Von wegen „voll versorgt“: Zum 1. Januar 2020 droht im Raum Schopfheim die Hausärzteversorgung zu kollabieren. Darauf weisen die Ärzte Magdalene Blessing und Jörg Suckow hin, die dann eigentlich in Ruhestand gehen wollen. Bis zu 5000 Menschen könnten dann ohne hausärztliche Versorgung sein. Die Zeit dränge, die Kassenärztliche Vereinigung (KV) müsse deshalb jetzt Vorsorge treffen, sagen sie. Offenbar aber benötige es dazu noch mehr Druck – gegebenenfalls auch von Bürgern.

In einem „Brandbrief“ an die Kassenärztliche Vereinigung hatten mehrere Ärzte aus dem Mittleren Wiesental Anfang Juli vor diesem Szenario gewarnt und die Einrichtung einer Notpraxis gefordert. Im Antwortschreiben der KV jedoch sowie in einer Stellungnahme von Sozialminister Manne Lucha (Grüne) auf einen Vorstoß des SPD-Landtagsabgeordneten Rainer Stickelberger wird eine besondere Dringlichkeit verneint. Stattdessen wird darauf verwiesen, dass der Mittelbereich Schopfheim zu 103,2 Prozent abgedeckt und damit „voll versorgt“ sei. Der prophezeite Notstand sei eher „gefühlt“. Zwar sieht die KV generell Handlungsbedarf in Sachen Hausärzteversorgung im Land, nicht aber akut und in besonderen Maße im Raum Schopfheim.

„Die Zahlenakrobatik der KV ist mir ein Rätsel“, kontert auf Nachfrage Magdalene Blessing. So umfasst der Mittelbereich Schopfheim das Gebiet von Hasel bis Todtnau. Die Zahlen sind damit für das Mittlere Wiesental (Schopfheim und Umgebung) – das nicht identisch ist mit dem Mittelbereich – nur bedingt aussagekräftig. Zudem sei weder berücksichtigt, dass die Zahl der Ärzte bereits stark gesunken ist, noch dass sie demnächst weiter abnimmt. Sechs Praxen sind in jüngerer Vergangenheit im Mittleren Wiesental geschlossen worden, dem steht eine Neuereröffnung entgegen. Eigentlich sei die Situation schon jetzt untragbar. „Das haben viele noch nicht so richtig gemerkt, weil die Hausärzte, die noch da sind, das bisher immer irgendwie versucht haben aufzufangen“, sagt Suckow. Doch mittlerweile klappt das nicht mehr: Die Aufnahmekapazitäten seien erschöpft, immer häufiger werden Neupatienten abgewiesen. Diese werden mittlerweile sogar in Lörrach bei Ärzten vorstellig – oder direkt in Krankenhäusern in den Notaufnahmen. Das erlebt Suckow bei Bereitschaftsdiensten auch selbst immer öfter. „Die kommen teils wegen Bagatellen. Ihnen wird dann gesagt, sie sollen zum Hausarzt. Da bekommt man zur Antwort: Ich hab‘ aber keinen.“ Blessing weiß von Patienten, dass auch die telefonische Servicestelle der KV, die in solchen Fällen Termine vermitteln soll, nicht wirklich weiterhelfen kann. Und das sei auch keine Überraschung: „Wenn die Hausärzte voll sind, sind sie voll.“

Doch nun wird sich Ende des Jahres die Situation nochmals verschärfen. Blessing und Suckow wollen in Ruhestand gehen, eventuell noch ein weiterer Arzt. Je nachdem wären es dann nur noch 4,5 Hausärzte. Blessing: „Zwischen 4000 und 5000 Menschen sind dann ohne hausärztliche Versorgung.“

Vor dieser Entwicklung warnen die Ärzte seit Jahren. Umso weniger kann Magdalene Blessing jüngste Reaktionen nachvollziehen. „Es ist eine Katastrophe, dass da nicht ansatzweise vorausschauend agiert wird.“ Da helfe es leider auch nur bedingt, dass inzwischen auf kommunaler Ebene – also bei Bürgermeister Dirk Harscher und dem Gemeinderat – das Thema angekommen sei. Wie berichtet, wird derzeit mit der Gutachterfirma IWG an Ideen gearbeitet, wie neue Ärzte hergelotst werden können.

Im Kern drehen sich die Überlegungen um ein Gesundheitszentrum. „Doch das wird dauern, bis so etwas umgesetzt ist. Für das, was da jetzt ab 1. Januar droht, kommt das zu spät.“ Deshalb sei die KV in der Pflicht. „Denn letztlich ist es Aufgabe der KV, die Versorgung sicherzustellen“, betont Suckow. Zur Not eben doch in Form der von der KV bislang abgelehnten Notpraxis. Das wäre zwar keine ideale Lösung, beispielsweise weil Hausärzte auch Patienten betreuen, die nicht mobil sind und daher beispielsweise auch Hausbesuche machen. Doch müsse irgendwie gewährleistet werden, „dass die Menschen eine Anlaufstelle haben“, betont Suckow.

Die Idee ist, dass in einer Notfallpraxis Patienten zumindest ihre Rezepte, Medikamente und Überweisungen bekommen und möglichst bis zu einem gewissen Grad untersucht werden. Besser aber wäre natürlich, wenn die KV für echten Hausarzt-Ersatz sorgt. Angesichts der jüngsten Redaktionen aber bedürfe es dazu offenbar noch mehr Druck – gegebenenfalls auch von den Bürgern selbst. Blessing: „Vermutlich ist einigen noch nicht klar, was auf sie zukommt.“ Mittlerweile könnte jede Form von Unterstützung hilfreich sein – etwa, „indem die Leute direkt bei der KV anrufen“. Vielleicht könnte auch eine Unterschriftensammlung etwas nützen.

Und wenn nicht? Beide haben eigentlich fest vor, in den Ruhestand zu gehen. Beide sind 69 Jahre alt, beide haben sich lange intensiv um Nachfolger bemüht – erfolglos. Allerdings fällt der Schritt beiden sichtlich schwer, eigentlich bringen sie es kaum übers Herz. „Es ist furchtbar, ich sage mir selbst immer wieder: Eigentlich kann ich so nicht aufhören“, beschreibt Magdalene Blessing ihre Gefühlslage.

Andererseits aber kann sie auch nicht einfach weitermachen – jedenfalls nicht alleine. Sollte sich doch noch ein Arzt finden, der mit ihr zusammen die Praxis weiter führt, sodass sie nicht mehr voll arbeiten müsste, würde sie eventuell weiter machen. In eine voll ausgestattete, etablierte Praxis einsteigen in einer Stadt wie Schopfheim, die einiges an Vorzügen zu bieten hat – dieses attraktive Angebot macht auch Jörg Suckow. „Wenn ich nur halbtags arbeiten und mich allmählich rausziehen könnte – damit könnte ich leben.“