Das älteste Hotzenwälder Kraftwerk befindet sich in Hottingen in der Gemeinde Rickenbach. Seit 1908 liefert es zuverlässig Strom. Wasserkraftanlagen stehen derzeit wieder im Fokus. Denn ein Gesetzesvorschlag des Bundeswirtschaftsministeriums sieht vor, die Förderung kleiner Wasserkraftwerke mit einer Leistung bis 500 Kilowatt einzustellen. Das letzte Wort dazu ist nicht gesprochen.

Das Kraftwerk in Hottingen im Jahr 2022: Es liefert seit dem Jahr 1908 Strom und ist damit das älteste Wasserkraftwerk im Hotzenwald.
Das Kraftwerk in Hottingen im Jahr 2022: Es liefert seit dem Jahr 1908 Strom und ist damit das älteste Wasserkraftwerk im Hotzenwald. | Bild: Peter Schütz

Nur eines ist klar: Die Nutzung der Wasserkraft zur Erzeugung von elektrischer Energie ging schon viel früher mit Problemen einher. Das zeigt ein Blick auf die wechselvolle Geschichte des 1908 in Betrieb genommenen, heute von der Energiedienst AG betriebenen Wasserkraftwerks an der Murg in Hottingen, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Rickenbach.

1864 plante der Fabrikant Emil Suter aus dem schweizerischen Kölliken eine mechanische Weberei bei Hottingen. Vergeblich bewarb er sich um die Wasserrechte auf einem Gelände südlich des Dorfes. Mehr Erfolg hatte Richard Leitz, Fabrikant aus Hasel.

1874 konnte er die Wasserrechte und Grundstücke „Im Schlag“ (nördlich von Hottingen) und „Beim Pfaffensteg“ kaufen. Leitz wollte im „Schlag“ eine Kammgarnspinnerei errichten, zog seine Pläne jedoch zurück, nachdem ihm die Gemeinde Hottingen weder den Wegebau noch die geforderten 30 Jahre Steuerermäßigung zusagte.

Bedenken, das Elektrizität nach auswärts verkauft wird

1897 trat Ferdinand Faller auf den Plan. Der damalige Direktor der Weberei Zell im Wiesental erstand die beiden Grundstücke von den Erben der Familie Leitz mit seinem Privatvermögen für 13.000 Mark. Faller hatte die Errichtung eines Kraftwerks zum Ziel. In Hottingen gab es hingegen Bedenken, dass Faller die dort erzeugte Elektrizität nach auswärts verkaufen will, anstatt in Hottingen eine Textilfabrik zu errichten.

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Tatsächlich bot Faller der Firma Bally (der späteren Seiba, die Seidenbandweberei in Bad Säckingen) die Grundstücke für 55.000 Mark an. Doch Bally hatte bereits für 5000 Mark sogenannte Sperrgrundstücke gekauft. Die Folge: Faller konnte den geplanten Verkauf nicht tätigen, sondern musste umgekehrt Land von Bally kaufen.

1899 äußerten die Heimweber und die Gemeinden des Hotzenwalds die Absicht, die vielen Webstühle durch Elektromotoren anzutreiben und die Orte mit Strom zu versorgen. Faller reichte daraufhin ein Baugesuch für ein Kraftwerk im „Schlag“ beim Bezirksamt Säckingen ein. Die AEG arbeitete die Pläne aus und interessierte sich für den Bau- und Installationsauftrag. Der Haken war: Die AEG verlangte von Faller eine Beteiligung in Höhe der Hälfte der Kosten. Faller lehnte ab.

Die erste Turbine von 1908 vom Kraftwerk Hottingen. Sie war bis 1942 im Einsatz.
Die erste Turbine von 1908 vom Kraftwerk Hottingen. Sie war bis 1942 im Einsatz. | Bild: Peter Schütz

Trotzdem reichte er 1902 das Baugesuch für das Elektrizitätswerk ein – und erregte damit den Unmut der Wuhrgenossenschaft, der heimischen Fischer und des benachbarten Sägewerks. Trotzdem erteilte der Herzogliche Bezirksrat Säckingen 1903 die Baugenehmigung. Damit verbunden waren Einschränkungen und Auflagen, die zu erfüllen Faller nicht einverstanden war. Der Kraftwerksbau hatte sich vorerst zerschlagen. 1905 erklärte der Bezirksrat die Baugenehmigung für erloschen.

Erste Dampfmaschine wiegt zwölf Tonnen

Doch Faller gab nicht auf. Ein Jahr später stellte er erneut ein Baugesuch. Parallel dazu wurde die Mechanische Buntweberei (Baumwollweberei) in Hottingen 1906 erstellt. Im Juni erfolgte der erste Spatenstich, im Dezember 1906 nahmen 30 Mitarbeiter und 166 Webstühle die Arbeit auf. Als Antrieb der Webstühle diente vorerst eine stationäre Dampfmaschine. Die Maschine hatte 21.000 Mark gekostet und wog zwölf Tonnen. Für den zweitägigen Transport von Murg via Hänner waren 20 Pferde im Einsatz.

Ferdinand Faller erhielt im Januar des Jahres 1908 die Genehmigung zum Bau des Wasserkraftwerks. Im selben Jahr noch wurde es für zwei Generatoren fertig gestellt. Eingebaut wurde allerdings nur eine Maschine. Die Dampfmaschine blieb in Betriebsbereitschaft, sie musste bei Ausfällen im Kraftwerk einspringen.

Die erste Kraftwerksturbine war eine Francis-Spiralturbine der Firma Escher-Wyss aus Ravensburg. Unter dem Leitspruch „Mög‘ dies Werk den Stürmen trotzen und Segen bringen allen Hotzen“ erzeugte sie im August 1908 die erste elektrische Energie.

Dieser Spruch befindet sich heute noch an der Wand des Murgtalkraftwerks.
Dieser Spruch befindet sich heute noch an der Wand des Murgtalkraftwerks. | Bild: Peter Schütz

Der Strom wurde früher über eine 1,8 Kilometer lange Freileitung zur Weberei geführt. Dort trieb er einen 135 PS starken Drehstrommotor an. Die Turbine lief zehn Stunden täglich. Sie erzeugte 300 PS (220 Kilowatt) und war bis 1942 im Einsatz. Sie befindet sich heute auf dem Gelände des benachbarten Energiemuseums in Hottingen.

Ferdinand Faller starb 1912. Seine Erben übernahmen das Kraftwerk als Elektrizitätswerk Hottingen GmbH. 1935 übergaben sie es gegen eine Aktienbeteiligung an die Firma Zell-Schönau AG. Das Kraftwerk gehört seit 1992 der Energiedienst AG. Das Unternehmen versorgt rund 650 Haushalte in der Region mit Strom aus der Anlage in Hottingen.

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