Ihren 100. Geburtstag hat die Volkshochschule Schopfheim am Freitag mit einer langen Nacht voller Musik, Gesang, Tanz, Schnupperkursen für Fremdsprachen, Mitmach-Aktionen, einem Polit-Talk und Kulinarischem aus vielen Ländern gefeiert. Herzstück der Jubiläumsfeier ist die Kunstausstellung „Lernkörper“, die bei der Eröffnung sehr viel Publikum in die Kulturfabrik zog. Fünf Künstlerinnen und Künstler aus der Region zeigen in Fotografien, Zeichnungen, Malerei und Video ihre Sichtweise auf die VHS.

Wie sehen Kunstschaffende den Alltag in dieser Bildungseinrichtung, wie interpretieren sie die Menschen, Inhalte, Räume in diesem Haus? Das war die Grundidee, die VHS-Leiterin Katrin Nuiro mit diesem ungewöhnlichen Projekt angestoßen hat. Kuratorin Ruth Loibl hat die Schau konzipiert, organisiert und aufgebaut. Sie erläuterte bei der Vernissage die verschiedenartigen Herangehensweisen der beteiligten Künstler. Diese sind, bevor sie zu Pinsel oder Kamera gegriffen haben, in die VHS gegangen, um vor Ort Eindrücke zu sammeln, den Kursalltag kennenzulernen und sich für ihre Werke inspirieren zu lassen. Herausgekommen sind vielfältige und spannende künstlerische Positionen zum Thema VHS.

  • Digitale Leuchtfotos: Die Schopfheimer Fotografin Luis Lenz porträtierte Teilnehmer eines Integrationskurses. In ihren digitalen Fotografien, die am Computer bearbeitet sind, erscheinen die Gesichter der Frauen und Männer aus aller Welt ausdrucksstark in leuchtkräftigen intensiven Farbtönen. Die Köpfe der Porträtierten sind ausgeschnitten, aus ihrer Alltagsumgebung herausgeholt und in eine Atmosphäre voller Farbigkeit und Lichteffekte getaucht. Luis Lenz habe die Porträtierten wie auf einer farbigen Bühne ins Licht gerückt, deutete es Kuratorin Loibl.
  • Bilder voller Konzentration: Die Menschen in der VHS stehen auch im Fokus von Nina Ruth Urban. Die Fotografin aus Wittlingen hat ebenso Teilnehmerinnen aus einem Sprachkurs aufgenommen, aber ganz anders als Lenz, in analoger Fotografie mit einer Mittelformatkamera. Durch den langsamen Arbeitsprozess in dieser Technik erhalten die Bilder eine Atmosphäre der Konzentration und Ruhe. In einem Gruppenbild stehen vier Frauen aus dem Sprachkurs einträchtig zusammen und strahlen doch Individualität aus. Urban hat Besucher und Mitarbeiter der VHS im jeweiligen Kursumfeld fotografiert, einen Vater mit Kind beim Babyschwimmen oder eine Frau, die sich zur Alpaka-Wanderung aufmacht. In einem Moment des Innehaltens hat die Fotografin eine Reinigungskraft im Flur und den Hausmeister mit einem Stapel Stühle vor die Kamera geholt.
  • Fotos mit uralter Kamera: Ebenfalls analoge Fotografien sieht man von Christoph Màdico Bosch. Seine Serie „100 Jahre“ entstand mit einer Kamera aus der Gründerzeit der VHS. Der Fotokünstler aus Rheinfelden hat im Ferienprogramm des Dorfstübli Maulburg Kindern und Jugendlichen die Grundlagen dieser alten Fototechnik beigebracht. Er ließ die Jungen und Mädchen mit der historischen Kamera arbeiten und auch im Labor experimentieren. Für die Fotoserie standen die Kinder dann Modell, um selbst zu erfahren, wie man vor 100 Jahren fotografiert worden ist: ruhig und still aufrecht stehend, frontal zur Kamera, in statischer Haltung. Als Brücke ins Heute und in die Zukunft halten die Kinder der Handy- und Twitter-Generation Glaskugeln in den Händen.
  • „Raumschnipsel“ in Tusche: Zwei Wochen lang hat sich Eva Früh für das Projekt in der VHS aufgehalten. Die in Waldshut lebende Künstlerin war jeden Tag einige Stunden lang als Gast vor Ort, um verschiedene Räume und Gegenstände zu zeichnen. In zarten skizzenhaften Tuschelinien auf Papier zeichnete sie das, was sie wahrgenommen hat: Ausschnitte von Räumen und Alltagsdinge, Bürostühle, Schreibtische, Aktenordner, Computer, Lampen, Pflanzen. Diese „Raumschnipsel“, wie es Loibl nannte, hat die Zeichnerin in ein filigranes Netz von Linien verwoben. Die Grenzen der Räume sind aufgehoben, die Gegenstände erhalten ein geheimnisvolles Eigenleben in diesen komplexen luftigen Blättern, in denen die Menschen ausgespart sind. Als Wandinstallation hat Eva Früh rund 100 dieser Tusche-Arbeiten dicht gehängt, so dass sich die subtile Bildwelt entfalten kann.
  • Das Pfeifen auf Gomera: Den vielleicht ungewöhnlichsten Ansatz zum Thema VHS und Lernen hat der Maler Peter Bosshart gewählt: Angeregt von Fremdsprachenkursen, hat er sich mit der traditionellen „Pfeifsprache“ El Silbo beschäftigt, die auf La Gomera noch heute unterrichtet wird. Auf der Kanareninsel hat Bosshart ein Video gedreht, in dem dieses Kommunizieren mittels Pfeiftönen vorgeführt wird. Außerdem hat der Maler Eindrücke der Landschaft auf La Gomera in kraftvollen Ölbildern auf Leinwand umgesetzt: Bilder von Kakteen, Palmen, der elementaren Natur auf der Insel oder einer Badenden, gemalt in reduzierten, Formen und Farben. In einer Audioinstallation tönt es vor dem VHS-Eingang „Auf Wiedersehen“.

Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist bis 27. Oktober mittwochs, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr zu sehen.