Herwig Popken ist fast ein wenig entrüstet über die Frage: Haben wir es geschafft? „Dass wir‘s schaffen werden, war doch klar“, sagt er. „Die Frage ist nur: unter welchen Bedingungen? Und ideal ist es natürlich nicht.“ Der 75-Jährige hat viel Erfahrung rund um das Thema Asyl. Bis zu seinem Renteneintritt 2010 war er Heimleiter einer Gemeinschaftsunterkunft. Als 2015 wieder mehr Heime und Leiter gebraucht wurden, kam er zurück.

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Schon 2005 hat Popken gemeinsam mit Jörg Hinderer, Kirchenbezirksbeauftragter für Flucht und Migration, und ein paar anderen den Freundeskreis Asyl in Rheinfelden gegründet. 2015 habe es eine Aufbruchstimmung gegeben, auch durch den Satz von Angela Merkel, sagt Hinderer. „Dieser Satz hat eine große Motivation ausgelöst, auch bei uns. Es gab ein Wir-Gefühl – ohne dass Frau Merkel gesagt hat, wer dieses Wir eigentlich ist.“

Diese Motivation in sinnvolle Bahnen zu lenken, das sei nicht leicht gewesen. Bei einem Treffen im Bürgersaal mit gut 300 Menschen habe man Arbeitsgruppen gebildet. „Die 300 wurden auch schnell wieder weniger“, sagt Hinderer. Früher oder später sei dieses Engagement auch mal frustrierend. Aber: Auf einmal hätten die, die sich schon vorher engagierten, viel mehr Wertschätzung bekommen – weil ihre Erfahrung so wertvoll war.

2015 sei alles improvisiert gewesen, keiner vorbereitet auf die Situation, sagt Hinderer. „Dabei hat sich angebahnt, dass wieder mehr Menschen zu uns kommen.“ Aber dieses Improvisieren habe auch eine gute Seite gehabt: „Das hatte sehr viel Menschliches. Es ging nicht darum, dass alles perfekt organisiert ist – sondern darum, ein offenes Herz zu haben.“

Und mit diesem offenen Herzen habe man in Rheinfelden viel geschafft: Mehr als die Hälfte der Geflüchteten sind laut Popken integriert und in Arbeit, Schule oder Studium. 85 Prozent hätten eigene Mietverträge. Corona habe das etwas gedämpft, ergänzt Hinderer. Etwa zehn Prozent haben ihren Job durch die Krise wieder verloren, schätzt er.

Rheinfelden als Positiv-Beispiel

Die Menschen integrierten sich immer mehr in die Gesellschaft, „so verlieren wir leider viele aus den Augen“, sagt Popken. „Das ist doch gut!“, wirft Hinderer ein. Manche Flüchtlinge engagierten sich inzwischen selbst im Freundeskreis.

Rheinfelden sehen beide definitiv als Positiv-Beispiel. „Es ist eine Arbeiterstadt, dazu die Grenznähe – dadurch ist es eine sehr offene Stadt“, sagt Popken. Proteste habe es nie wirklich gegeben, nur ab und zu mal einen bösen Brief. Einen latenten Rassismus merke man etwa bei der Wohnungssuche für Geflüchtete. „Aber nicht sehr stark.“

Doch es sei auch nicht alles einfach gewesen in den fünf Jahren. „Es ist furchtbar, was uns die Bürokratie für Schwierigkeiten bereitet“, sagt Popken. Die Ausländerabteilung der Stadt habe ihnen immer wieder „Knüppel zwischen die Beine geworfen“. Das habe sich mit Amtsantritt von Bürgermeisterin Diana Stöcker verbessert, wirft Hinderer ein. Popken stimmt zu: „Wir sind nicht immer einer Meinung – aber wir können reden.“

In der Verwaltung gehe normalerweise alles seinen gewohnten Gang – in der Situation 2015 unmöglich, sagt Popken. Am Abend etwa kam die Nachricht, dass am nächsten Morgen ein Bus voller Menschen ankomme. „Da mussten schnell Betten her – und plötzlich ging das.“

Natürlich gebe es auch mal Ärger, Drogenhandel in der Gemeinschaftsunterkunft zum Beispiel. Ein Teil dieser Probleme sei hausgemacht, sagt Hinderer, weil laut Asylsystem niemand integriert werden solle, der nicht sicher hier bleiben könne. Das strecke sich oft über eine lange Zeit. „Die Leute schlittern da rein, weil sie völlig perspektivlos sind“, sagt Popken. Wer nur geduldet wird, dürfe oft nicht arbeiten. „Die hängen hier rum und existieren – leben kann man das nicht nennen.“ Da sei es verständlich, „wenn die mal daneben greifen“. Manche seien mit den Nerven am Ende, weil immer die Abschiebung drohe. Es habe aus Angst auch schon einen Suizidversuch gegeben.

Eine Lösung für diese Menschen zu finden, das stehe noch aus. Außerdem seien viele Geflüchtete traumatisiert und seien noch immer dabei, das aufzuarbeiten. Und: Für Hinderer ist es weiterhin wichtig, dass beide, Geflüchtete wie Bevölkerung, offen aufeinander zugehen. Eigentlich, findet der Pfarrer, seien fünf Jahre zu kurz, um ein Fazit zu ziehen. Eine Zwischenbilanz? „Wir haben viel geschafft. Und wir sind auf einem sehr guten Weg.“ Aber es würden auch wieder mehr Menschen kommen. „Die Arbeit bleibt.“

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