„Die Diagnose Parkinson ist ein tiefer Einschnitt in die bisherige Lebensplanung“, sagt Rainer Thamm, der Leiter der Parkinson-Gruppe im Landkreis Lörrach. Der Rheinfelder verlor 2019 seine Frau Gertrud an die Krankheit. Zehn Jahre pflegte er sie selbst.

Gertrud ist noch immer spürbar in ihrem einstigen Zuhause. Das Kennzeichen des gemeinsamen Autos und das Klingelschild tragen noch ihre Initialen, im Wohnzimmer steht ihr motorbetriebener Bewegungstrainer – wieder. Rainer Thamm hat ihn erneut aufgestellt und macht damit Übungen gegen seine Arthrose. Dass der 84-Jährige in seinem Haus alleine alt werden würde, hätte er nicht gedacht. Gemeinsam wollten sie hier nach einem langen Arbeitsleben am Tisch sitzen und Zeitung lesen, im Garten werkeln und das Mittelmeer durchsegeln. Doch es kam anders.

Gertrud Thamm wandte sich 2004 an ihren Arzt. Die damals 67-Jährige hatte Schmerzen im Genick. Sie war unbeweglicher geworden, ihre Schrift undeutlicher. Schließlich dann die Gewissheit beim Neurologen: Parkinson. „Die Diagnose war niederschmetternd“, erinnert sich ihr Mann. Zuhause machten sich die Thamms erst einmal im Internet schlau. Und begriffen, was auf sie zukommen würde. Zunächst erzählten sie nur dem engsten Familienkreis von der Diagnose, bis die Symptome zwei Jahre später kaum zu übersehen waren.

Die Krankheit schreitet langsam fort. Bestimmte Nervenzellen im Gehirn sterben ab. Wie auch andere Patienten konnte sich Gertrud Thamm nur noch verlangsamt bewegen, die Muskeln wurden steif. Arme und Beine begannen zu zittern. Eine Begleiterscheinung der Medikamente kann auch eine Demenz sein. Auch die Rheinfelderin wurde zunehmend vergesslicher. „Bislang gibt es keine Heilung und auch keine Therapie, die die Erkrankung verhindert oder vollständig zum Stillstand bringt“, sagt ihr Mann.

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Einige Symptome lassen sich gezielt behandeln, sodass viele Patienten noch Jahre, teils auch Jahrzehnte ein weitgehend normales Leben führen können. Statistisch gesehen leben Betroffene heute mehr als 20 Jahre mit Parkinson. Es ist keine Erkrankung mit direkter Todesfolge. Es gibt im Endstadium Risiken wie Stürze, Infekte oder Lungenentzündungen, die die Lebenserwartung beeinflussen können. „Es kann jeden treffen“, so Rainer Thamm. Die Krankheit trete überwiegend im Alter von 50 bis 60 Jahren auf, ein erheblicher Teil der Betroffenen sei aber auch jünger, teilweise unter 40 Jahre. „In der Klinik haben wir auch eine andere Patientin kennengelernt, die war gerade erst 28“, sagt er.

Wie sich die fortschreitende Krankheit auf den Körper und das Leben auswirkt, erzählt auch ein anderer Patient aus dem Landkreis Lörrach. Vieles gehe nicht mehr so einfach wie früher. „Ich kämpfe mit dem Gleichgewicht und brauche eine Gehhilfe, mir fallen Sachen herunter und das Umblättern der Zeitung fällt schwer“, erzählt er. Zunehmend lasse die Feinmotorik nach. „Schlüssel ins Schloss stecken, Geld aus dem Portemonnaie holen, das Hemd zuknöpfen oder Schuhe zubinden. Das erfordert meine volle Konzentration. Manchmal geht es – manchmal nicht“, sagt er. Auch müsse er sich darauf konzentrieren langsam, deutlich und laut zu sprechen.

„Aber trotz Parkinson hat das Leben tolle, gute und freudige Seiten behalten“, bleibt er optimistisch. Der Austausch mit anderen Betroffenen sei für den Kranken aber auch für die Angehörigen immens wichtig, erzählt Rainer Thamm. Unterstützung bietet die Selbsthilfegruppe in Lörrach, als regionale Gruppe der deutschen Parkinson Vereinigung. Ziel der vor 40 Jahren gegründeten Selbsthilfevereinigung ist es, die Lebensumstände von Patienten und ihren Familien zu verbessern. Seit 2018 ist Rainer Thamm Vorsitzender der Lörracher Gruppe mit rund 90 Mitgliedern.

Seiner Frau blieben noch rund 15 Jahre nach der Diagnose. Zehn Jahre pflegte er sie alleine, dann holte er sich Unterstützung von einer Vollzeit-Pflegekraft. „Ich war psychisch und physisch am Ende“, sagt er. Immer habe er vermeiden wollen, selbst krank zu werden. „Ich musste ja da sein“, so Thamm. Ein Pflegeheim sei keine Option gewesen. Irgendwann konnte seine Frau ihr Bett nicht mehr verlassen, nicht mehr sprechen oder selbst essen. Im November 2019 starb sie dann in Folge einer Lungenentzündung – im Kreis der Familie.