„Einer von uns“ ist Bürgermeister: Dirk Harscher, 48-jähriger Teamleiter bei der VR-Bank aus Langenau, hat sich auch im zweiten Wahlgang durchgesetzt. Damit wird erstmals seit 1948 tatsächlich ein Schopfheimer Rathauschef seiner Heimatstadt. Gerade dies scheint ihn in der Gunst der Wähler – in der Stadt wie in den Ortsteilen – ganz weit nach vorne gebracht zu haben. Mit 64,8 Prozent der Stimmen haben sich Schopfheims Einwohner ganz klar für den Einheimischen entschieden. Josef Haberstroh – amtierender Bürgermeister von Breitnau – hat die Trendwende hingegen nicht mehr geschafft.

Ohrenbetäubender Jubel brandete in der Stadthalle auf, als Bürgermeister Christof Nitz das Ergebnis verkündete. Die Stadtmusik spielte dem „Neuen“ ein Ständchen, es herrschte fast Volksfeststimmung. „Mit diesem Ergebnis habe ich nie und nimmer gerechnet“, sagte ein – wie nach dem ersten Wahlgang – fast ungläubig wirkender Dirk Harscher in einer kurzen Ansprache. Er sprach ein paar Dankesworte, allen voran an seine Familie. Frau Sofie und die beiden Söhne standen mit auf der Bühne der Stadthalle. Er werde sofort anfangen, im Rathaus in die Verwaltungsarbeit „reinzuschnuppern“, erklärte der Wahlsieger, als Banker ein Berufs-Quereinsteiger, der sein Amt am 2. Januar antreten wird. Auch dafür erntete er Applaus, ebenso wie für die Ankündigung, sich für den Erhalt des Städtlifestes einzusetzen und „so schnell wie möglich“ das Problem der Ärzteversorgung anzugehen.

Die ersten Gratulanten waren Amtsinhaber Nitz und Landrätin Marion Dammann. Beide zeigten sich von der niedrigen Wahlbeteiligung bestürzt, Dammann wünschte Harscher ein glückliches Händchen und viel Energie. Christof Nitz sprach den aus seiner Sicht „weitestgehend fairen Wahlkampf“ aller vier ernsthaften Kandidaten an und dankte ausdrücklich auch Josef Haberstroh dafür, „dass Sie hier engagiert angetreten sind“:

Und dann enterte auch Harschers Konkurrent Haberstroh die Bühne und sprach ihm – allerdings nicht via Mikrofon, sondern im Stillen – seine Glückwünsche aus. Und es sah nicht so aus, als nähmen hier zwei erbitterte Rivalen Abschied. Der Händedruck war herzlich, die Worte ebenso. „Ich wünsche ihm alles Gute“, diktierte Haberstroh der Journaille später in die Blöcke. „Unser Verhältnis ist wirklich ein gutes. Ich freue mich, ihn als Bürgermeister-Kollegen zu haben.“

Mit dem Harscher-Sieg enden die Wochen des Bürgermeister-Wahlkampfes. Sprachen alle Beteiligten in der ersten Phase vor dem ersten Wahlgang am 7. Oktober noch von einem „fairen Umgang“ der Kandidaten untereinander, so hatte der Wahlkampf seit dem ersten Wahlgang deutlich an Schärfe zugenommen. Zuletzt ging es dabei vor allem um die Frage, ob der von CDU und Freien Wählern unterstützte Josef Haberstroh angesichts dieser Unterstützung unabhängig würde bleiben können. Wahlempfehlungen seitens Vertretern der SPD, der Grünen und der Unabhängigen pro Dirk Harscher sowie einige Leserbriefe hatten nahegelegt, dass Haberstroh seinen Unterstützer-Parteien als Bürgermeister nahe stehen würde. Dagegen wurden seitens der CDU und der Freien Wähler Zweifel daran gestreut, ob Dirk Harscher mangels Berufserfahrung für den Chefposten im Rathaus überhaupt geeignet sei. Es sei vielmehr wichtig, „einen Profi im Rathaus“ zu haben.

Am Sonntag war zumindest oberflächlich von dieser Spannung nichts zu bemerken: Vertreter beider Lager analysierten die Wahl gemeinsam, ohne gegenseitige Spitzen. Haberstroh hatte in den zurückliegenden Wochen noch einmal alles versucht, machte Haustürenwahlkampf, stellte sich auf dem Wochenmarkt Diskussionen – am Ende vergebens. „Mehr kann man nicht machen. Ich habe alles gegeben“, sagte Haberstroh. Eine kritische Analyse des Wahlkampfs blieb aus – „das bringt mir für die Zukunft sowieso nichts“, sagte Haberstroh. „Ich nehme aus dieser Zeit ganz viel mit, ich habe auch viel gewonnen. Ich betrachte mich nicht als Verlierer, sondern als zweiten Sieger.“ Er werde sich nun wieder voll auf seine Aufgaben als Bürgermeister von Breitnau konzentrieren. „Die erste Zeit als Berufsneuling wird nicht lustig“, sagte Haberstroh abschließend. „Wenn Dirk Harscher Ratschläge braucht, kann ich ihm sicher welche geben.“

