Herr Amrein, was gab den Anstoß zu diesem Live-Stream?

Der Anstoß ist natürlich die Krise an sich, der andere Anstoß ist, dass man gar nichts anderes machen kann als Live-Streaming. Man möchte als Künstler ja auch wahrgenommen werden, und das fehlt in solchen schwierigen Zeiten. Also gebe ich dieses Konzert ohne Publikum, das im Internet live gestreamt wird.

Möchten Sie als Musiker damit ein Zeichen setzen in der Corona-Zeit?

Ja, denn man wird Musiker, um aufzutreten. Natürlich kann man auch für sich selbst üben, aber schöner ist es, etwas rüberzubringen und Resonanz zurückzubekommen. Künstler haben eine hohe soziale Verantwortung, sich einzubringen in dieser Corona-Zeit und den Menschen so weit wie möglich mit Kultur weiterzuhelfen, damit diese aus dem schwierigen Corona-Alltag kommen.

Sie haben den Karfreitag gewählt, weil es auch ein Gedenken sein soll an die Menschen, die an Corona gestorben sind.

Ja, das ist ein wichtiger Gedanke. Wir haben den Zeitpunkt am Karfreitag um 15 Uhr bewusst gewählt, weil es die Todesstunde Jesu ist. Dass so viele Menschen in dieser Pandemie einsam sterben müssen, ohne begleitet werden zu können, macht mich sehr betroffen. Ich denke, dass sich die Gesellschaft Gedanken machen muss, was in den letzten 20, 30 Jahren geschehen ist in Bezug auf Globalisierung, Wirtschaftskrieg, globale Erwärmung, Geldgier. Man müsste die Krise als Zeichen nehmen, über diese Problematik nachzudenken.

Ort des Livestreams von Dirk Amrein ist die Einsegnungshalle im Bestattungshaus Frank in Rheinfelden.
Ort des Livestreams von Dirk Amrein ist die Einsegnungshalle im Bestattungshaus Frank in Rheinfelden. | Bild: Roswitha Frey

Was für Werke haben Sie ausgewählt?

Die Stücke sind ganz unterschiedlich und haben auch nicht alle mit dem Passionsgedanken zu tun. Es ist auch ein Jazzstück von Albert Mangelsdorff dabei, der für mich ein Held ist seit meiner Jugend, bei dem ich einen Meisterkurs besucht und den ich in unzähligen Konzerten erlebt habe. Dann führe ich ein Stück von Thomas Lauck aus Lörrach auf, der seit vielen, vielen Jahren fast exklusiv für mich Werke schreibt. Das ist eine enge Symbiose. Der Interpret braucht jemanden, der die Noten schreibt, und der Komponist braucht jemanden, der seine Ideen umsetzt. Außerdem gibt es Uraufführungen eines Stücks, das Chong Kee Yong aus Malaysia für mich komponiert hat, sowie einer Komposition des Brasilianers Antonio Celso Ribeiro. Am Schluss spiele ich „Fragile“ von Sting. Ich spiele viel zeitgenössische Musik, die mir am Herzen liegt, weil es Musik der Gegenwart ist.

Wie gestalten Sie das Programm?

Es wird einen Wechsel zwischen Posaunenstücken und Lesung geben. Der Glaskünstler Wolfgang Fröse aus Görwihl, der die großen Glasfenster, das Kreuz und den Lesepult in der Einsegnungshalle im Bestattungshaus Frank gestaltet hat, wird zwischen den Stücken Gedichte rezitieren. Wolfgang Fröse und ich haben damals diese Kapelle eingeweiht. Seither haben wir schon viele Projekte und Improvisationen zusammen gemacht.

Der Raum ist fürs Projekt wichtig?

Ja, wir wollen die besondere sakrale Atmosphäre und das Licht in dieser Kapelle einfangen. Das trägt viel zur Wirkung der Musik bei. Durch das Tageslicht am frühen Nachmittag wirken die vier großen Glasfenster ganz anders. In der Mitte steht das aus Glas geschaffene Kreuz, vor dem ich die Posaunen-Soli spielen werde.

Wie läuft das Live-Streaming ab?

Für die Aufnahmen habe ich Arno Dietsche, einen bekannten Künstler aus Grenzach-Wyhlen, gewinnen können. Ich wollte jemanden, der die Stimmung im Raum filmisch einfangen kann. Neben dem Live-Stream wird separat ein Video zum Thema „Metamorphose“ gefilmt. Darin geht es symbolisch um den Übergang vom Leben zum Tod, versinnbildlicht durch ein Blumenbukett als Symbol für das blühende Leben und Sarg und Urne als Symbol für die Vergänglichkeit. Dazu spiele ich die Sarabande aus der zweiten Cellosuite von Johann Sebastian Bach, die extrem dicht und intensiv ist. Das verbindende Element ist die Musik, die im Leben genauso wichtig ist wie im Tod. Musik ist allgegenwärtig. Fast alle Stücke spiele ich auf der Posaune. Für Bachs Sarabande werde ich eventuell meine kostbare Hundertwasser-Posaune mitbringen. Einzig das Stück „Kurzbiografie“ von Thomas Lauck ist für Kornett und Triangel geschrieben.

Haben Sie bei Familie Mattes vom Bestattungshaus Frank gleich offene Ohren gefunden für Ihr Projekt?

Ja, die Familie Mattes ist da sehr offen und interessiert und macht schon seit längerem Konzerte, Lesungen und Vorträge. Unsere Verbindung rührt daher, dass ihr Sohn Benedict Mattes einige Zeit lang bei mir Posaunenunterricht hatte.

Wie erleben Sie das Corona-Jahr?

Mein letztes Live-Konzert liegt schon länger zurück, das war 2019. Umso bedeutsamer ist für mich, dass nach so langer Zeit wieder ein Auftritt möglich ist. Das ist für mich wie eine Wiedergeburt. In meinen Kanal auf Youtube habe ich 135 Videos gestellt, in aller Regel Uraufführungen, alles Mitschnitte von Live-Konzerten aus den letzten 15 Jahren. Aber ein Live-Streaming-Konzert mache ich zum ersten Mal. Es bietet die Chance, dass Zuhörer das international online verfolgen können.