Herr Schott, sind Sie eigentlich schon einmal einem Wolf in freier Wildbahn begegnet?

Michael Schott: Ja, ich habe bereits einen Wolf in freier Wildbahn gesehen, was jedoch ein absoluter Glücksfall gewesen ist. Das war 2018 in Brandenburg. Normalerweise sieht man den Wolf gar nicht, da er sehr scheu ist. Selbst Biologen und Wildtierfotografen liegen manchmal tage- beziehungsweise wochenlang auf der Lauer, um einen Wolf zu Gesicht zu bekommen.

Was genau ist die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe?

Wir sind eine NGO (Non-governmental organization). Wir schützen die deutschen Wölfe durch Öffentlichkeitsarbeit, Kooperation mit allen beteiligten Stellen und wir helfen Nutztierhaltern, ihre Tiere zu schützen und fördern den Einsatz von Herdenschutzhunden als natürliche „wolfsfreundliche“ Schutzmaßnahme. Wir klären auf über die ökologische Bedeutung des Wolfes in der Natur, um das Negativ-Image des Wolfes zu verbessern. Wir entwickeln Unterrichtsmaterialien und und kindgerechte Unterlagen und Bücher über den Wolf. Wir besuchen Wolfstage in Zoos und Gehegen, Museen, Schulen, jagdliche Treffen und Heimtiermessen. Wir veranstalten Symposien mit internationalen Experten. Und wir versuchen, die Haltung von Wölfen in Gehegen, die für die Aufklärung der Bevölkerung wichtig ist, möglichst artgerecht zu gestalten.

Wieso wurde die Gesellschaft gegründet?

Die Gesellschaft wurde 1991 gegründet mit dem Hintergrund, die Wölfe weltweit zu schützen und diese Spezies vor dem Aussterben zu bewahren. Außerdem wollen wir eine friedliche Koexistenz gewährleisten. Als unsere Gesellschaft gegründet wurde, war nicht im Ansatz zu erwarten, dass die Wölfe auch nach Deutschland zurückkehren.

Was genau machen Sie als Wolfsbeauftragter?

Meine Aufgaben sind Aufklärungsarbeit für die Öffentlichkeit mit Vorträgen, Infoständen und so weiter. Ich bin Ansprechpartner für Bürger, Nutztierhalter zum Thema Wolf und Herdenschutz. Ich sitze in der „Arbeitsgruppe Luchs und Wolf“ des Ministeriums für Ländlichen Raum.

Um was wird es in Ihrem Vortrag gehen und für wen ist er geeignet?

Es geht um die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland. Und dabei unter anderem um Herausforderungen bei der Rückkehr des Wolfs, um sein Nahrungsspektrum, um Herdenschutz und um das Zusammenspiel von Wolf und Weidetierhaltung. Und ich behandle die Frage, wie man sich am besten verhält, wenn man einem Wolf begegnet.

Michael Schott
Michael Schott | Bild: privat

Wie realistisch ist es, dass der Wolf in einem so dicht besiedelten Raum wie Süddeutschland Fuß fasst?

Sehr realistisch. Seit über 20 Jahren zeigt uns der Wolf, dass es ihn überhaupt nicht interessiert, wie dicht die Landschaft besiedelt ist. Der Wolf war schon immer ein Kulturfolger. Wir werden lernen müssen damit umzugehen, dass Wölfe die menschliche Infrastruktur nutzen, etwa Waldwege, Straßen oder Bahnlinien. Dazu braucht es aber Akzeptanz.

Sie sagen, von Wölfen gehe keine Gefahr aus. Was macht Sie da so sicher?

Dass es seit der Rückkehr der Wölfe vor über 20 Jahren noch kein einziges aggressives Verhalten eines Wolfes gegenüber einem Menschen gegeben hat. Außerdem war ich selber schon in Wolfsgebieten unterwegs und bin noch immer gesund nach Lörrach zurückgekehrt.

Zu einer gefährlichen Situation zwischen Mensch und Wolf kann es nur bei Anfütterung kommen. Grundsätzlich sollte der Mensch überhaupt keine Wildtiere anfüttern oder seinen Müll in unseren Wäldern entsorgen.

Immerhin soll es in früheren Jahrhunderten allein in Frankreich 10 000 Angriffe auf Menschen gegeben haben. Aber auch hierzulande sind Wolfsangriffe dokumentiert.

Sie können das überhaupt nicht eins zu eins auf unsere heutige Zeit projizieren. In Deutschland ist die Dichte von Schalenwild dreimal so hoch, wie es für unsere Natur überhaupt gut ist. In früheren Jahrhunderten gab es außerdem keine intensive Landwirtschaft und nicht annähernd so viele Beutetiere wie heute. Also ernährte sich der Wolf überwiegend von Nutztieren. Diese wurden dazu noch von Kindern bewacht, welche keine große Gegenwehr für den Wolf darstellten.

Nun ist die Furcht vor Angriffen auf Menschen das eine. Große Bedenken haben vor allem aber auch Nutztierhalter. Können Sie deren Sorgen verstehen?

Selbstverständlich, und aus diesem Grunde befasst sich unsere Gesellschaft auch intensiv mit dem Herdenschutz. Die Nutztierhalter, die am meisten gefährdet sind, sind in erster Linie Schäfer. Andere Nutztiere wie Pferde und Kühe sind den Wölfen zu wehrhaft. Da haben die Wölfe Angst, selber verletzt zu werden. Was nicht heißen soll, dass sie es nicht versuchen und auch mal schaffen, vor allem bei Kälbern und Fohlen. Wir suchen die Gespräche mit den Nutztierhaltern und bieten ihnen auch Hilfe von unseren Spezialisten an. Zum Beispiel haben wir in Sachsen-Anhalt Tierhalter bei der Gründung eines Vereines unterstützt, der Herdenschutz mit Hunden betreibt – unter anderem finanziell. Seither haben bei diesen Nutztierhaltern keine Übergriffe mehr stattgefunden. Wie Sie also sehen, ist ein Zusammenleben zwischen Mensch und Wolf möglich. Wir müssen nur lernen uns auf unseren neuen Nachbarn einzustellen und ihm ohne Vorurteile gegenüberzutreten.

Fragen: André Hönig