Vor zehn Jahren nahm die freie Illustratorin Beate Fahrnländer nach langer Unterbrechung ihre Malerei in Acryl und Öl wieder auf. Unter dem Titel „Zeitlos“ zeigt sie jetzt die Ergebnisse in ihrer ersten großen Einzelausstellung im Haus Salmegg. Knapp 70 Werke zieren thematisch untergliedert die pittoresken Räume.

Ein bisschen kommt die Illustratorin auch auf ihren Gemälden zum Vorschein – zum einen durch die oftmals deutlich umrissenen Konturen, aber auch weil jedes Werk eine Geschichte erzählt. Dieses erzählende Moment verweist nicht von ungefähr auf die Leipziger Schule. In Leipzig geboren, besuchte Fahrnländer bereits als Jugendliche die Abendschule an der Hochschule für Grafik und Buchdruck. Später verfeinerte sie ihren narrativen Malstil bei Meisterkursen von Rayk Goetze und Rosa Loy. Während ihr Stil expressiv und figürlich blieb, wurde ihr Duktus mit der Zeit freier und löste sich von Details.

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Eine in Blautönen gehaltene Serie empfängt einen im Foyer von Haus Salmegg. Auf dem größten von ihnen vereint Beate Fahrnländer Neuzeit und Vergangenheit mittels zweier Badender: eine Frau unbefangen im Bikini, die andere im steifen Renaissancegewand. Man sieht ein Badehäuschen, in dem sich früher die Frauen umzogen, um von dort aus möglichst unsichtbar rückwärts zum Baden ins Wasser zu bewegen und genauso wieder zurück. Beim Betrachten meint man zudem, Caspar David Friedrichs Sehnsucht nach dem Anblick des Meeres zu verspüren.

Menschliche Schicksale

Im ersten Raum lenkt die Künstlerin das Augenmerk auf menschliche Schicksale, die vom Krieg berührt oder gar zerstört wurden. Anlässlich des Projekts „Hundert Jahre Erster Weltkrieg“ hatte sie 2014 Schwarz-Weiß-Porträts aus dieser Zeit in die Gegenwart geholt – besonders Kinder, die in allen Kriegen für Propaganda missbraucht wurden. Das Erleben von Krieg, das ist ihr klar geworden, wird in die zweite oder dritte Generation getragen und spielt auch in unser Leben hinein. Deshalb passt die Reihe auch ins Jahr 2021, gerade zu dem Geschehen in Afghanistan. Viel Autobiographisches fließt in die Kunst von Beate Fahrnländer. Die Verarbeitung mittels Malerei hat für sie unbedingt etwas Therapeutisches.

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Im nächsten Raum beleuchtet sie die „Kindheit“ – auch wieder im Bezug zu Vergangenem – mit all ihren fröhlichen, aber auch traumatischen Erinnerungen. Als Bildquelle nahm sie erneut alte Fotografien zur Hand, dieses Mal aus der eigenen Familiengeschichte. „Kalte Heimat“ zeigt die Oma, die mit ihren Kindern ohne Vater von Schlesien nach Sachsen flüchtete, im ersten Winter in der neuen Heimat, die noch keine Heimat war. Die Zeitlosigkeit dieser Art von Notlage führen die Nachrichten täglich vor Augen. Als Kontrast dazu lässt sie ihre Tochter Anna auf einer Schaukel bis zum Himmel hoch fliegen und ein Kind das Gegenüber spitzbübisch angrinsen.

Das steckt hinter dem Ausstellungstitel

Der Titel „zeitlos“ entspringt eigentlich der Porträtserie „timeless faces“, die die Künstlerin in der Pandemie-Zeit begonnen hat. Wie so viele war sie im stillen Kämmerlein eingeschlossen und griff dieses Mal auf Fotos zurück, die sie auf Reisen von klassischen Skulpturen in gotischen Kirchen, Schlössern, Museen und auf öffentlichen Plätzen aufgenommen hatte. Diese menschlichen Gesichter wieder anschauend, waren sie ihr viel näher als ursprünglich, vielleicht weil sie über die riesige Zeitspanne hinweg Gemeinsamkeiten spürte. Dass die Menschen vor Hunderten von Jahren dasselbe fühlten wie wir heute, man angesichts der Bedrohung durch die Pest im 15. Jahrhundert in der Toskana Schutzmantelmadonnen schuf, während sich die Menschen heute gegen Covid-19 impfen lassen.

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Fortgesetzt hat Fahrnländer diese Serie mit Menschen aus unserer Zeit, etwa mit Filmstills aus „Paris – Texas“. Allen Gesichtern ist gemein, dass sie dem Betrachtenden reduziert und verfremdet vorkommen, mal irritieren auch aufgebrachte Flecken. Experimentell hat die Künstlerin ein paar Mal sogar ganze Teile ausgelöscht. Das kann man als Fingerzeig auf eine innere Dynamik, starke Gemütsbewegung oder Entfremdung deuten. Ein kleines Grafikkabinett mit Siebdrucken, die unterschiedliche Effekte zu Unikaten machen, sowie eine Wand mit Stencils – Porträts von Sophie Scholl, Joseph Beuys und Amanda Gorman – runden die Ausstellung ab.

Die Ausstellung ist bis 7. November zu sehen, am Samstag und Sonntag, jeweils von 12 bis 17 Uhr