Dass Sturmböen Bäume umreißen, ist kaum noch etwas Besonderes. So geschehen auch in der Nacht zum Montag in der Himmelreichstraße, Kreuzung Roggenbachstraße in Schopfheim: Eine rund 25 Meter lange Tanne wurde von Sturmtief Sabine quer über die Straße gelegt. Doch wie der Sturm den Baum umwarf, warf Fragen auf: Dem Ordnungsamt war bekannt, dass die Weißtanne nicht mehr standsicher ist. Und der private Eigentümer hat nichts gegen die drohende Gefahr unternommen. Wer haftet nun?

  • Was ist passiert? Eine Böe hob die Weißtanne am frühen Montagmorgen um kurz nach 5 Uhr aus dem Boden. Sie stürzte direkt auf die Kreuzung und riss dabei nicht nur den Jägerzaun, der das Grundstück säumt, sondern auch noch eine große Doppellaterne der Straßenbeleuchtung mit um und begrub beides unter sich – das dokumentiert die ungeheure Wucht, die einerseits der Sturm, andererseits die umstürzende Tanne hatte. Die Feuerwehr rückte aus, zersägte den Stamm und machte die Straße wieder frei.

So weit, so gut. Allerdings erreichte diese Zeitung am Montagmittag eine interessante Mail, die ans Ordnungsamt der Stadt gerichtet war: Peter Strauß, er wohnt auf der gegenüberliegenden Straßenseite, war schon vor einigen Tagen aufgefallen, dass die Tanne nicht mehr sicher steht. „Beim letzten Sturm, der über Schopfheim gezogen ist, wurden diverse Flachwurzeln des Baumes fast aus dem Boden gezogen“, schrieb Strauß bereits am 3. Februar ans Ordnungsamt. „Daraus stellt sich mir die Frage der Standfestigkeit.“ Vor allem die Nähe zur Oberleitung der S-Bahn, zu nahe stehenden Häusern und zu zwei viel befahrenen Straßen veranlasste ihn zu der Mail. Strauß lieferte auch Fotos mit, auf denen zu erkennen ist, wie die Wurzeln bereits durch die Grasnarbe brechen. Er forderte das Ordnungsamt auf, die Standfestigkeit der Tanne zu überprüfen.

  • Wer haftet? Nun gibt es da aber ein Problem: Da es sich beim Standort der kritischen Tanne um ein Privatgrundstück handelt, sah sich das Ordnungsamt nicht zuständig. Ein Privatbesitzer muss einen Landschaftsgärtner beauftragen, um die Standsicherheit zu prüfen und den Baum – je nach Ergebnis der Prüfung – fällen zu lassen. Das schrieb Ordnungsamtschefin Cornelia Claßen auch in einer Antwort-Mail an Peter Strauß. Die sogenannte Verkehrssicherungspflicht hat immer der Eigentümer, er haftet auch bei Schäden, die durch eventuell umstürzende Bäume entstehen.

So auch in diesem Fall: Die Kosten für den Feuerwehreinsatz und die kaputte Laterne muss der Eigentümer des Grundstücks tragen, auf dem die Tanne stand. Peter Strauß wollte sich damit nicht so einfach abfinden: „Wenn Sie nichts tun können, dann warten wir eben ab. Dann bekomme ich eventuell ein neues Dach oder die Bahn eine neue Oberleitung“, schrieb der besorgte Nachbar zurück. „Aber Sie könnten den Eigentümer auf die Gefahr aufmerksam machen. Ich möchte auch nicht einen Schüler unter dem Baum ausgraben müssen. Es sind auch die Schulwege zur Friedrich-Ebert-Schule im Gefahrenbereich.“

  • Welche Pflicht hat die Stadt? Die Stadt ist haftungsrechtlich außen vor. Den Eigentümer habe man kontaktiert, sagt Cornelia Claßen auf Anfrage dieser Zeitung. Allerdings erst am Montag, als die Tanne schon umgestürzt war. „Das ist sicher nicht optimal gelaufen“, so Claßen zu der inzwischen eine Woche alten Warnung.

Allerdings sei das Ordnungsamt derzeit personell nicht voll besetzt – und als die Böen von Sturmtief Sabine am Freitag angekündigt wurden, war die Behörde mit etwas ganz anderem beschäftigt: In Fahrnau musste ein Behälter mit einer explosiven Substanz kontrolliert gesprengt werden. „Das hat uns ganz schön gefordert“, so Claßen.

Kurzum: Dass die Tanne nicht mehr sicher stehen soll, war zwar bekannt. „Wir können aber auch bei Gefahr im Verzug nur sehr begrenzt eingreifen“, sagt Cornelia Claßen zu dem Vorwurf, dass angesichts der drohenden Gefahr nichts unternommen wurde. „Die Eigentümer leben im Übrigen selbst in dem Haus“, berichtet Claßen. Dass der Baum gefährdet sei, hätte demnach auch von den Besitzern bemerkt werden müssen. Überdies sei die Tatsache, dass einzelne Wurzeln an die Oberfläche ragen, kein Beleg dafür, dass der Baum nicht mehr standsicher ist. Die Tanne sei – so sagt Claßen – ansonsten gesund gewesen.

Peter Strauß ist trotzdem sauer. Das Ordnungsamt habe „die Verantwortlichkeit in dieser Sache an den Eigentümer abgeschoben“ und dadurch „wissentlich eine Gefahrenquelle billigend in Kauf genommen“. Er hofft, dass über diesen Fall diskutiert wird – deshalb ging seine Mail auch an die Öffentlichkeit und mehrere Stadträte. Denn ein Fall wie dieser könne sich angesichts häufigerer Stürme jederzeit wiederholen. „Es ist wichtig, dass sich Eigentümer gerade von derart hohen Bäumen darüber im Klaren sind, dass sie eine gewisse Verantwortung auch für die Sicherheit tragen“, sagt dazu die Ordnungsamtsleiterin.

Die Feuerwehr räumte die Kreuzung mit schwerem Gerät.
Die Feuerwehr räumte die Kreuzung mit schwerem Gerät. | Bild: Peter Strauß