Frau Zehelein, heute ist fast alles nur einen Mausklick entfernt. Können wir tatsächlich nicht mehr warten?

Es ist mit Sicherheit anders als vor 50 Jahren. Die Gesellschaft ist schnelllebiger. Gerade zur Weihnachtszeit spielt auch eine Rolle, dass alles kommerzialisiert ist. Verändert hat es sich auch durch die interaktiven Medien. Die führen dazu, dass man weniger in die Notlage kommt, echt warten zu müssen. In der Schlange kann man am Handy Nachrichten schreiben oder spielen. Außerdem werden in diesen Online-Spielen Frustrationstoleranz und Belohnungsaufschub nicht mehr eingeübt.

Sozialpädagogin Sophia Zehelein
Sozialpädagogin Sophia Zehelein | Bild: psychologische Beratungsstelle

Das klingt jetzt so, als könne man Warten üben.

Ja, Warten kann man lernen. Das hat zum Beispiel das Marshmallow-Experiment von Walter Mischel gezeigt. Da wurden Vorschulkinder untersucht: Wie lange sind sie in der Lage, ihre Bedürfnisse aufzuschieben – einen Marshmallow zu essen –, um auf eine größere Belohnung zu warten? 30 Prozent konnten warten, 30 Prozent haben den Marshmallow sofort gegessen. Spannend finde ich vor allem die Strategien, die die Kinder entwickeln: Es gibt also Strategien, um das Warten erträglich zu machen.

Was sind das für Strategien, um das Warten erträglicher zu machen?

In dem Experiment haben die Kinder sich vorgestellt, der Marshmallow ist aus Watte. Sie haben absichtlich weggeguckt oder gesungen. Also ganz aktiv überlegt, wie sie sich ablenken. Die Impulskontrolle entwickelt sich im Laufe des Lebens immer weiter. Bei Kindern ist das Gehirn noch nicht so ausgereift. Kinder müssen erst lernen, wie man mit Frustration und negativen Gefühlen umgeht, wie sie ihre Bedürfnisse aufschieben.

Das Klischee stimmt also: Kinder können schlechter warten?

Ja. Säuglinge können nicht warten, denn Warten ist das Erleben von Zeit. Die Zeitwahrnehmung entwickelt sich aber erst ab dem dritten Lebensjahr differenzierter. Auch die Selbstkontrolle entwickeln Kinder erst nach und nach.

Wie bringen Eltern einem Kind also bei, dass es am Tisch mit dem Essen warten soll, bis alle da sind?

Ganz wichtig für Eltern ist, das Alter der Kinder zu berücksichtigen. Man kann von einem Zweijährigen nicht erwarten, dass er drei Stunden am Esstisch sitzt und das Raclette anguckt. Und: Das Kind unterstützen. Die Kinder kommen in die Trotzphase und explodieren bei gewissen Verboten, wenn der Fernseher ausgemacht wird oder so. Da ist es wichtig, Kinder in ihrem Frustrationserleben zu begleiten. Das heißt auch, dass die Eltern die Gefühle benennen. Schön ist auch immer zu loben, wenn die Kinder so agieren, wie man sich das vorgestellt hat.

Bei Kindern scheint Warten eher positiv besetzt zu sein – als erwartungsvolle Vorfreude auf Weihnachten. Bei Erwachsenen hingegen hat Warten eher mit Ungeduld und Unproduktivität zu tun. Wie erklären Sie sich das?

Diese Sache mit der Unproduktivität ist in unserer heutigen Gesellschaft einfach so. Zeit ist Geld. Ich habe aber den Eindruck, es kommen auch immer mehr Strömungen der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Sich zurückbesinnen auf das Sein. Und das bedeutet eben auch mal: Warten. Dass nicht jede freie Minute produktiv sein muss.

Wir haben eben über Strategien der Ablenkung gesprochen. Welche Strategien gibt es, Wartezeit positiv zu sehen?

Das hängt mit einer bewussten Entscheidung zusammen. Wenn ich im Stress bin und eigentlich schon längst bei der Arbeit sein müsste, und dann sucht die Frau vor mir an der Kasse noch alle Kupfermünzen zusammen, ist diese Zeit natürlich schwer auszuhalten. Aber man kann die Entscheidung treffen, damit achtsam und bewusst umzugehen und die Zeit für sich zu nutzen. Da gibt es Atemübungen oder Gedankenübungen – sich an einen Ort denken, der einem Kraft gibt –, die helfen können. Die muss man sich natürlich aneignen.

Inwiefern unterscheiden sich Warten auf etwas Positives, wie die Geburt eines Kindes, und Warten auf etwas Negatives?

Das macht einen riesengroßen Unterschied. Positives Warten ist Vorfreude, vielleicht auch Anspannung, aber mit dem Wissen: Es kommt etwas Gutes. Negatives Warten geht mit ganz anderen Gefühlen einher: Angst, Unsicherheit, Kontrollverlust. Was im Moment bei Corona eine ganz große Rolle spielt: Warten unter Unsicherheit. Wenn man den Corona-Test gemacht hat, wartet man vier, fünf Tage auf das Ergebnis. In der Zeit weiß man nicht: Darf man das Haus verlassen? Eigentlich nicht. Ist man erkrankt? Wie geht man mit der Familie um? Das löst Stress aus. Das sehen wir auch in der Beratungsstelle, viel mehr als im Frühjahr.

Hat Warten also auch eine gesellschaftliche Komponente?

Ja. Der Gedanke daran, dass es besser wird, ist das, was einen aufrechterhält. Das hat vielleicht auch den ersten Lockdown vereinfacht: Man hatte ein klares Ziel und dachte, es wird besser – und dann wurde es im Sommer ja auch besser. Der Winter bringt sehr viel Frust und Unsicherheit. Dieses Warten ohne klares Ende ist auf jeden Fall frustrierender.

Und eine letzte Frage. Worauf warten Sie gerade?

Ich freue mich sehr auf die Weihnachtszeit und die Ferien. Mit einem Kind in der Schule und einem im Kindergarten ist es coronabedingt momentan nicht ganz leicht. Und ich freue mich dann auch auf den Frühling.