Für viele sind sie der blanke Horror, in Gruselfilmen sind sie Hauptdarsteller, ihr Aussehen lässt bei manchen die Haare zu Berge stehen: Vogelspinnen sind nicht unbedingt das, was sich der Normal-Bürger unter einem kuschligen Haustier vorstellt. Und doch gibt es viele Halter und Züchter, die mit den achtbeinigen, haarigen Gesellen gut können. In Hasel zum Beispiel leben Manuela Eberle und Florian Meier mit rund 100 Tieren unter einem Dach. Und in Schopfheim trifft sich einmal im Monat ein Vogelspinnen-Stammtisch mit Teilnehmern aus der ganzen Region.

Die Stammtischler tauschen auch Tiere untereinander aus – hier Markus Meile und Johannes Bockstaller.
Die Stammtischler tauschen auch Tiere untereinander aus – hier Markus Meile und Johannes Bockstaller. | Bild: Nicolai Kapitz

Ein Samstagabend im Oktober: Gegen 18 Uhr ist vor dem Gasthaus Sternen eine Tafel gedeckt. Noch kann man in diesem Herbst um diese Uhrzeit draußen sitzen. Und das tun die rund 20 Gäste, die diese Tafel reserviert haben, auch ganz gerne. „Manchmal sind wir nur acht, manchmal fast 30“, erklärt Markus Meile. Der 52-Jährige kommt aus Freiburg, er hat den „Vogelspinnen-Stammtisch“ Anfang 2017 mitbegründet. Über Facebook haben sich Vogelspinnenfreunde im Internet verabredet, am Anfang trafen sie sich in Hasel. Zur besseren Erreichbarkeit für die Gäste aus Freiburg oder von noch weiter her wurde die Sache dann in den „Sternen“ verlegt. Und hier wird nun einmal im Monat über die Tierchen gefachsimpelt, es werden Erfahrungen ausgetauscht – und auch Spinnen selbst. Man ist per Du. „Wenn man Spinnen hält, wird man irgendwann auch zum Züchter“, sagt Markus. Beim Stammtisch werden dann Jungtiere weitergegeben – oder man leiht schon mal ein Männchen aus, um dem Kollegen eine Nachzucht zu ermöglichen.

Fernando Rivas-Boubeta, er kommt aus der Ortenau, holt ein Plastikkästchen unterm Tisch hervor. Vorsichtig hebt der 47-Jährige den Deckel. Eine „Xenesthis“ sitzt drin. Die Vogelspinnenfreunde betrachten das untertassengroße, schwarz-bronzefarbene Tier gespannt, es bleibt ruhig in seiner Box sitzen. „Rausnehmen darf ich sie nicht, das will der Wirt nicht“, sagt Fernando.

Fernando Rivas-Boubeta (links) und Markus Meile sind schon seit Jahrzehnten echte Experten.
Fernando Rivas-Boubeta (links) und Markus Meile sind schon seit Jahrzehnten echte Experten. | Bild: Nicolai Kapitz

Haltung erfordert Fingerspitzengefühl und Wissen

Die Stammtischler nennen ihre Tiere immer beim lateinischen Fachnamen. Der deutsche Name der „Xenesthis“ fällt spontan niemandem ein. Die Vogelspinnenhalter sind Fachleute. „Ganz viel Wissen“, sagt Fernando auf die Frage, welche Voraussetzungen es denn braucht, wenn man eine Vogelspinne halten möchte. „Man muss sich einlesen. Wer glaubt, dass man sich einfach so eine Spinne in ein Terrarium setzen kann, der liegt falsch.“ Die Haltung erfordert Fingerspitzengefühl und Wissen über die Ernährungs- und Lebensweise der Spinnen. Die Zucht erfordert darüber hinaus auch noch Erfahrung und Wissen über das Paarungsverhalten.

