Geschickt zieht Sibylle Heinz mit der feinen Haarnadel eine Haarsträhne in den Hülsenfänger. Diesen abgezogen, bleibt eine kleine Hülse auf der Strähne zurück. Mit der Zange drückt sie die Hülse fest. Mittels der Hülsentechnik können Fremdhaar und Eigenhaar fest verbunden werden. Kunden können diesen Haarersatz nicht abnehmen. „Das hält für vier bis fünf Wochen, dann wird es instabil, weil die Hülse raus wächst“, erklärt Heinz, Betreiberin des Zweithaarstudios Sibylle. Die Klebemethode stellt eine weitere Art dar, den Haarersatz zu befestigen.

Susanne Vetterlein (links), Thomas Vetterlein und Sibylle Heinz.
Susanne Vetterlein (links), Thomas Vetterlein und Sibylle Heinz. | Bild: Horatio Gollin

Der Haarersatz kann mittels Klebestreifen von Kunden selbst angezogen und abgenommen werden. Bei einer Vollverklebung auf einer Kahlstelle müssen die Kunden nach vier bis sechs Wochen ins Zweithaarstudio kommen für Resthaarschnitt, Reinigung und Neuverklebung. Das früher verbreitete Clipsystem, mit dem das Toupet an die Resthaaren befestigt wird, sieht man fast nur noch bei älteren Kunden, ergänzt Thomas Vetterlein.

Zum Jahreswechsel übergaben Thomas und Susanne Vetterlein ihr Zweithaarstudio an ihre Nachfolgerin Sibylle Heinz. Damit einher gingen der Umzug von der Alten Landstraße an die Basler Straße und die Umbenennung. Heinz war aufgrund einer Chemotherapie und damit verbundenem Haarausfall selbst zu einer Kundin des Zweithaarstudios geworden. Aufgrund dieser Erfahrung wollte die gelernte Friseurin nicht in ihren früheren Beruf zurückkehren, machte die Weiterbildung zur geprüften Fachkraft für Zweithaar und fand einen Platz im Team der Vetterleins. „Das war eine richtige Fügung“, meint Sibylle Heinz und Vetterlein ergänzt: „Wir hatten gar nicht gedacht, das wir so schnell jemanden finden.“

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Komplett in den Ruhestand getreten, sind die Vetterleins aber noch nicht und helfen auf Zuruf noch aus. Viele Kunden sind durch Chemotherapie oder wegen einer Krankheit von Haarausfall oder komplettem Haarverlust betroffen, nur ein kleiner Kundenkreis kommt aus rein modischen Gründen, erklärt Vetterlein. Heinz schätzt, dass 70 Prozent der Kunden Frauen sind. Oft kann der Haarersatz über die Krankenkasse abgerechnet werden. Diskretion ist geboten, die Zweithaarspezialisten unterliegen einer Schweigepflicht. Der jüngste Kunde ist keine 20 Jahre alt, aber es kommen auch immer wieder Senioren als Neukunden. Beratung, Anpassung und die Pflege eines Haarersatzes nehmen viel Zeit in Anspruch. Im Vergleich zu einem normalen Friseurbesuch nehmen sich die Spezialisten deutlich mehr Zeit und die Kunden bleiben eher zweieinhalb Stunden als nur 45 Minuten, erklärt Vetterlein.

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Ob Kunsthaar- oder Echthaarperücke, das hängt von den Vorstellungen des Kunden ab. Kunsthaar ist pflegeleichter, bleibt aber in der Form, während Echthaar sich natürlicher anfühlt und auch gestylt werden kann. Die Nachfrage ist da. Vetterlein ist zweiter Vorsitzender des Bundesverbandes Zweithaarspezialisten, der jährlich die Rapunzelhaarspendeaktion durchführt. Bundesweit werden Haarspenden gesammelt und an die höchstbietende Herstellerfirma versteigert. Im vergangenen Jahr erbrachten 220 Kilogramm Haare einen Versteigerungserlös von 72.000 Euro, die der Verband einer wohltätigen Organisation spendet. 2019 ging der Erlös an die von Eckhart von Hirschhausen gegründete Stiftung Humor hilft heilen.

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Am Anfang steht die Beratung. Der Kunde wird nach seinen Aktivitäten und den Vorstellungen zum Haarersatz befragt, um das für ihn richtige Zweithaarsystem zu finden. Es gibt eine große Auswahl an Kollektionsware, insbesondere für Frauen, die von den Fachkräften angepasst wird. „Es sind viele Grundgrößen verfügbar. Das ist wie bei Hüten. Früher war das nicht der Fall, da mussten wir viel mehr umarbeiten“, sagt Vetterlein. Bei speziellen Kopfformen oder Kundenwünschen machen die Zweithaarspezialisten einen Abdruck des Schädels oder der Kopfpartie, sodass im Werk der Haarersatz passend nachgebaut werden kann.

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Mit speziellen Schnitttechniken sorgen die Zweithaarspezialisten dafür, dass Ponyersatz, Scheitelteile oder Perücke optisch perfekt passen und Übergänge nicht zu erkennen sind. „Die wichtigsten Werkzeuge sind Kamm und Schere“, sagt Heinz. Zweithaarersatz gibt es auch in die Mütze eingenäht, etwa wenn beim Sport keine Perücke getragen werden soll. Solchen Ersatz fertigt Heinz von Hand an.

Kontakt: Zweithaarstudio Sibylle, Basler Straße 11, Rheinfelden, Termine nach Vereinbarung unter Telefon 07623/965 98 50 oder im Internet (www.zweithaarstudio-sibylle.de).