm den Pass abgenommen hatte und er noch keinen deutschen Ausweis hatte, war er einige Monate ohne Papiere. „Und ich konnte überhaupt nichts dafür“, ärgert er sich rückblickend. Also trug er ein Schreiben, in dem das Landratsamt Lörrach seine Passlosigkeit bestätigt, ständig bei sich – falls er sich ausweisen und die Sache erklären muss.

Im April kam endlich die lang ersehnte Einbürgerungsurkunde aus Lörrach und damit konnte er im Zeller Bürgerbüro seinen deutschen Pass beantragen und später abholen. „Ich war sehr erleichtert“, erinnert er sich. Insgesamt dauerte die Prozedur gut anderthalb Jahre – und hat, so schätzt Paul Hailperin, inklusive aller Gebühren und Kosten um die 7000 Euro gekostet. Die Gebühren für die Einbürgerung in Deutschland machen mit 255 Euro davon noch den kleinsten Teil aus. „Aber das war es wert“, sagt Paul Hailperin. Denn jetzt kann er endlich darauf verzichten, in den USA Steuererklärungen einzureichen. Er kann sich jetzt im Wiesental an allen Wahlen beteiligen, die erste wird die Kommunalwahl 2019. „Darauf freue ich mich sehr“, sagt Paul Hailperin. „Auch wenn es erst sehr spät im Leben geschieht.“

Eine Brücke in die USA hat er immer noch: Seine 98-jährige Mutter lebt noch in Nazareth, Pennsylvania, der Nachbarstadt von Bethlehem. „Ich werde sie wieder regelmäßig besuchen“, kündigt Paul Hailperin an. „Sie ist noch topfit.“