Die Gratulanten standen Schlange, hier Alt-Bürgermeister Klaus Fleck. Auf den Händedruck mit Dirk Harscher warten außerdem CDU-Stadtrat Marc Leimgruber und Schönaus Bürgermeister Peter Schelshorn.
Die Gratulanten standen Schlange, hier Alt-Bürgermeister Klaus Fleck. Auf den Händedruck mit Dirk Harscher warten außerdem CDU-Stadtrat Marc Leimgruber und Schönaus Bürgermeister Peter Schelshorn. | Bild: Nicolai Kapitz

Viele der neuen Amtskollegen hatten ähnliches im Sinn: In der langen Schlange der Gratulanten fanden sich alle Rathauschefs der Nachbargemeinden, um Dirk Harscher einen Händedruck, ein kleines Präsent und ein paar ermunternde Worte zu spendieren: Peter Palme (Zell) war einer der ersten, die sich einreihten. „Glückwunsch von Quereinsteiger zu Quereinsteiger“, schmunzelte Palme. Peter Schelshorn (Schönau), Gerd Schönbett (Kleines Wiesental), Bruno Schmidt (Häg-Ehrsberg), Martin Bühler (Hausen), Jürgen Multner (Maulburg), Gunther Braun (Steinen), Helmut Kima (Hasel) und Michael Thater (Wehr) – um nur einige zu nennen – gratulierten ebenfalls. „Auch mal ein hartes Wort reden“, gab Amts-Vor-Vorgänger Klaus Fleck dem neuen Burgi mit auf den Weg – und seine Telefonnummer, für den Fall, dass es Redebedarf gibt.

Glückwünsche
für Dirk Harscher

  • Ute Zeh (CDU): „Wir gratulieren dem neuen Bürgermeister und werden im Gemeinderat sachlich und konstruktiv mit ihm arbeiten“. Der von der CDU ins Rennen geschickte Josef Haberstroh fiel im zweiten Wahlgang deutlich zurück. Ute Zeh könnte sich vorstellen, dass die Stimmen von Thomas Gsell an Dirk Harscher gingen.
    CDU Schopfheim: Ute Zeh
    CDU Schopfheim: Ute Zeh | Bild: Firmenmaterial BZ
  • Michael Straub (Grüne) gratuliert dem neuen Bürgermeister, er danke aber auch den anderen Kandidaten, die sich engagiert haben. Es sei schade, dass die Wahlbeteiligung so schwach sei. „Ich bin mir sicher, dass der neue Bürgermeister sich Unterstützung beschafft, wenn er sie braucht und auch bekommt“, sagte Michael Straub. Er hoffe, dass sich mit der kommenden Kommunalwahl im positiven Sinne etwas verändern werde.
  • Ernes Barnet (Grüne): Er sei enttäuscht über die geringe Wahlbeteiligung und auch frustriert darüber, sei aber dankbar für das Engagement der Kandidaten, auch wenn er sich gewünscht hätte, dass der eigene Kandidat (Roland Matzker) besser abgeschnitten hätte. Der Gemeinderat sei das Hauptorgan einer Kommune und er wolle, dass das Gremium zu einer sachbezogenen Arbeit finde. Die Chance, das mit einem neuen Bürgermeister zu schaffen, sei groß. Er sei überrascht von der Deutlichkeit, mit der der neue Bürgermeister Dirk Harscher gewählt wurde, was aber zeige, dass die Bevölkerung dahinter stehe. Das sei eine gute Voraussetzung. „Ich wünsche ihm viel Erfolg“, erklärte Barnet.
  • Hildegard Pfeifer-Zäh (FW): „Für Dirk Harscher idt es ein ganz tolles Ergebnis, dass so viele Leute hinter ihm stehen“, sagte Hildegard Pfeifer-Zäh. Sehr enttäuscht und bedrückt sei sie über die schwache Wahlbeteiligung. Sie wünsche Josef Haberstroh, dass er mit der Enttäuschung fertig werde und freue sich auf die Kooperation mit Dirk Harscher. „Wir werden unsere Arbeit unvoreingenommen wieder aufnehmen“, sagte Hildegard Pfeifer-Zäh.
    Freie Wähler Schopfheim: Hildegard Pfeifer-Zäh
    Freie Wähler Schopfheim: Hildegard Pfeifer-Zäh | Bild: Firmenmaterial BZ
  • Artur Cremans (SPD): „Ich freue mich über den fulminanten Wahlsieg von Dirk Harscher, dass ist sehr deutlich. Ich habe ihm bereits gratuliert und gutes Gelingen für die künftige Arbeit gewünscht. Ich habe ihm auch bereits die gute Zusammenarbeit im Gemeinderat angeboten.“
    Artur Cremans (SPD)
    Artur Cremans (SPD) | Bild: Firmenmaterial BZ