Frau Firsching, sonntagmorgens in den Gottesdienst zu gehen, ist für viele Christen nicht mehr selbstverständlich. Wie bekommen Sie ihre Mitglieder wieder regelmäßig in die Kirche?

Ich kann verstehen, wenn die Leute nicht am Sonntagmorgen in den Gottesdienst kommen. Für viele, gerade Jugendliche und junge Familien, ist das nicht die Zeit, vor allem nicht in einer Ausflugsregion wie hier. Deshalb findet der Krabbelgottesdienst für Kinder, auch ganz junge, bereits samstags um 11 Uhr statt, zur Marktzeit, wenn die Menschen sowieso in der Stadt sind. Kürzlich hatten wir erstmals drei Taufen in diesem Gottesdienst; da waren über hundert Menschen in der Kirche. Auch für Erwachsene planen wir andere Tages- und Uhrzeiten: Im Oktober, November und Januar wird es zunächst drei Abendgottesdienste freitags um 19 Uhr im Paulussaal geben, die wir der dunklen Jahreszeit entsprechend mit Kerzen und meditativer Musik gestalten werden. Etwas ähnliches gibt es bereits in Karsau in der Johannesgemeinde mit dem „Feier-Abend“.

Und welche Konzepte gibt es für die Sonntagsgottesdienste?

Wir werden sie für verschiedene Zielgruppen attraktiver machen. So werden fünf Gottesdienste im Jahr von den Konfirmanden gestaltet werden – so eigenverantwortlich wie möglich. Bereits etabliert haben sich die Kindergartenauftritte an Palmsonntag, Erntedank und am Ersten Advent. Am 22. September feiern Pfarrer Joachim Kruse und ich gemeinsam mit der Kantorei einen Gottesdienst für Zugezogene. Am innovativsten ist aber die Gottesdienstform „Denk mit, sing mit!“, die wir im Mai zu ersten Mal feierten. Ihr werden zwei weitere am 30. Juni und 28. Juli folgen. Dabei geht es einerseits darum, dass wir die Predigt gemeinsam erarbeiten, andererseits, dass wir mit Kantor Rainer Marbach zusammen zwei, drei Lieder intensiv einüben. Außerdem gibt es am Ende jeweils eine Überraschung.

Das spricht die Menschen an?

Ich will die Gottesdienste nicht künstlich aufbauschen, etwa mit Powerpoint-Präsentationen und Mittagessen. Ich bin der Meinung, es geht auch unaufgeregt; und Umfragen zeigen, dass die Gemeindemitglieder gerne am Gottesdienst beteiligt werden. Das tun wir, indem wir uns jeweils am Freitag vor diesen Gottesdiensten im Paulussaal treffen und gemeinsam über den Predigttext sprechen. In anderen Gemeinden gibt es so etwas als Bibelwerkstatt oder -kreis. Willkommen ist jeder unabhängig von der Konfession; beim ersten Mal waren wir bereits zu fünft. Jeder soll seine Gedanken über den Text frei äußern und hoffentlich auch kritisch betrachten. Fragen, ob Motivation und Handlung in den Texten aus heutiger Sicht nicht unlogisch oder zu fromm sind, sind durchaus erwünscht. Das Besondere an den „Denk mit, sing mit!“-Gottesdiensten ist, dass wir mit unseren Fragen und Argumenten die Predigt gemeinsam gestalten, die ich dann am Sonntag halte. Das gemeinsame Singen soll auch Besucher animieren, die sich sonst nicht trauen mitzusingen. Die „Denk mit, sing mit!“-Gottesdienste werden auch 2020 wieder stattfinden.

Bisher hieß der besondere Gottesdienst „Punkt 11“? Was passiert mit diesem Konzept?

Diese Gottesdienstform, bei der wir uns monatlich um 11 Uhr in lockerer Atmosphäre im Paulussaal trafen, wird so nicht mehr stattfinden. Der Paulussaal bietet sich an, weil die Christuskirche mit ihren fixierten Holzbänken nicht ideal für alternative Gottesdienstformen ist; sie ist außerdem wenig familien- und rollatorenfreundlich. Die Teilnehmerzahlen und Rückmeldungen im vergangenen Jahr haben unsere Erwartungen an den „Punkt 11“-Gottesdienst aber nicht erfüllt. Außerdem standen jedes Mal Menschen um 10 Uhr vor der verschlossenen Christuskirche. Deshalb wollen wir die besonderen Gottesdienste nun zurück in die Kirche holen: „Sonntags, 10 Uhr, Christuskirche“. So muss niemand mehr in den Terminkalender schauen.

Fragen: Boris Burkhardt