Als Gründungsdatum ihres Unternehmens gilt das Jahr 1927, als Großvater Karl Hirtle seinen Meisterbrief erwarb. Es folgte dessen Sohn Erwin, bis Peter Hirtle die Werkstatt für Buchbinderei und das Rahmenatelier in Karsau am 1. Januar 1992 übernahm. Ob einer seiner beiden Söhne eines Tages in die Fußstapfen des Vaters treten wird, ist ungewiss. „Interesse zeigen sie nicht“, sagt Hirtle. „Vielleicht ändert sich das ja noch.“

Kleine Aufträge möglich

Allen Unkenrufen zum Trotz hat die digitale Transformation dem seit Jahrhunderten als Leitmedium fungierenden Buch noch nicht den Garaus gemacht. Für das Handwerk der Buchbinderei ergeben sich sogar neue Chancen. Durch den Digitaldruck würden Auflagen in geringerer Höhe möglich und rentabel, erklärt der Chef. So könne sein Betrieb Aufträge zum Binden von Diplom- und Doktorarbeiten oder Bücherkleinserien bis zu einer Auflage von 300 Stück annehmen. Weitere Angebote sind Bindungen von Archivmaterialien, Dokumenten und Zeitschriftenbeständen. Einen nicht geringen Anteil machen Produkte wie Stehordner, Ablageordner, Schuber oder Mappen aus. Durch Letzteres ist der Name des Karsauer Betriebs sogar im politischem Berlin ein Begriff.

Auftrag aus Berlin

Bei ihrer Vereidigung im Jahr 2018 durch Bundespräsident Frank Walter Steinmeier erhielten die Minister blaue Dokumentenmappen mit Bundesadler ausgehändigt. Wie kommt ein Produkt aus der Buchbinderei Hirtle im südbadischen Karsau nach Berlin? Für den Auftrag des Bundespräsidialamts hat Hirtle eine einfache Erklärung: „Weil wir die Besten sind.“ Er lacht. Ein wenig habe der Zufall eine Rolle gespielt, räumt er ein. Über einen im Archiv des Auswärtigen Amts beschäftigen Buchbinderkollegen habe er einen Auftrag erhalten. Steinmeier sei dann vom Außenminister zum Bundespräsidenten aufgestiegen, „und wir sind dann einfach mit aufgestiegen“, so Hirtle.

Das Rahmenatelier

Das andere wichtige Standbein des Betriebes ist das Rahmenatelier. Die Verbindung von Bilderrahmen zur Buchbinderei erschließt sich nicht sogleich. Hirtle klärt auf: „Wir leben vom Kleben“, laute das gemeinsame Motto des Bindens und Rahmens. Einen selbstständigen Beruf des Bildereinrahmers habe es nie gegeben. Diese Tätigkeit führten oft Buchbinder aus. Der Grund: Materialien wie Papier, Karton, Leder, Leinen, Pergament und Klebstoffe fänden in beiden Handwerken Verwendung. Weil ähnliche Fertigungstechniken erforderlich seien, kämen oft die gleichen Maschinen zum Einsatz.

Die Kundenwünsche

Kinderzeichnungen, preiswerte Poster, wertvolle Lithografien, teure Gemälde oder Gegenstände wie Kinderschuhe oder goldene Armbanduhren: „Gerahmt wird alles, entscheidend ist der Wunsch des Kunden“, sagt Hirtle. Die Preise reichen von 100 bis 4000 Euro. Viele in der Region tätige Künstler brächten ihre Werke zum Einrahmen. So wird Hirtle auch Zeuge von künstlerischen Moden. Waren es in den 90er Jahren vorwiegend Aquarellbilder, die ihm anvertraut wurden, handelt es sich bei den meisten Gemälden, die ihm in diesen Tagen in die Werkstatt gebracht würden, um Acrylmalereien.

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Hirtle schätzt die Vielseitigkeit seines Berufs. „Mindestens einmal in der Woche arbeite ich an etwas, mit dem ich so noch nie zu tun hatte.“ Grund seien oft spezielle Wünsche des Kunden etwa nach einem bestimmten Material. Die Verwendung von Materialien könne andere Verarbeitungstechniken erforderlich machen, sodass immer wieder neue Herausforderungen entstünden, erklärt Hirtle.

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Manchmal komme es sogar vor, dass der Meister selbst Lehrgeld zahlt: Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein gab einst bei Hirtle einen Bildband in Auftrag, in dem die Ausstellungsstücke in Originalgröße abgebildet sein mussten. Der Bildband wurde zu einer in handwerklicher Hinsicht tadellosen Arbeit. Das ungewohnte Format erforderte jedoch unvorhergesehene Arbeitsschritte, die in der Kalkulation nicht berücksichtigt worden waren. „Das hat sich nicht gerechnet“, erinnert sich Hirtle. Den vermeintlichen finanziellen Misserfolg sieht er aber sportlich. Er begreife das als eine Weiterbildung, um „beim nächsten Mal den Preis besser zu kalkulieren“.

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Auf Traditionen und ein familiäres Miteinander wird im Betrieb von Peter Hirtle großen Wert gelegt. Entsprechend langfristig gestalten sich die Arbeitsverhältnisse, die in diesem Jahr einen Grund zum Feiern bieten. Denn Cornelia Siebold und Monika Fischer wurden für ihre 25- sowie 20-jährige Betriebszugehörigkeit geehrt.

Auswirkungen auf den Betrieb hatte die Corona-Pandemie. Weggebrochen seien Aufträge, die mit Veranstaltungen und Messen zusammenhängen, erklärt Hirtle. Deutlich zu spüren gewesen sei die Schließung der Grenze. 50 Prozent der Kunden, die sich Bilder rahmen lassen, stammen aus der Schweiz. Gerne habe er die Kurzarbeiterregelung in Anspruch genommen. Existenzbedrohend sei es nicht geworden. „Hätte aber alles noch länger gedauert, hätte ich reagieren müssen“, so Hirtle. Um die Zukunft ist ihm nicht bange. Mit dem Sachverstand seiner Schwiegertochter Daniela Hirtle-Anna will er sich „etwas moderner“ aufstellen. Dazu gehört eine größere Präsenz in den sozialen Netzwerken, wo eine jüngere Kundschaft auf den Betrieb aufmerksam werden soll.