Herr Wößner, Frau Flaig, Sie haben mit Menschen zu tun, die von der Krise sehr betroffen sind. Erleben Sie, dass der Glaube da Halt geben kann?

Wößner: Absolut ja. Viele Menschen empfinden den Glauben als Trost, als Halt, als Hoffnung. In schwierigen Situationen, in Krankheit, Leid, zu wissen: Ich bin nicht allein – das trägt. Unser Glaube ist eine Hoffnungsbotschaft. Und wenn es uns gelingt, den Menschen zu sagen: Gott geht mit auf unserem Weg, dann ist das eine wunderbare Botschaft, die durch eine Krise hindurch helfen kann.

Flaig: Hoffnung kann nur da sein, wo vorher Zweifel und Angst waren. Dadurch gehen die Leute. Vielleicht ist genau dieser Prozess das, was stärkt. Wenn sie merken: Am Ende bin ich da durch gegangen.

Wößner: Das ist das Entscheidende – da durch. Es ist ja nicht so, dass durch den Glauben plötzlich die Pandemie weg wäre. Oder dass man sagt: Wenn du in die Kirche kommst, kann nichts passieren, weil da kein Corona ist. Es geht mit dem Glauben durch die Krise, nicht daran vorbei. Natürlich ist das auch ein Test für den Glauben: Hilft mir das wirklich?

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Frau Flaig, Herr Hinderer, im Frühjahr waren Sie als Seelsorger in Lörrach im Krankenhaus. Was war Ihre Aufgabe?

Hinderer: Wir haben Angehörige von meist im Sterben liegenden Corona-Infizierten begleitet. Zum Beispiel haben wir über Video-Schaltungen Kontakt zwischen den Patienten und ihren Angehörigen hergestellt. Oftmals war das der letzte Kontakt, um sich zu verabschieden.

Flaig: Bei den Angehörigen ging es um Sprachlosigkeit, um Ohnmacht, darum, einen enormen Druck auszuhalten. Die Trauer kommt nicht nach, wenn einem innerhalb von drei Wochen der Liebste genommen wird. Worte helfen da nur bedingt, das ist zu schmerzhaft. Es ging darum, das Geschehene mitzutragen.

Hinderer: Die Tochter eines Sterbenden konnte nicht nach Lörrach kommen, also habe ich mit ihr telefoniert. Sie war froh, mit jemandem zu sprechen, der nah dran war. Zwischendurch haben wir am Telefon geschwiegen, aber die Frau hat mich auch gebeten, dass ich mit ihr bete. Dabei hatte sie mit Kirche gar nichts am Hut, aber sie wollte alles, was ihr hilfreich schien, versuchen. Weil ihr so wenig blieb.

Aufgrund der Corona-Verordnungen waren und sind viele Rituale nicht oder nur eingeschränkt möglich, etwa das gemeinsame Singen. Braucht der Glaube diese Rituale?

Wößner: Die Kirche hat eine zweiseitige Verantwortung: Für liturgische Angebote, für Gemeinschaft, für Rituale, aber eben auch für die Gesundheit der Menschen. In den Gottesdienst kommen ja gerade viele, die zur Risikogruppe gehören. Am schwierigsten war es in der ersten Hochphase der Pandemie, als wir bei Trauerfeiern nicht in die Kapellen konnten und die Zahl der Mitfeiernden stark begrenzt war. Das war eine extrem schwierige Situation für die Angehörigen: Wer darf kommen? Und das in einer Trauersituation.

Flaig: Das hat die Menschen sehr geschmerzt, dass sie ihrer Trauer nicht Ausdruck geben konnten. Das braucht es.

Wößner: Manche saßen während der Trauerfeier zuhause, haben eine Kerze angezündet und waren in Gedanken dabei. Diese Gemeinschaft ist wichtig. Überhaupt sind Rituale essentiell, Glaube ohne Rituale geht nicht. In der Krise mussten dann eben auch neue, andere Rituale gefunden werden.

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Ist es den Kirchen gelungen, neue Formen der Andacht zu finden?

Hinderer: Nicht alle Formen, die Menschen lieb und wertvoll sind, konnten einfach ersetzt werden. Da wurde und blieb manches schmerzlich vermisst. Aber es wurden auch viele Formen neu belebt oder entwickelt: persönliche Briefe, offene Kirchen mit Kerze anzünden und Bitten aufschreiben, Bibelverse auf der Straße, die alle lesen können. Menschen wurden erreicht, die wir sonst mit traditionellen Formen vielleicht nicht erreicht hätten. Das war eine tiefe Glaubenserfahrung.

Wößner: Dazu zählt für mich auch die Solidarität unter den Menschen, die sich über den Gartenzaun austauschen und einander helfen. So viele Menschen sind aktiv geworden und haben gesagt: Du und ich, wir sind Kirche. Uns würde das jetzt gut tun, dann machen wir das doch einfach. Das ist super. Diese Experimentierfreude hätten wir sonst nicht hingekriegt. Auch bei der Digitalisierung hat das der Kirche einen Schub gegeben. Das hätte sonst sicher noch gedauert. Ob das alles dann immer perfekt war, sei mal dahingestellt (lacht).

Flaig: Jetzt mit Blick auf Weihnachten wird es meines Erachtens allerdings noch schwieriger, weil Weihnachten ein emotional besetzteres Fest ist als beispielsweise Ostern. Und in der aktuellen Lage auch Familienfeiern infrage gestellt sind.

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