„Corona dürfte auch die letzten Kritiker der Quartiersarbeit überzeugt haben“ – das betonte Bürgermeisterin Diana Stöcker im Bürgersaal. Mit einer Fachveranstaltung zum „Quartier der Zukunft für Alle und mit Allen“ hat das zweijährige Förderprogramm der Quartiersimpulse in Rheinfelden geendet. Neben einer Auffrischung der wesentlichen Inhalte und Ziele der Quartiersarbeit bestand im Rahmen einer Podiumsdiskussion auch Gelegenheit, Lehren für ein zukünftiges Miteinander aus der Corona-Pandmie zu ziehen.

Quartiere als Möglichkeitsräume

Inhaltlicher Höhepunkt der gut besuchten Veranstaltung im Bürgersaal waren die mit Interesse verfolgten Ausführungen Günter Rauschs. Der Professor für Gemeinwesenarbeit und Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Freiburg referierte über „Möglichkeitsräume in den Quartieren“. Vor zwei Jahren fertigte er die Sozialraumanalyse als Grundlage für die Rheinfelder Quartiersarbeit an. Die Schwerpunkte lagen auf Oberrheinfelden und der westlichen Stadtmitte. Unter besonderer Berücksichtigung städtischer Räume konkretisierte Rausch die Ziele der Quartiersarbeit. Als deren ersten Adressaten sah er eine „vielfältige Stadtgemeinschaft, die auf verantwortungsbewusster Teilhabe und bürgerschaftliches Engagement setze“, so Rausch.

Probleme der Stadt

Einen konkreteren lokalen Bezug erhielt die Veranstaltung durch die anschließende Podiumsdiskussion. Unter dem Motto „Was nehmen wir aus der Pandemie mit“ äußerten sich Bürgermeisterin Stöcker, Karin Schwarz-Marty vom Stadtseniorenrat Rheinfelden, Stefan Heinz von der AGJ Wohnungslosenhilfe, Antonio Cammarota von der Rheinfelder Jugendbeteiligung sowie Günter Rausch und Lisa Weis von der Allianz für Beteiligung aus Stuttgart zu den konkreten Bedingungen und Problemen der Stadt Rheinfelden.

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Es sollte sich zeigen, dass Kontakt und Begegnung, Raum für Leben und Wohnen sowie Aktivität und Interaktion den Menschen in Rheinfelden, gerade vor dem Hintergrund der keineswegs überwundenen Corona-Pandemie, am stärksten unter den Nägeln brennen. Die schlimmsten Auswirkungen hätten die Kontaktbeschränkungen für die ältere Generation gehabt, betonte Schwarz-Marty. Viele alte Menschen hätten sich „eingeigelt“ und nicht mehr aus dem Haus getraut. Über das Internet zu kommunizieren und Angelegenheiten zu regeln, sei für Viele aufgrund unüberwindbarer digitaler Hürden keine Option, gab Schwarz-Marty zu bedenken.

Bürgermeisterin Stöcker verwies auf Angebote der Stadt wie etwa die Hilfe-Hotline oder Info-Briefsendung, die an ältere Bürgerinnen und Bürger verschickt worden war. Die Stadt könne jedoch nicht wissen, wer Hilfe braucht. „Wir sind darauf angewiesen, dass sich die Alten selbst melden“, so Stöcker. Konsens bestand in der Diskussionsrunde darin, „gewisse Bevölkerungsgruppen nicht von der digitalen Teilhabe auszuschließen“, wie es Heinz formulierte.

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Die Diskussion über Begegnungsmöglichkeiten führt bald zur Frage nach Räumen der Begegnung. Für den hierbei assoziierten Wohnraum zogen die Diskutierenden für den Fall Rheinfelden eine sehr negative Bilanz. Rausch sprach von einem „Mietwahnsinn“ und forderte einen „neuen gemeinnützigen Wohnungsbau“. Heinz verwies auf die erfolgreichen Neubauprojekte in der Römerstraße, die er als wegweisend erachtete.

Jugendvertreter Cammarota erinnerte an die Bedürfnisse von Jugendlichen. Er beklagte die Überhand nehmende Bebauung. „Es braucht öffentliche Flächen, wo Jugendliche Zeit verbringen können.“ Rausch schlug vor, bereits vorhandene Stätten der Begegnung bewusst zu Orten des Miteinanders auszubauen. In Frage kämen auch Kindergärten, Kindertagesstätten oder Spielplätze. Gleichzeitige wies Rausch hin auf notwendige Überlegungen nicht nur über geeignete Räume, sondern auch über Zeitpunkte und Methoden, um Mitmenschen im Sinne des gemeinschaftlichen und vernetzten sozialen Engagements zu aktivieren.

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Die Diskussion scheint die Wirkung auf ein interessiertes Publikum nicht verfehlt zu haben. Der Aufforderung, zu den drei Themen „Kontakte“, „Raum“ und „Aktion/Aktivierung“ auf drei Tafeln in kurzen Stichworten Anregungen und Vorschläge zu notieren, kamen viele der Teilnehmenden nach. Geäußert wurde etwa der Wunsch nach regelmäßigen Treffs, um unterschiedlichen Bewohnern und Zielgruppen aller Generationen Möglichkeiten zum Austausch zu bieten. Zu vermissen scheinen die Bürger regelmäßige Feste, Flohmärkte, Frühstücksmöglichkeiten und Spielaktionen in der Nachbarschaft. Beim Thema Wohnen wurden Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum erhoben. Eine Zunahme von Bautätigkeiten sollte aber nicht zu Lasten von Nachhaltigkeit um Umwelt gehen. Ein weiterer Vorschlag lautete, dass bei Neubauten die Berücksichtigung von Stätten der Gemeinschaft zum planerischen Standard werden sollte.

Wie Quartiersarbeiter Günter Schmidt ankündigte, werden die Vorschläge aus den drei Themenfeldern als Arbeitsgrundlage für einen Workshop am 29. Juli im Tutti Kiesi Park einfließen. Die Formulierung von drei kurzfristigen, zwei mittelfristigen und einer langfristigen Zielsetzung diene dabei als verbindliche Arbeitsaufgabe.