Hottingen – Irisette, eine Marke produziert im Hotzenwald. Bunte Bettwäsche war in den 50er Jahren neu und beliebt. Eine Hochburg der Produktion war die Weberei im Rickenbacher Ortsteil Hottingen. Wechselhaft, aber zumeist erfolgreich wurde in Hottingen gewebt. Man stellte sich auf die Zeit und die Vorlieben der Kunden ein.

Seit dem 18. Jahrhundert standen in vielen Bauernhöfen des Hotzenwaldes Webstühle, an denen Baumwollstoff gewebt wurde. Bereits 1864 gab es Pläne für eine mechanische Weberei im Rickenbacher Ortsteil Hottingen. 1908 wurden sie realisiert. Nach der Umstellung auf den elektrischen Betrieb der Webstühle musste Strom her. Den sollte ein neues Wasserkraftwerk liefern.

Die Anfänge machte das Weben von Baumwollstoff. Ebenso verbreitet war die Baumwollspinnerei. Vorwiegend Schweizer Fabrikanten beschäftigten zunächst Heimarbeiter, die sich so ein willkommenes Zubrot sicherten. Berühmt wurde der Hotzenwald aber durch seine Seidenstoff- und Seidenbandweberei. 1907 befanden sich alleine in Hottingen 18 Seidenbandwebstühle, davon 15, die mit Strom betrieben wurden. Um 1874 wurde die Hottinger Weberei als Industriebetrieb aufgebaut. Als die Firma Spinnerei und Webereien Zell-Schönau AG einer der größten Arbeitgeber der Region wurde, wuchs der Energiebedarf auch im Rickenbacher Ortsteil.

Ferdinand Faller, unter anderem Prokurist der Weberei in Zell und Gründer der Baumwoll-Weberei in Hottingen, sah Handlungsbedarf und strebte danach, seine eigene Energie zu erzeugen. Zunächst übernahm eine Lokomobile (ortsbewegliche Dampfmaschinenanlage) die Energieversorgung. 1908 wurde nach mehreren Anläufen und Änderungen das für zwei Generatoren ausgerichtete Wasserkraftwerk fertiggestellt. Die Dampfmaschine, die bisher die nötige Energie lieferte, wurde für Ausfälle weiter in Bereitschaft gehalten. Das neue Wasserkraftwerk im Gewann „Im Schlag“ versorgte zunächst ausschließlich den Industriebetrieb der Weberei im Rickenbacher Ortsteil.

In der Zeit des Ersten Weltkriegs erfolgte bald die Zwangsbewirtschaftung der Baumwolle. Gefragt waren glatte Gewebe sowie Zellstoff. 1928 wurden Protokollen zufolge dort hauptsächlich Futterstoffe und Damaste hergestellt. 154 Menschen arbeiteten in der Fabrik. In der Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt, was die Weberei in Hottingen betrifft, vieles im Dunklen. Sicher ist, dass im Sommer 1946 die Produktion von Baumwollstoffen wieder aufgenommen wurde. Zunächst war die Nachkriegszeit geprägt von einem Nachholbedarf an Nahrungsmitteln. So versuchten die Bauern, möglichst viel Futter von ihren Wiesen zu ernten. Deshalb wurde zeitweise so viel Murgwasser für die Wiesenbewässerung entnommen, dass für die Stromerzeugung zu wenig übrig blieb. Die Zell-Schönau AG verhandelte hart und machte sich in dieser Zeit wenig Freunde. Zudem mangelte es an Arbeitskräften. Mit der Währungsreform 1948 erfolgte die Rückkehr zur freien Marktwirtschaft. Es wurde mehr produziert, der Energiebedarf wuchs.

Die in der Hottinger Weberei in den 50er Jahren hergestellten weltbekannten Irisette-Markenartikel (bunte Bettwäsche) verkauften sich gut. Zur Unterstützung des gestiegenen Strombedarfs kam damals ein zweites Dieselaggregat hinzu.

1967 waren in der Hottinger Weberei 220 Arbeiter beschäftigt. Bereits 1978 zeichneten sich dunkle Wolken am Irisette-Himmel ab. Kaufmännische Fehlentscheidungen, zu wenig Voraussicht und das Aufholen der Verarbeitungsmöglichkeiten der Rohstoff liefernden Länder, führten die Zell-Schönau AG in eine tiefe Krise. Innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren mussten alle Zweigbetriebe schließen. Die Weberei in Hottingen mit inzwischen nur noch 74 Beschäftigten machte am 30. Juni 1988 den Anfang. Die Brennet AG verhandelte damals über eine Übernahme, lehnte aber letztlich ab.

Das Hottinger Werk samt Kraftwerk wurden dann an die Schweizer Textilfirma Weber und Cie AG in Aarburg verkauft. Nach Gründung der WHG Weberei Hottingen GmbH erhielt diese im Januar 40 neue Dornier Webmaschinen. Die Konzeption sah einen Ausbau auf bis zu 80 Maschinen vor. Diese hätten eine um 40 Prozent höhere Nettoleistung gebracht, als die früher aufgestellten 152 Maschinen Baujahr 1962. Das Wasserkraftwerk wurde modernisiert und erhielt eine neue Steuerungstechnik. Dennoch scheiterte das Vorhaben der Weber Textilwerke. Die Hottinger Weberei konnte sich auf dem Markt nicht behaupten. Am 21. Dezember 1991 kam das endgültige Aus für die Produktion.

Damals und heute

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Weberei und Wasserkraft

  • Das Werk: Das älteste Wasserkraftwerk im Hotzenwald befindet sich im Rickenbacher Ortsteil Hottingen. Es erzeugt heute 2,3 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr mit zwei Francis-Turbinen (Modernisierung 2015). Sie könnten in einer theoretischen Berechnung rund 650 Durchschnittshaushalte mit mehr als drei Personen versorgen. 2011 lebten im Rickenbacher Ortsteil 510 Personen.
  • Die Aufgabe: Seit 1908 liefert das Kraftwerk Strom, zunächst ausschließlich für die damalige Weberei der Zell-Schönau AG. 1942 wurde eine zweite Turbine nachgerüstet. Die Steuerungstechnik wurde stetig auf dem neuesten Stand gehalten. Die Leistung der beiden damaligen jeweils 300 PS starken Drehstrommotoren, die über die beiden Kraftwerksturbinen mit Wasserkraft angetrieben wurden, erzeugten in Zeiten des Webereibetriebs zwischen 473 und 1675 Megawattstunden Strom, je nach Wasserführung der Murg. Dieser wurde über eine 1,8 Kilometer lange Freileitung zur Weberei geführt. Dort trieb er einen 135 PS starken Drehstrommotor an, der die Webstühle mit Energie versorgte.
  • Die Produktion: Nach der Schließung der Weberei, speist das 2015 komplett modernisierte kleine Kraftwerk seinen erzeugten Strom in das öffentliche Netz ein. (lux)