Am 24. November 1970 gründete sich eine der erfolgreichsten Fußballmannschaften der Region: Die VfR-Frauen sollten bis ins neue Jahrtausend zahlreiche Siege erringen, bis sie mangels Spielerinnen vom Spielbetrieb abgemeldet wurden. Für diese Tageszeitung erinnern sich Regina Scholz und Brigitte Waßmer an sportliche Höhen und Tiefen, lustige Abende im „Romulus“ und Reporter, die mehr an den Beinen der Frauen als am Spiel interessiert waren.

Regina Scholz
Regina Scholz | Bild: Verena Pichler

„Du hast ja wirklich alles aufgehoben“, sagt Brigitte Waßmer und guckt in einen dicken Aktenordner, den Regina Scholz zum Gespräch mitgebracht hat. Fein säuberlich sind Presseberichte, Plakate und Bilder abgeheftet, in einer Klarsichthülle steckt die Spielberechtigung von Scholz, ausgestellt am 26. März 1971. Scholz war damals 14 Jahre alt und kickte seit einem halben Jahr beim VfR – sie war Gründungsmitglied. „Ich hatte einfach Spaß am Fußball“, erinnert sie sich. Den teilte sie mit ein paar Klassenkameradinnen aus der Realschule und so folgte die Anfrage an den Vorstand des VfR, ob man nicht eine Damenmannschaft gründen könne. Beim Ehemann von Brigitte Waßmer, Bruno, stießen Scholz und ihre Kolleginnen auf offene Ohren. „Der gesamte Verein war dem eigentlich offen gegenüber“, erinnert sich Waßmer, die erst 1975, mit 25 Jahren, zur Mannschaft stieß, diese aber von Beginn an mit Interesse aus der Ferne „beäugte“.

Brigitte Waßmer
Brigitte Waßmer | Bild: Verena Pichler

Da hatten die VfR-Frauen ihren ersten Coup schon hinter sich: 1973 spielten sie um die Deutsche Meisterschaft. „Nach gerade mal drei Jahren ist das schon enorm“, so Waßmer. Und das, obwohl es in den ersten Jahren gar keine Liga gab, die jungen Frauen und Mädchen mussten sich in Freundschaftsspielen messen, etwa gegen Oberalpfen oder Stetten. Sieben von acht solcher Spiele gewannen die Frauen mit einem „beachtlichen Torverhältnis von 35:13“, wie es in einer Chronik der ersten Saison heißt. Die verschweigt auch nicht die ersten Niederlagen. So kassierten die VfR-Frauen 1971 beim Spiel gegen den FC Aarau 13 Tore. Doch solche Erfahrungen blieben die Ausnahme, die VfR-Frauen erarbeiteten sich innerhalb kurzer Zeit einen beachtlichen Ruf.

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Waßmer muss es wissen und kann es einschätzen: Noch bis vor einem Vierteljahr trainierte sie die zweite Mannschaft des FC Hauingen. Fußball, ein Leben lang – als Trainerin, Spielerin, Zuschauerin, als Fan. „Aber nicht von einer bestimmten Mannschaft“, sagt Waßmer. „Ich schau einfach gerne guten Fußball.“ Und das am liebsten alleine vorm heimischen Fernseher. „Ich brauch‘ da meine Ruhe“, sagt die 70-Jährige lachend. Public Viewing ist erkennbar nicht ihr Ding. In der Öffentlichkeit aber stand die Mannschaft und ihre Trainerin, manchmal in ungeahnten Ausmaßen. „Bis zu 750 Zuschauer an der Richterwiese“, erinnert sich Waßmer an Spiele in der Oberliga.

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Regina Scholz – übrigens Gladbach-Fan seit „120 Jahren“ – gehörte der Mannschaft aktiv bis Mitte der 70er Jahre an, dann wurden erstmal andere Dinge wichtiger. Verbunden blieb sie den Rothosen aber stets. „Das ist ja heute auch noch so“, schaltet sich Waßmer ein. Wenn die Mädchen in die Pubertät kämen, wechselten die Interessen. „Nur die richtig Guten bleiben bei der Stange.“ Scholz muss lachen und Waßmer beeilt sich zu sagen: „Doch, die Rexi war gut.“ Linksaußen hat sie gespielt, schnell war sie. Und energisch, wie die Bilder bezeugen: Auf einigen hat sie die immer gleiche Haltung, Hände in die Hüften gestemmt.

