Frau Zell, warum „Wachet und betet“?

Jesus richtet in der Bibel sehr selten eine konkrete Bitte an seine Jünger und uns Christen. Eine dieser wenigen Bitten äußert er im Garten Gethsemane, wo er versucht, sich im Gebet mit Gott auf sein Schicksal der Kreuzigung vorzubereiten. Laut der Bibel waren bei ihm seine Jünger Petrus, Jakobus und Johannes. Er bat sie drei Mal, mit ihm zu wachen und zu beten; aber sie schliefen jedes Mal wieder ein. Heute am Gründonnerstag wollen wir symbolisch Jesu Bedürfnis wahrnehmen und solidarisch mit ihm sein.

Wie läuft die Veranstaltung ab?

Der Paulussaal ist heute von 19.30 Uhr bis Mitternacht geöffnet. Der Raum ist mit mehreren Stationen bestückt, an denen sich die Besucher meditativ beschäftigen können: Sie können leise Musik hören, Bilder betrachten, singen, in der Bibel lesen, basteln, malen, oder einfach nur still werden und beten. Jedes Jahr stellen wir die Andacht unter ein anderes Thema; dieses Jahr geht es um Verabschiedung, zum einen um Jesu Abschied von seinen Jüngern und uns Menschen und unsere Verabschiedungen im Alltag von Menschen, auch ums Loslassen von Materiellem.

Wie kamen Sie auf diese Gebetsstunde?

Es gibt in Rheinfelden von der evangelischen Kirche viele Angebote zur Kar- und Osterzeit, vor meiner Ankunft 2012 aber keines für eine Andacht, für konzentriertes Beten. Das habe ich von meiner früheren Stelle übernommen und 2013 zum ersten Mal durchgeführt. Ehemalige Konfirmanden und die Schülermentoren von Schiller- und Getrud-Luckner-Schule bereiten den Raum vor und sind da. In meiner alten Gemeinde dauerte die Andacht zwölf Stunden von 19 bis 7 Uhr; mit den Rheinfelder Jugendlichen haben wir uns aber auf Mitternacht geeinigt.

Wer ist zur Andacht eingeladen?

Alle, die den Abend in Stille verbringen möchten. Jeder kann vorbeischauen und bleiben, so lange er will. Ursprünglich waren tatsächlich Jugendliche die Zielgruppe; aber über die Jahre kommen Menschen jeden Alters, etwa 30 bis 40, über den Abend verteilt. Ich bin auch als Seelsorgerin vor Ort und werde die Besucher zum Abschluss segnen.

In anderen Gemeinden gibt es ähnliche Andachten, aber meist am Karfreitag und in Kirchengebäuden. Warum in Rheinfelden nicht in der Christuskirche?

Ich finde die Räumlichkeiten der Christuskirche dafür nicht geeignet. Im Paulussaal kann man sich besser austauschen und im Kreis gegenüber sitzen, statt frontal auf den Kirchenbänken. Die Andacht hat sich hier im Paulussaal etabliert.

Was bedeutet der Gründonnerstag für Sie persönlich?

Die Passionszeit ist eine Möglichkeit für Christen, etwas gemeinsam zu tun. Oft geht Jesus Christus in der Fastenzeit etwas unter. Der Gründonnerstag ist für mich der „Turning-Point“, an dem wir Abschied nehmen können von Jesu als Mensch.

Fragen: Boris Burkhardt