Frau Tortomasi, Herr Schmidt, mit der Veranstaltung am Samstag geht das Projekt „Quartiersimpulse“ zu Ende. Was bedeutet „Quartier“?

Tortomasi: Wir in der Quartiersarbeit benennen natürlich die Quartiere, Oberrheinfelden, Fécampring, Warmbach. Aber die Bewohner sehen das nicht so eng. Ein Quartier ist ein Ort, wo sich Menschen treffen können.

Schmidt: Es sind Möglichkeitsräume, wo sich etwas entwickeln kann.

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Was war das Ziel des Projekts?

Schmidt: Die Landesregierung legt mehr Wert auf die Arbeit vor Ort. Auch angesichts der Herausforderungen der Zukunft: die Demokratie sturmfest machen, der demografische Wandel, die Pandemie, der Klimawandel. Diese Probleme müssen wir vor Ort lösen – da kann die Quartiersarbeit einen Beitrag leisten.

Und worin bestand das Projekt?

Schmidt: Das hatte drei Teile. Günter Rausch, Professor für Sozialforschung, hat eine wissenschaftliche Sozialraumanalyse mit Handlungsempfehlungen erstellt. Die Analyse ist jetzt die Grundlage für unsere weitere Arbeit, auch in anderen Fachbereichen. Parallel haben wir unsere Netzwerke ausgeweitet. Und der Begleitausschuss mit Vertretern des Gemeinderats, der Verwaltung und der Zivilgesellschaft hat sich mit der Konzeption Quartier auseinandergesetzt. Die werden auch weiter unsere Arbeit begleiten.

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Inwiefern hat Corona das Projekt erschwert?

Tortomasi: Andersherum hat uns das Projekt in der Pandemie geholfen, weil wir schon so vernetzt waren.

Schmidt: Da war so viel Solidarität untereinander. Wir haben unglaubliche Potentiale in unserer Stadt – und die Leute gestalten dort mit, wo sie wohnen. Das haben wir in der Pandemie gemerkt und das ist sehr ermutigend. Was zu kurz kam, ist die Beteiligung der Bevölkerung. Das werden wir jetzt ein bisschen ausgleichen mit der Abschlussveranstaltung am Samstag. Aber in der Analyse fehlt die Beteiligung – in die Quartiere gehen, mit den Leuten sprechen. Das ist ein Manko.

Hat das Projekt denn überhaupt funktioniert, wenn man nur über und nicht mit den Menschen sprechen konnte?

Tortomasi: Ja, natürlich. Wir haben eine wissenschaftlich fundierte Basis – aus der Außensicht. Die Innensicht kommt jetzt, damit können wir dann weiterarbeiten. Wenn man die Beteiligten mal an einem Tisch hat, kann daraus was entstehen.

Schmidt: Auch in unserer bisherigen Arbeit sind wir natürlich nah an den Leuten. Das haben wir bei unserer Impfaktion in Oberrheinfelden gemerkt: Wir haben keine zehn Tage gebraucht, um 600 Impflinge zu finden. Das ist schon spannend: Sonst haben wir dort ein großes Sommerfest mit 600 Leuten gemacht.

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Sprechen wir doch über die Ergebnisse des Projekts. Was hat Sie überrascht?

Schmidt: Der stärkste Eindruck war für mich: Bei der Stimmung letztes Jahr im Frühjahr, die Grenzen waren zu, große Krise – zu merken, wie die Leute füreinander da sind. Es heißt immer: Die Jungen engagieren sich nicht. Das stimmt einfach nicht. Genau das hat sich in der Pandemie gezeigt: Die Jungen waren da, aber auch die Alten. Die Jungen haben auch viel gelitten, die dürfen jetzt nicht unter die Räder kommen, weil sie noch nicht geimpft sind.

Gibt es nicht gerade in den Quartieren Konflikte zwischen den Interessen von Jung und Alt? Junge Familien brauchen Kita-Plätze, Ältere brauchen Ärzte, aber die Mittel und Räume sind begrenzt.

Tortomasi: Nein. Wir arbeiten nicht zielgruppenspezifisch, sondern generationsübergreifend. Wir bringen Ältere und Jüngere zusammen.

Schmidt: Natürlich sind das unterschiedliche Interessen, aber gerade in der Pandemie haben die Generationen aufeinander geachtet. Da sehe ich keinen Widerspruch. Aber der demografische Wandel ist natürlich eine Herausforderung.

Eine andere Herausforderung ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum.

Schmidt: In der Sozialraumanalyse heißt es, dass es auch Anstrengungen außerhalb der Wohnbau braucht: Genossenschaftliche Projekte. Die Innenstädte werden sich verändern, es gibt zunehmend Leerstand – wie wollen wir diese Räume nutzen? Wir können Möglichkeitsräume schaffen, in denen Leute zusammenkommen, ihre Ideen austauschen und Lösungen finden.

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Ein Ergebnis der Analyse war auch, dass Oberrheinfelden, der Fécampring und Warmbach-West mehr Unterstützung brauchen.

Schmidt: Ja, aber das ist eher die Außensicht – wie die Leute das selber empfinden, fehlt in der Analyse. Gerade Oberrheinfelden hat eine gute Infrastruktur. Es lässt sich dort nicht schlecht leben.

Wie sieht Rheinfelden in zehn Jahren aus?

Schmidt: Rheinfelden wird sich positiv weiterentwickelt haben, die Herausforderungen angenommen haben. Es wird Leute geben, die aktiv daran arbeiten und kreativ sind.