Die Spielerkarte von Regina Scholz, genannt Rexi, von 1971.
Die Spielerkarte von Regina Scholz, genannt Rexi, von 1971. | Bild: Verena Pichler

Energisch und wenig zimperlich mussten die Pionierinnen wohl sein. Die ersten Spiele bestritten sie in Männer-Trikots, umgezogen wurde sich in Nebenzimmern von Vereinsgaststätten und die hiesige Presse verschonte sie anfangs nicht mit – heute unvorstellbaren – sexistischen Überschriften: „Hübsche Beine in der Halle“ lautete eine Schlagzeile über eine Ankündigung eines Hallenturniers und Scholz ist die Formulierung „heiße Höschen“ noch gut in Erinnerung. Wenigstens eines blieb den Frauen erspart: Für Siege gab‘s keine Porzellangeschirr – wie etwa die Frauen-Nationalmannschaft 1989 vom DFB – , sondern echte Pokale. „Davon hätte ich auch ein paar mitbringen können“, frotzelt Waßmer.

Die Kneipe der Fußballerinnen

Es gäbe über diese ersten Jahre noch viel zu erzählen. Etwa vom Werbe-Spiel gegen den TuS Lörrach-Stetten in Konstanz im Mai ‚71, bei dem je eine Spielerin mit einem Hubschrauber ins Bodensee-Stadion geflogen wurden. Oder vom 25-jährigen Jubiläum der Mannschaft, als die Gründungsriege gegen die aktuellen Spielerinnen antraten und „so richtig auf die Schnitte bekommen hat“, wie Waßmer sagt. Und vom „Romulus“ in Degerfelden, der Kneipe, in der die Frauen Siege und Niederlagen gerne mit Bier begossen.

Aufstieg in die Oberliga

Doch – den Höhepunkt erlebte Waßmer als Trainerin im Jahr 2000, als ihre Mannschaft in die Oberliga aufstieg. Zwei Jahre konnten sich die Rheinfelderinnen in der Klasse halten; Jahre, die für Waßmer extrem fordernd waren – und für den Hauptverein fast den Bankrott bedeutet hätte. Denn zu den Auswärtsspielen ging‘s mit dem Bus. „Ich hab‘ gesagt, ich steig nur auf, wenn wir nicht selbst fahren müssen“, sagt Waßmer. Jede Fahrt hätte zwischen 500 und 1000 Euro gekostet. 2002 stiegen die Frauen wieder ab und nur ein Jahr später mussten sie schon darum bangen, genügend Spielerinnen für die anstehende Verbandsligasaison zu finden. Waßmer verabschiedete sich aus der ersten Reihe und übernahm die Mädchenmannschaft.

Ära geht zu Ende

Die Wende kam 2005, als der VfR und der SV Nollingen eine Frauen-Spielgemeinschaft bildeten. 24 Spielerinnen standen zur Auswahl und dabei längst nicht nur aus Rheinfelden. Sechs Jahre hielt die Schicksalsgemeinschaft, bis es zum unschönen und öffentlich ausgetragenen Zerwürfnis zwischen dem Trainer und Teilen der Mannschaft kam. 2013, zwei Jahre nach der Trennung vom SV Nollingen, endete die Ära der VfR-Frauen endgültig, der Verein meldete die Mannschaft vom Spielbetrieb ab. „Vom Aus habe ich in Hauingen auf dem Fußballplatz erfahren. Das hat schon weh getan“, sagt Waßmer.

Und wo steht der Frauen-Fußball heute?

„Die großen Clubs haben jetzt alle ihre Frauenmannschaften, früher hatten das eben nur die kleinen“, sagt Waßmer. Was die Wertschätzung und Beachtung angehe, gebe es aber immer noch sehr viel Luft nach oben. „Wenn einer meint, Frauen- und Männerfußball vergleichen zu müssen, weiß ich gleich, dass der keine Ahnung hat.“

Regina Scholz hat die Liebe zum Sport in der Familie weitergetragen. Die Tochter hat gekickt, der Sohn ebenfalls und manchmal spielt Scholz heute noch mit ihrer Enkelin. Waßmer hat sich in diesem Jahr komplett zurückgezogen. Sie genießt die neu gewonnene Freiheit, denn über Jahrzehnte ging nichts über Fußball. „Wenn Training war, war Training.“ Da fehlte sie eben auch an Geburtstagsfeiern. „Entweder man macht es ganz oder gar nicht“, sagt Waßmer resolut. Und fügt nach einigem Nachdenken hinzu: „Wäre ich noch aktiv, hätten wir uns jetzt auch nicht unterhalten können. Denn heute wäre Trainingstag.“ Dann lacht sie und Scholz fällt ein.