Die Corona-Regeln machen auch einem wichtigen Treffpunkt für ältere Menschen und sozial Benachteiligte in Rheinfelden den Garaus: Zum ersten Mal in zwölf Jahren wird die Vesperkirche der evangelischen Kirchengemeinde nicht stattfinden – zumindest nicht in gewohnter Form. Alternativ lädt Pfarrer Joachim Kruse zunächst an drei Terminen im Advent zu Andachten in das Gotteshaus ein, bei denen es für die Besucher auch eine Gabentüte zum Mitnehmen geben wird.

„Wir haben nach langem Überlegen nun doch noch ein Format gefunden, das etwas ermöglicht“, sagt Pfarrer Joachim Kruse. Die Alternative zum gemeinsamen Mittagessen im Seniorentreff Gambrinus nennt sich „Vesperkirche anders“. Das trifft es gut. Denn das Miteinander am Mittagstisch fällt zwar aus. Was hingegen bleibt, ist ein Anlass zum Hingehen. Besonders für ältere Menschen und sozial Benachteiligte, die im Gambrinus zwischen dem Ersten Advent und Aschermittwoch einmal wöchentlich ein warmes Essen zum fairen Preis erhielten, ist dies ein schwacher Trost. Denn auch, wenn die Zusammenkunft bestehen bleibt, wird das neue Format doch ein Gemeinschaftserlebnis auf Distanz bleiben müssen.

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Das Corona-Schutzkonzept, das die Kirchengemeinde für die Andachten einhalten muss, ist das gleiche, das auch für den Gottesdienst gilt: In der Kirche gilt Maskenpflicht, die Abstandsregeln müssen eingehalten werden, jeder muss sich am Eingang registrieren und gesungen wird auch nicht. Deshalb soll es wenigstens ein musikalisches Rahmenprogramm geben und eine Ansprache des Pfarrers, der Impulse geben will, die Mut machen.

Die Teilnehmer

Joachim Kruse spricht von „geistlichen Gaben“. Diese finden sich auch in der Tüte, die am Ende der Andacht an die Besucher ausgegeben wird. Darin enthalten sind unter anderem adventliche Bastelarbeiten und ein Kalender. „Sozusagen eine Vesperkirche to go“, fasst der Pfarrer zusammen. Selbst wenn es gelungen wäre, das gemeinsame Essen allen Auflagen zum Trotz auf die Beine zu stellen: So groß wie einst wäre der Teilnehmerkreis wohl kaum geworden. Viele Besucher zählen zur Risikogruppe und bleiben von sich aus auf Distanz. „Ich erlebe das auch in anderen Bereichen, die älteren Menschen ziehen sich in dieser Zeit zurück“, berichtet Kruse. Im Durchschnitt kamen in den vergangenen zwölf Jahren zwischen 50 und 60 Besucher zu den jeweils zwölf Terminen der Vesperkirche. Unter ihnen Menschen mit schmaler Rente, Menschen in emotionalen Notlagen, Menschen, die sich einsam fühlen und es auch sind. 15 bis 20 Gäste hatten einen Besucherschein für den Tafelladen. Die Vesperkirche funktioniert nach dem Solidaritätsprinzip: Die, die mehr haben, geben mehr.

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So wird es möglich, dass diejenigen, die es sich nicht leisten können, das Angebot für einen Euro beziehen. „Wir merken zusehends, was Corona im Sozialen mit uns macht“, resümiert Pfarrer Joachim Kruse nachdenklich. Familien mit Kindern seien im Stress, die Mittelalten sorgten sich um ihren Lebensplan, die Älteren zögen sich weiter zurück. „Die Situation ist sicher für die, die ohnehin nicht so sehr im gesellschaftlichen Leben eingebunden sind, noch eine Spur krasser“, beobachtet Pfarrer Joachim Kruse.

Eine Herausforderung

Auch er empfindet die Zeit, in der normales Gemeindeleben kaum mehr stattfinden kann, als Herausforderung. Es sei schon anstrengend, immer neue kreative Formate zu finden, und das alles auf Distanz. „Es ist ganz klar, wir brauchen einander. Ein Lächeln, jemandem in die Augen schauen zu können, das ist zur Zeit wichtiger denn je“, sagt der Pfarrer. Es zeige sich, dass es eben nicht nur wichtig ist, gesund zu sein, sondern auch getrost. Geplant hat Pfarrer Joachim Kruse erst einmal nur bis Weihnachten. Es könne sich schließlich auch wieder alles ändern.

Die Termine

Fest vorgesehen sind drei Termine für die Vesperkirche im Advent. Am 3., 10. und 17. Dezember öffnet die Christuskirche ihre Türen jeweils um 15 Uhr zur Andacht. „Gabentüten gibt es, so lange es welche hat“, sagt Kruse. Bei großem Zulauf müsse man eben nochmals einige neu bestücken. Auch die Weihnachtsfeier für die, die nicht wissen, wohin, wird ausgesetzt, bedauert Kruse. Es sei zwar nur ein kleiner Kreis gewesen, der sich an Heiligabend im „Café 4 You“ traf. „Für diese Menschen aber war es bedeutsam“, sagt er.