Kleines Wiesental-Raich – Die Atmosphäre ist aufgeheizt. Global. Aber auch im Kleinen Wiesental, wo eine Gruppe Windkraft-Befürworter in einer bundesweit ziemlich einmaligen Aktion mit Unterschriften Flagge zeigt und versucht, den Gegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Strittig sind die bis zu neun geplanten Windräder, die auf dem Höhenzug zwischen Zeller Blauen und Bürchau geplant sind. 

Eine öffentliche Unterschriften-Aktion pro Windkraft hat hohe Wellen geschlagen im Kleinen Wiesental. Persönliche Anfeindungen, Verleumdungen und Diffamierungen bis hin zu tätlichen Angriffen beklagen die Initiatoren Sonja Eiche und Bernhard Lenz seitdem. Grund genug für den Grünen-Bundestagsabgeordneten aus Zell, Gerhard Zickenheiner, den Akteuren den Rücken zu stärken. 80 Personen sind am Freitagabend der Einladung ins Kulturhaus Ried gefolgt.

„Ohne Windkraft geht es nicht“ ist das Credo des Politikers, der ein drastisches Szenario entwirft, um die Tragweite des Klimawandels zu verdeutlichen. „Wenn wir nichts unternehmen, ist die Erde am Ende des Jahrhunderts bis zu vier Grad wärmer.“ Folgen seien Dürre und Überschwemmungen. Vor allem aber: Die Erde böte eine Lebensgrundlage für lediglich ein bis drei Milliarden Menschen. Hunderte von Millionen Menschen würden sich dann auf den Weg aufmachen, wo Leben noch möglich ist. „Die Menschheit steht an einem Kipp-Punkt wie noch nie“, sagte Zickenheiner, der damit zum lokalen Thema kam.

Der Schwarzwald sei immer im Wandel gewesen und im Mittelalter wiederholt fast komplett abgeholzt worden. Sich selbst mit regenerativer Energie versorgen zu können, sei ein Glücksfall. Aktuell sehe man, wie die USA eine deutsch-russische Gasleitung verhindern wolle. Er könne es nicht verstehen, wie die Windkraftgegner versuchten, die Atmosphäre im Kleinen Wiesental zu vergiften, so Zickenheiner. Wegen Kohleabbau verlören Menschen ihr Zuhause, hier gehe es um eine Beeinträchtigung des Landschaftsbildes, die er für zumutbar halte. Windkraft günstig erzeugen zu können, sei ein „Glücksfall für die Region“. Er appellierte, Verantwortung für die Energiewende zu übernehmen und erhielt viel Applaus.

Gerd Schönbett, Bürgermeister im Kleinen Wiesental, hielt sein Grußwort auffallend kurz. „Wir sind hier in keiner Diktatur im Kleinen Wiesental“, meinte er. „Alle Entscheidungen sind demokratisch gefallen.“ Mehr sagte er nicht. Sonja Eiche, Mit-Initiatorin der Unterschriften-Aktion pro Windkraft, führte aus, wie sehr sie sich durch „eine kleine Gruppe diffamiert und verleumdet“ fühle. Sie sprach von „schlimmen Beleidigungen“ und Angriffen, die die Akteure einschüchtern sollten. Eiche zitierte aus der Neujahrsrede von Landrätin Marion Dammann, die festgestellt hatte, dass die Mehrheit der Bürger sich nicht mehr traue, ihre eigene Meinung zu sagen. „Wir müssen weiter denken“, so Eiche, die ebenfalls viel Beifall erhielt.

Im anschließenden ausgiebigen Diskussionsteil ergriff ein Anwohner aus Raich das Wort, der bezweifelte, dass im Schwarzwald genug Wind wehe. Zickenheiner antwortete, vor zwei Jahrzehnten hätte es auch niemand für möglich gehalten, dass der Anteil des grünen Stroms bei über 40 Prozent liege. Sodann wurde die Subvention der regenerativen Energie kritisiert. Hierzu der Bundestagsabgeordnete: „Es gibt nur Geld, wenn sich das Windrad dreht.“ Ein Befürworter schloss sich den Worten an und meinte: „Gott hat uns Wind und Sonne geschenkt. Wir müssen ernten.“ Ein weiterer Streitpunkt waren die Abstandsregeln, die aktuell diskutiert werden. 1000 Meter Distanz zur nächsten Siedlung mit mindestens fünf Häusern.

Zickenheiner machte keinen Hehl daraus: „Ich finde 700 Meter Abstand ausreichend.“ Anlieger von Flugplätzen oder konventionellen Kraftwerken seien viel härter betroffen. „Wir sind verwöhnt im Schwarzwald“, stellte er klar. In Nordrhein-Westfalen stünden Hunderte Windräder dicht bei dicht, ergänzte ein anderer Zuhörer.

Patricia Fromm, für die Grünen im Gemeinderat des Kleinen Wiesentals: „Ich komme mir kriminalisiert vor als grüne Gemeinderätin.“ Sie erhielt ebenfalls viel Applaus für ihren Standpunkt. „Wir müssen am Thema dranbleiben“, sagte sie. Ein passendes Schlusswort, fand der Bundestagsabgeordnete. Das Kleine Wiesental müsse aufpassen, dass es im Zuge der Windkraft-Diskussion nicht in den Populismus abrutsche.