Wer etwas Ahnung von der Geschichte des St. Josefshauses hat, kann sofort sagen, warum die hauseigene Sonderschule für Kinder mit Behinderungen den Namen von Karl Rolfus (1819 bis 1907) trägt: Der katholische Priester aus Freiburg war nicht nur 1879 der Gründer des St. Josefshauses in Herten, sondern ein Jahr später auch eben jener Schule für seine „unbildbaren Zöglinge“ – so der politische Terminus bis in die 1970er.

Schule muss lange auf Namensgebung warten

Spannend ist die Frage, warum die Schule, die heute offiziell Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum heißt, erst 1992, 112 Jahre nach ihrer Gründung, den Namen erhielt. Ferdinand Müller weiß die Antwort darauf: Der pensionierte Pädagoge war 40 Jahre an der heutigen Karl-Rolfus-Schule tätig, davon elf Jahre als Konrektor und ab 1990 17 Jahre als Schulleiter. In dieser Eigenschaft war er maßgeblich verantwortlich für die Namensgebung. Bis in Müllers Amtszeit nahm die Schule fast nur interne Schüler auf, das heißt, Kinder, die im St. Josefshaus lebten.

„Damals genügte durchaus die Bezeichnung Sonderschule am St. Josefshaus“, sagt Müller. Doch durch die vielen Neugründungen von Sonderschulen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei die Zahl der Schüler im St. Josefshaus kontinuierlich zurückgegangen. Gegen die anfängliche Skepsis der Direktion des St. Josefshauses setzte Müller die Öffnung der Schule auch für externe Schüler durch, die heute neun Prozent ausmachen. „Außerdem konnten wir so das damalige Image der ‚Anstalt‘ als geschlossenes Gebilde deutlich verbessern“, so Müller.

Sein Vorhaben sei nicht leicht umzusetzen gewesen, sagt Müller; vor allem die Helen-Keller-Schule in Maulburg habe sich gegen die plötzliche Konkurrenz in ihrem Einzugsgebiet gewehrt. Mit viel Information, Werbung und Lobbyarbeit sei es der Schule am St. Josefshaus aber gelungen, genügend interessierte Eltern zu gewinnen. Mit der Öffnung nach außen musste die Schule allerdings unterscheidbar werden; ein eigener Name wurde nötig. Und dafür kam nur Karl Rolfus in Frage.

Seit 2011 heißt die Rektorin der Karl-Rolfus-Schule Birgit Hehl, der Konrektor seit 2003 Thomas Mürle. „Die Eltern oder Kinder fragen ab und zu, wer da auf dem Bild an der Wand des Rektorenzimmers so grimmig schaut“, berichtet Hehl. Es gebe außerdem vor der hauseigenen Josefskirche eine Statue von Karl Rolfus; und neue Mitarbeiter bekämen ein Bild von ihm geschenkt – „aber ein schöneres!“ Ansonsten werde der Josefstag am 19. März zu Ehren des Namensgebers der gesamten Einrichtung gefeiert – übrigens Rolfus‘ Lieblingsheiliger, wie Müller weiß. Das jährliche Sommerfest orientiere sich an Peter und Paul, dem 29. Juni, dem Gründungstag 1879 des St. Josefshauses. „Einen Karl-Rolfus-Tag gibt es hingegen nicht“, sagt Hehl.

„Die Welt sehen, wie sie sein sollte“

Mürle ergänzt, dass der Geist Rolfus‘ im Unterricht immer präsent sei: „Karl Rolfus hat gesagt: ‚Ich stellte mir manchmal die Welt vor, wie sie sein sollte, nicht, wie sie ist.‘ Das versuchen wir im Schulalltag auch.“ Laut Hehl flossen die pädagogischen Überzeugungen Rolfus‘ auch in den Bildungsplan „Identität und Selbstbildung“, der die Kinder ermutigen soll, selbständig zu lernen.

Seit 2003 hat die Karl-Rolfus-Schule eine Außenstelle in Lörrach in der Wallbrunnstraße. Davon abgesehen weiß Müller von keiner anderen Schule mit dem Namen Karl Rolfus: „Verdient hätte es der Mann“, findet er. Mit der Helen-Keller-Schule, benannt nach der taubblinden US-amerikanischen Schriftstellerin (1880 bis 1968), das stellt Mürle noch klar, gebe es heute eine „ausgezeichnete Zusammenarbeit“.