1907 schlossen Degussa und Henkel den ersten Liefervertrag über Natriumperborat ab. Das Produkt diente Henkel zur Produktion des neuen Waschpulvers Persil. In Rheinfelden war die erste und einzige Wasserstoffperoxid-Fertigungsanlage. Wasserstoffperoxid ist ein Bleichmittel und ist bis heute ein unverzichtbarer Bestandteil für das Bleichen in der Textilindustrie und zur Aufbereitung von Altpapier. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg spielte sich hier folgende Geschichte ab.

Erna Brombach, Jahrgang 1930, verbrachte ihre Kindheit in Nollingen. Kurz nach Kriegsende waren harte Zeiten. Der Vater war 1945 gestorben und Erna Brombach musste das Geld für sich verdienen und ihre Mutter unterstützen. An eine Ausbildung war nicht zu denken. Sie ging nach Bad Säckingen auf das Arbeitsamt, um eine Arbeitserlaubnis für die Schweiz zu erhalten. Das wurde nicht genehmigt. Stattdessen wurde die 15-Jährige ins Rheinfelder Degussa Werk geschickt und musste als junges Mädchen die Wasserstoff-Peroxid-Anlage für die Russen demontieren. Sie gehörte zu denen, die in der Potsdamer Konferenz vom Sommer 1945 der Sowjetunion als Kompensation für Kriegsschäden zugesprochen wurde.

Das könnte Sie auch interessieren

Das Mädchen erhielt einen Anzug aus einer Art Filz, die gegen die Säure schützen sollte, aber nicht gegen die grimmige Kälte, und musste in einem zugigen fensterlosen Raum unter russischer Bewachung arbeiten. Bis heute hat sie nicht vergessen, wie sie damals gefroren hat. Sie musste Platinstreifen verpacken, die hauchdünn waren und aussahen wie Papier; sie stammten aus der Elektrolyse der Wasserstoffperoxid-Anlage (Wasserstoffperoxid ist eine Flüssigkeit zwischen Wasserstoff und Sauerstoff und wurde damals in einem elektrochemischen Prozess hergestellt).

Das könnte Sie auch interessieren

Das Mädchen musste jeden Tag von Nollingen zu Fuß ins Werk laufen. Eine richtige Straße gab es nicht. Wer zu spät kam, dem wurde eine Stunde vom Lohn abgezogen. Der Stundenlohn betrug 28 Pfennig und die Arbeitszeit war von Montag bis Freitag je acht Stunden. In der Kantine gab es gegen Bezahlung ein Mittagessen.

Das könnte Sie auch interessieren

In der Degussa war Erna Brombach bis 1947 beschäftigt. Danach ging sie mit Freundinnen, die auch bei Degussa arbeiteten in die Schweiz. Dort lag der Stundenlohn bei 1, 35 Franken. Die französische Besatzungsmacht, die ihre Truppen versorgen musste, entzog ihr das hartverdiente Geld und tauschte es in die unbeliebte Reichsmark. Vom ersten Ersparten kaufte sie sich ein paar feste Schuhe und ein Fahrrad. Damit konnte sie bis 1960 ins Liestal radeln, um in einer Spinnerei zu arbeiten. Auf einem Nollinger Musikfest lernte sie ihren späteren Mann kennen. Nach der Heirat 1953 übernahmen sie das elterliche Bauernhaus mit Landwirtschaft, das sie 1968 zum „Rüttestübli“ umbauten und sich eine Existenz aufbauten. Die Gaststätte entwickelte sich zu einem beliebten Treffpunkt. Auch der Motorradclub und die Moschtbire Clique fanden dort ein Zuhause.

Das könnte Sie auch interessieren

Erna Brombach schwärmt von vielen schönen Erinnerungen und der guten Zeit. 1961 wurde ein Sohn geboren, der das spätere Gasthaus „Kupferdächli“ baute und dieses bis 2010 führte. Unvergesslich sind die alljährlichen Einladungen und liebevoll gestalteten Weihnachtsessen für das St. Josefshaus Herten. Auch mit 90 Jahren fehlt ihr der Gasthaustrubel, so engagiert sie sich regelmäßig in Seniorenheimen und umsorgt die Bewohner zur Weihnachtszeit mit selbst gemachten Plätzchen. Von den damaligen Mädchen sind zwei weitere noch am Leben. Sie treffen sich seit 73 Jahren in Rheinfelden und hoffen, dass das Jubiläumsessen dieses Jahr wieder möglich sein wird.