Im Schützenhaus in Herten steht eine Böllerkanone. Ihr Schütze ist Urban Wolpensinger, genannt der „Böllschütze“. Eigentlich hätte er vor zwei Wochen mit der Böllerkanone geschossen. „Unser Schützenfest stand auf dem Terminkalender, aber in Zeiten der Corona-Pandemie ging das leider nicht“, erinnert Urban Wolpensinger mit Wehmut an den traditionellen Hertener Termin Anfang Juli.

Lauten Krach machen mit Schwarzpulver – so wird alljährlich das Schützenfest vormittags um 11 Uhr eröffnet und damit ins Bewusstsein der Hertener Bevölkerung gerufen. „Dann wissen alle Leute: Im Schützenhaus wird geschossen, und es gibt Wildsaubraten mit Bier“, sagt Wolpensinger. Betrübt fügt er an: „In diesem Jahr aber nicht.“ Diese Tageszeitung hat das zum Anlass genommen, um über die Böllerkanone und den dazugehörigen „Kanonen-Vater“ – so wird Urban Wolpensinger in Schützenkreisen auch genannt – zu berichten.

Mit Stolz zeigt Wolpensinger die Salutkanone, Kaliber 50 Millimeter, die sich die Gemeinde Herten im Jahr 1938 angeschafft hat und die seit April 2005 im Schützenhaus ein ehrenvolles Plätzchen hat. Mit viel Liebe und Leidenschaft kümmert sich Urban Wolpensinger um die Böllerkanone und die dazugehörige Ladung. Die Ladung bewahrt der Hertener Schütze gut gesichert in seinen eigenen vier Wänden auf. In einem hölzernen Koffer sind Kartusche, Zündhütchen und weiteres Zubehör verstaut. Die Kartusche wird mit Schwarzpulver gefüllt und mit einem Korken verdämmt, das erfolgt mit einem Hammer.

Sicherheitsabstand auch ohne Corona

Gezündet wird die Ladung dann mit dem sogenannten Zündhütchen, das wiederum durch einen Schlagbolzen gezündet wird. Diese Aufgabe ist allein Sache von Urban Wolpensinger. Alle anwesende Personen müssen mindestens fünf Meter Abstand von der Böllerkanone einnehmen. Denn, so Wolpensinger: „Steht einer im Falle vor der Böllerkanone ist er in sehr großer Gefahr, die Druckwelle ist gewaltig.“ „Kanonier“ Wolpensinger übt diese Tätigkeit seit 15 Jahren bei seinem Schützenverein Herten aus. Um mit der Salutkanone schießen zu dürfen, musste er einen zweitägigen Lehrgang absolvieren, er hat für zehn Euro den Böllerschein mit Zertifikat erlangt. „Böllerpulver unterliegt in Deutschland dem Sprengstoffgesetz“, erklärt er.

Böllergeräte müssen turnusmäßig alle fünf Jahre dem Beschussamt vorgeführt werden. Für die Hertener Kanone ist das Beschussamt in Ulm zuständig. Dazu erzählt Urban Wolpensinger mit Begeisterung: „Dort wird unsere Böllerkanone mit der doppelten Ladung in einem Steinbruch gezündet, dann kracht es mächtig. Unsere Kanone besteht die Prüfung jedes Mal mit Bravour“.

Weitere Gelegenheiten

Nicht nur zur Eröffnung des Schützenfestes zündet er die Böllerkanone, auch zu Ehren eines Mitgliedes – zum Beispiel bei einem hohen runden Geburtstag, bei einer Hochzeit oder auch einer Beerdigung. Auch haben die Hertener vor vielen Jahren den Eichslern schon einmal die Böllerkanone ausgeliehen, um beim traditionellen Eichsler Umgang frühmorgens und zum sakramentalen Segen zu böllern.

Urban Wolpensinger gehört dem Schützenverein Herten seit 1956 an und ist im Vorstandsteam tätig. Er ist Sportleiter Pistole und hat sich im Laufe der vielen Jahre schon einige Medaillen erkämpft. Wenn er das Schützenhaus betritt, dann richtet sich sein wachsames Auge stets zuerst auf die Böllerkanone: „Ich schau immer drauf, ob alles stimmt, manchmal wird sie nämlich als Müllablageplatz benutzt, das gefällt mir gar nicht“, sagt er resolut.