Wäre nicht gerade Corona, so wäre Tapp wahrscheinlich in der Region unterwegs, um wie in der Vergangenheit über Organspende zu informieren und aufzuklären. Oder er säße in der Uniklinik Freiburg bei seiner regelmäßigen Sprechstunde für Menschen, die vor einer Transplantation stehen oder sie gerade hinter sich gebracht haben.

Da aber gerade Corona ist, ist Burkhardt Tapp, Sprecher der Regionalgruppe Südbaden des Bundesverbandes Organtransplantierter, zuhause und wartet auf die Nachricht, wann er Zugang zum Impfstoff bekommt.

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Denn Tapp lebt seit 18 Jahren mit einer Spenderlunge und zählt zu der Risikogruppe, bei der eine Covid-19-Erkrankung einen schweren oder tödlichen Verlauf nehmen könnte.

Dass Tapp überhaupt noch auf etwas Warten kann, hat er dem Organ eines fremden Menschen zu verdanken. Als Kleinkind erlitt Tapp eine Masernpneumonie, welche seine Lunge nachhaltig zerstörte. Das Thema Transplantation war für ihn jedoch weit weg. Bis ihm ein Chefarzt eröffnete, dass man bei ihm nichts mehr machen könne, außer zu transplantieren.

Da war Tapp 36 Jahre alt. „Das hat mich wie ein Hammer getroffen“, erzählt der heute 64-Jährige. Es habe gedauert, bis er es akzeptieren und sich mit den weiteren Schritten vertraut machen konnte – etwa dem Platz auf einer Warteliste.

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Mit diesem Platz wartet man auf ein passendes Spenderorgan. Und das heißt konkret auf einen Anruf der Klinik. „Der kommt meistens spätabends oder nachts“, schildert Tapp. Man schrecke daher jedes Mal zusammen, wenn zu ungewöhnlichen Zeiten das Telefon klingelt.

Zu Beginn, so schildern es ihm auch Betroffene in seinen Beratungsstunden, hat man vor dem Anruf eher Angst, denn er bringt eventuell eine schwere Operation mit sich, deren Ausgang nicht gewiss ist. Je länger man wartet, desto mehr „sehnt man diesen Anruf herbei“. Denn vielen gehe es körperlich, aber auch psychisch immer schlechter.

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Wann sein Anruf kam, weiß Tapp noch ganz genau. „Das war um Viertel vor Zwei in der Nacht.“ Allerdings war es der vierte, um genau zu sein. Der erste kam nach drei Wochen auf der Warteliste, der zweite nach vier Wochen. Beide Male konnte nicht transplantiert werden, weil Tapp krank war.

„In eine Infektion hinein transplantieren, ist nicht möglich.“ Das Risiko fürs Immunsystem ist zu hoch. Der dritte Anruf war streng genommen kein Anruf, sondern ein sogenanntes Euro-Signal, der Vorläufer des Pager. Tapp erhielt die Nachricht, während er im Kino saß. Da stand er schon eineinhalb Jahre auf der Liste.

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Gerade bei Herz-und Lungentransplantationen zählt jede Minute, weshalb die Empfänger nicht nur jederzeit erreichbar sein müssen, sondern sich eigentlich auch in einem gewissen Umkreis aufhalten müssen. Tapp wurde mit einem Rettungswagen in die Klinik gebracht und für die OP vorbereitet.

Dann kam die Nachricht, dass mit der Lunge etwas nicht in Ordnung sei. Vor der Entnahme liegen nur die labortechnischen Werte vor. Erst nach der Entnahme kann das Organ in Augenschein genommen werden – und nicht selten werden Mängel festgestellt.

„Ich kenne Patienten, denen ist das vier, fünf Mal passiert“, sagt Tapp. Er versuche, ihnen das Positive daran zu vermitteln. „Ihr seid nicht vergessen.“ Denn manchmal stehe man jahrelang auf der Liste und niemand melde sich.

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So war es auch bei Tapp. Der vierte Anruf kam erst im Februar 2002. Tapp war in einem Hotel in Berlin, am nächsten Tag sollte er für den Bundesverband einen Vortrag halten. „Ich habe gesagt: Das passt mir jetzt gerade gar nicht“, erinnert sich Tapp lachend. Aber es sei auch wirklich verflixt gewesen: Ausgerechnet bei dieser Fahrt habe er den Anruf, der sein Leben verändern sollte, überhaupt nicht erwartet.