Seit 125 Jahren lädt der Aussichtsturm auf der Hohen Möhr bei Raitbach Wanderer zur Rast ein, bietet auf gut 1000 Metern Höhe eine atemberaubende Aussicht. Zum Jubiläum blickt der SÜDKURIER auf die Geschichte und verschiedene Aspekte des Wahrzeichens. Heute: die Baugeschichte des Turms.

Sehnsucht nach einem Turm

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist von der beginnenden Industrialisierung und einer zunehmenden Landflucht in die Städte geprägt. Damit wächst gleichzeitig das Bedürfnis der Menschen nach Ruhe und Erholung in der unverfälschten Natur. Überall in Deutschland werden Wandervereine gegründet und Aussichtstürme gebaut. Bei der allgemeinen Turmbegeisterung – bis 1914 hatte der Schwarzwaldverein 62 Aussichtstürme erbauen lassen – ist es nicht verwunderlich, dass auch die Schopfheimer Sektion des Schwarzwaldvereins schon kurz nach ihrer Gründung 1883 darüber nachdenkt, einen eigenen Aussichtsturm auf der Hohen Möhr zu errichten. Da sich die Finanzierung schwierig gestaltet und die Instandsetzung des Bärenfelstrums bei Wehr Priorität genießt, findet die Grundsteinlegung auf der Hohen Möhr erst zehn Jahre später am 24. Juli 1892 statt.

Bau mit Hindernissen

Nachdem der Turm auf die Hälfte der veranschlagten Höhe fertiggestellt ist, muss man feststellen, dass der verwendete Mörtel nicht tragfest ist. Um einen Abbruch und Wiederaufbau zu vermeiden, wird der obere Teil in Holzbauweise vollendet. Bei seiner Fertigstellung im Herbst 1893 belaufen sich die Gesamtkosten auf 7825 Mark. Das entspricht etwa 415 000 Euro in heutiger Kaufkraft. Anlässlich der Einweihungsfeier im Kurhaus Schweigmatt am 20. Mai 1894 gibt es unter anderem „Möhrenturm von Croquant mit Schlagrahmfüllung“, wie der Speisekarte zu entnehmen ist. Bereits zur Jahrhundertwende hat der Schwarzwaldverein alle Schulden aus dem Turmbau abbezahlt.

Feuer und Inflation

1904 brennt der Holzverschlag im Sockel. Ein Brandstifter kann nicht gefunden werden. 1922 steht der Turm erneut in Flammen. Durch einen Blitzschlag brennt der gesamte Holzaufbau nieder. Durch die Hyperinflation belaufen sich die Wiederaufbaukosten am Ende auf 187 Millionen Mark. In Zeiten der rapide zerfallenden Währung vertraut die Stadt Zell auf den Symbolwert des steinernen Wahrzeichens und gibt am 1. November 1923 einen Notgeldschein zu 30 Milliarden Mark mit dem Bild der Hohen Möhr heraus. Entsprach diese Summe im Sommer 1923 noch den 160-fachen Wiederaufbaukosten des Turmes, konnte man davon Anfang Dezember nicht mal mehr ein Ei kaufen. Unter diesen Bedingungen kann der Wiederaufbau nur gelingen, weil der Schwarzwaldverein Basel großzügig mit harten Schweizerfranken aushilft.

Nach dem Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg muss der inzwischen arg in die Jahre gekommene Holzaufbau 1950 grundsaniert werden. 1953 werden zehn Eisenbänder zur Stabilisierung des Mauerwerks um den Turm gelegt. 1963 werden die 25 000 Holzschindeln des Außenmantels komplett ersetzt und das Dach und die Brüstung repariert. Als bekannt wird, dass auf der Hohen Möhr eine Sendeanlage errichtet werden soll, ist der Schwarzwaldverein sogar bereit, seinen Turm abzureißen, wenn auf dem neuen Antennenturm eine Aussichtsplattform errichtet wird, damit nicht zwei Türme auf dem Bergrücken stehen. Am Ende müssen sich die Wanderfreunde allerdings damit abfinden, dass der neue Stahlgerüstsender neben dem alten Turm gebaut wird. Anfang der 80er Jahre zeigt eine umfangreiche statische Untersuchung, dass es schlecht um die Standsicherheit des Aussichtsturms bestellt ist. Die bis dato größte Sanierung mit einem Kostenvolumen von 130 000 Mark ist 1983 pünktlich zum 100-jährigen Bestehen des Schwarzwaldvereins abgeschlossen. Zehn Jahre später bekommt der Turm zu seinem 100-Jährigen eine Instandsetzung der Aussichtsplattform spendiert.

Im neuen Jahrtausend

Auch im neuen Jahrtausend nagen Wind und Wetter an dem Wahrzeichen. 2004 müssen die Stabilisierungsbänder ausgetauscht werden, nachdem einer der durchgerosteten Stahlringe heruntergefallen war. Auch der Schindelmantel und die Blitzschutzanlage werden erneuert. Die Kosten liegen bei 116 000 Euro. 2009 muss das Turminnere gründlich saniert werden. Das Geländer wird ausgetauscht und einzelne Treppenstufen instand gesetzt. In den letzten zwei Jahren hat der Schwarzwaldverein vor allem den Brandschutz überprüfen lassen und die Treppenanlage mit Spanplatten absturzsicher gestaltet.

Wolfgang Leppert, der die Sanierungsarbeiten in den vergangenen 25 Jahren als Bauleiter betreut hat, schreibt, dass sich bei der letzten Bestandsaufnahme 2017„in Relation zum Alter und der beträchtlichen Exposition gegenüber den rauen Umweltbedingungen und in Anbetracht der in den letzten Jahren und Jahrzehnten doch weitgehend kontinuierlich ausgeführten Instandhaltungen ein hinreichend unspektakuläres Gesamtbild“ ergeben habe. Allerdings seien im Bereich des Sockels bereits wieder – zumindest punktuell und prophylaktisch – Sanierungen erforderlich. Die Bauarbeiten am Hohe-Möhr-Turm werden also auch in Zukunft stetig weitergehen.