Vogelspinnen gibt es in unterschiedlichen Farben. Das übt auf die Halter und Züchter eine besondere Faszination aus. Für manch andere sind die Tiere gruselig.
Vogelspinnen gibt es in unterschiedlichen Farben. Das übt auf die Halter und Züchter eine besondere Faszination aus. Für manch andere sind die Tiere gruselig. | Bild: Manuela Eberle

„Das kommt im Lauf der Jahre“, erklärt Manuela Eberle. Sie fasziniert an den Tieren ihre Vielseitigkeit, auch farblich. „Da gibt es alle möglichen Farbtöne. Blau, Lila, Grün, Orange.“ Wenn Manuela ins Erzählen kommt, ist sie kaum zu stoppen. Als junges Mädchen ist sie zu diesem Hobby gekommen, als ihr Bruder auszog und ihr seine Vogelspinne vermachte. Inzwischen ist die 29-Jährige selbst erfahrene Züchterin. Sie lebt in Hasel und ist ebenfalls Stammtisch-Mitbegründerin. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Florian Meier – sie haben sich beim Vogelspinnen-Stammtisch kennengelernt – hält sie um die 100 Tiere in Terrarien in ihrer Wohnung. Ein paar Krebse, Skorpione, Fische, eine Schildkröte, zwei Katzen und ein Hund runden die Tiersammlung ab – alles zur Freude der beiden kleinen Söhne von Manuela, die sich, so erzählt sie, an den Terrarien gar nicht sattsehen können. „Gefährlich sind die Spinnen nicht“, sagt ihr Freund Florian. „Viele Menschen haben da ein falsches Bild. Wenn eine Vogelspinne zubeißt, dann ist das in der Regel so, als ob eine Wespe zusticht.“

„Jeder Hamster kann fester zubeißen“

Bei Allergikern ist zwar Vorsicht geboten, aber in aller Regel sei der Spinnenbiss harmlos. Zwar gibt es richtig gefährliche Giftspinnen, aber die gehören nicht zu den Vogelspinnen und sind bei den Sammlern nicht zu finden. „Vogelspinnen beißen meistens gar nicht durch die Haut. Und wenn, dann injizieren sie meistens kein Gift. Jeder Hamster kann fester zubeißen“, sagt Florian. Der 34-Jährige arbeitet in einem Zoofachgeschäft, er weiß bestens Bescheid. „Die Spinne wird nie eine Beziehung zum Menschen eingehen, so wie andere Haustiere. Deshalb kann man bei ihnen total natürliches Verhalten beobachten.“ Es kommt schon einmal vor, dass eine weibliche Spinne ein männliches Exemplar tötet, bevor es überhaupt zur Paarung kommen kann. „Das Risiko hat man als Züchter“, schmunzelt Florian.

Bild: Nicolai Kapitz

„Man muss Zeit und Nerven haben“, sagt Markus Meile. Mehr als 200 Spinnen hat er zu Hause, von allen Kontinenten, auf denen die Tiere heimisch sind – also vor allem aus Afrika, Asien, Australien und Südamerika. Er führt einige der Spinnenfreunde an den Kofferraum seines Autos. Ein paar Exemplare hat er dabei, eines will er einem Züchter mitgeben. „Manchmal fragen Leute, warum ich diese Monster daheim habe“, sagt er und lacht. „Aber meine Freundin hat sich schon dran gewöhnt.“

Die Spinnenzüchter haben Verständnis, wenn sich Menschen ekeln oder Angst haben. „Aber das kann man therapieren“, sagt Johannes Bockstaller. Der 32-Jährige kommt aus Langenau, lebt inzwischen in Freiburg und besitzt eine sogenannte Therapiespinne. Damit nimmt er Phobikern Angst vor den achtbeinigen Krabbeltieren. „Sie heißt Hannelore. Denn vor einer Hannelore hat niemand Angst“, sagt er lachend. Johannes schult gemeinsam mit Hannelore auch Feuerwehrleute und Polizisten für Einsätze, bei denen herrenlose Exoten – also auch Vogelspinnen – gefunden werden. „Sowas häuft sich immer mehr“, erzählt er. „In Freiburg wird alle neun Tage eine herrenlose Vogelspinne gefunden.“

Bild: Nicolai Kapitz

Bei dem Hock bei – für einen Oktoberabend – sehr lauen Temperaturen kommt bei diesem Thema natürlich die Frage auf, ob angesichts steigender Temperaturen Vogelspinnen nicht auch in Europa heimisch werden können. „Es gibt europäische Vogelspinnenarten“, sagt Manuela. „Die leben zwar eher in Süd- und Südosteuropa. Aber wenn es hier immer wärmer wird, ist das vielleicht irgendwann ein Thema.“