2022 jährt sich die Stadterhebung von Rheinfelden zum hundertsten Mal. Aber am heutigen Donnerstag, 1. April, liegt ein weiteres, bedeutsames Datum schon 120 Jahre zurück: „Badisch-Rheinfelden“ trat damals hochoffiziell in einem administrativen Akt auf die Bühne. Zu diesem Anlass laden die Rheinfelder Stadtführerinnen zu einem Rundgang durch die Geschichte und die Stadt ein.

Nach dem Erlass des Großherzoglichen Ministeriums des Innern vom 4. Februar 1901 wurde zum 1. April 1901 aus der Dorfgemeinde Nollingen eine zusammengesetzte Doppel-Gemeinde mit dem Namen „Nollingen-Badisch-Rheinfelden“. Wie kam es dazu?

Auf vormals freiem Feld entwickelte sich seit 1894/95 am badischen Ufer gegenüber der Kurstadt Rheinfelden/Schweiz im rasanten Tempo eine neue, industriegeprägte Siedlung. Impulsgeber waren der Bau der Kraftübertragungswerke Rheinfelden (KWR), des ersten großen Laufwasserkraftwerks in Europa. Der Oberwasserkanal und das Maschinenhaus lagen damals bekanntlich auf der badischer Seite. Platz war genug vorhanden und die Verkehrsanbindung gut.

Die KWR-Gründer organisierten auch gleichzeitig die Ansiedlung neuartiger elektrotechnischer Betriebe. Das Badische Großherzogtum war gegenüber der modernen Industrieentwicklung sehr aufgeschlossen und förderte diese Vorhaben am Hochrhein. Am Standort Rheinfelden nahm 1898 die erste Aluminiumhütte auf deutschem Boden ihren Betrieb auf, ebenso die von Walther Rathenau gegründeten Elektrochemischen Werke, einer der Pionierbetriebe auf dem Gebiet der neuen großtechnischen Elektrolyse-Verfahren.

Zahlreiche Menschen zogen aus nah und fern in die neue Industrie-Siedlung am Hochrhein und fanden Arbeit als angelernte Arbeiter, Werkmeister oder Ingenieure sowie als Baumeister, Handwerker, Kaufleute oder sonstige Gewerbetreibende. Das neu besiedelte Terrain gehörte zu zwei verschiedenen badischen Dorfgemeinden, Karsau im Osten, das sogenannte Kanalgebiet um das Wasserkraftwerk und den neuen Industriebezirk und Nollingen im Westen um den Bahnhof und die 1894 errichtete Filiale einer Schweizer Seidenweberei. Mannigfaltige Probleme mit der verwaltungsmäßigen Zuständigkeit lagen somit in der Natur der Sache.

Auch auf dringende Bitten der KWR AG nahm sich das badische Innenministerium der Sache an und führte diverse Verhandlungen für eine sinnvolle Lösung. Im Dezember 1900 stimmten die Bürgerausschüsse von Karsau und Nollingen jeweils zu, dass Karsau das damalige 96 Hektar große Industriegebiet für 200.000 Mark zu festgesetzten Zinsen und jährlichen Tilgungsraten an Nollingen verkaufte. Zum 1. April 1901 wurde damit das gesamte damalige neue Siedlungsgebiet an Nollingen angeschlossen und die Zuständigkeit vereinfacht.

Der damals rührige Nollinger Bürgermeister Adolf Senger begann rasch mit dringenden Investitionen, wie dem Bau der Rheinfelden-Schule. Die Bevölkerung der jungen Tochter-Siedlung am Rhein war seit 1895 innerhalb von nur fünf Jahren von knapp 300 auf etwa 1500 Menschen angewachsen. Sie besaß eine solche eigenständige Dynamik, dass sie als eigenständiger Teilort mit einem eigenem Namen neben der bäuerlichen Muttergemeinde in Erscheinung trat.

Die neuorganisierte Gesamtgemeinde führte daher nun offiziell den Doppelnamen „Nollingen-Badisch-Rheinfelden“. Nach weiteren zwei Jahrzehnten wurde die Doppelgemeinde im Jahr 1922 zur Stadt erhoben, jetzt als „Rheinfelden (Baden)“, mit den Stadtteilen Nollingen und Warmbach. Warmbach hatte sich vor genau 100 Jahren, am 1.April.1921, auf eigenen Wunsch dem eigenständigen Stadtteil Badisch-Rheinfelden angeschlossen. Die erste administrative Anerkennung der heutigen Kernstadt war 1926 Anlass für eine Feier zum 25-jährigen Bestehen, die die damals jüngste badische Gemeinde „mit Stolz“ ausrichtete. Dabei knüpfte sie an die Ereignisse von 1901 an, die als „Taufurkunde von Rheinfelden“ angesehen wurden.

Das Datum des 1. April 1901 ist auch für uns heute Grund zum Innehalten und Staunen über die innovative Kraft vor über 120 Jahren und die vielfältigen Entwicklungen in vergangenen zwölf Jahrzehnten.