Frau Rutner, wieso ist dieser Verein heute nicht mehr lebensfähig?

Es kommen mehrere Ursachen zusammen. Der Verein ist überaltert, das Durchschnittsalter liegt bei 70 Jahren. Uns fehlen junge Menschen, die zur Mitarbeit bereit sind. Dazu wird man heute geradezu überschüttet mit Informationen, jeder hat mittlerweile die Antworten in der Hosentasche, in der das Handy liegt. Man braucht keine Bibliothek mehr, um sich Wissen anzueignen. Leser haben auch genug Geld, um sich ein Buch zu kaufen, das war bis vor wenigen Jahrzehnten nicht so.

Ist die Auflösung des Lesevereins schmerzlich für Sie?

Jein. Seit der Generalversammlung im April 2017, als sich niemand bereit erklärte, in die Vorstandschaft zu treten, habe ich mich damit auseinandergesetzt. Ich finde mich mit Dingen ab, die nicht zu ändern sind. Es tut mir leid, aber die Zeit hat den Verein überholt. Das Angebot an Büchern und Informationen ist heute so groß, so schnell und vielfältig, das können wir im Verein niemals bieten. Ich habe immer wieder jüngere Menschen gefragt, ob sie im Leseverein Aufgaben übernehmen. Doch die Altersgruppe, die etwas auf die Beine stellen kann, die 30 bis 50-Jährigen, fehlt vollkommen. Keiner ist bereit zur Mitarbeit, keiner will Verantwortung übernehmen. Für die Vorstandschaft gibt es keine Chance auf Nachfolger, nur Ablehnung. Kein junger Mensch hat signalisiert, den Leseverein weiter zu tragen.

Welches war die spannendste Zeit im Leseverein Riedmatt und warum?

Für den Leseverein gab es immer gute und schwierige Zeiten. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Karsau einen zweiten Leseverein, der jedoch nicht lange Bestand hatte. Ich habe jüngst die Festrede zur Feier des 75-jährigen Vereinsjubiläum 1940 gelesen, ein spannender und teilweise sehr humoriger Rückblick auf ein lebendiges Vereinsleben mitten in der Gemeinde. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Bücherausgabe durch die Besatzungsmacht verboten. Die Wiedergründungsversammlung fand 1946 statt. Als ich vor 30 Jahren als Erste Vorsitzende den Verein übernommen habe, gab es 110 Mitglieder und viele Aktivitäten wie Buchausleihe, abonnierte Zeitschriften zum Lesen, gemeinsame Ausflüge, ganze Dorffeste, Hocks oder einen Tag der offenen Tür. Die Zusammenarbeit mit den anderen Vereinen im Ort war gut, ich habe viele wunderbare Erinnerungen an schöne Stunden.

Was kommt nun mit der Vereinsauflösung auf Sie zu?

Damit bei der Auflösung des Vereines keine falschen Schritte unternommen werden, hat die Vorstandschaft einen Rechtsanwalt hinzugezogen, der als Liquidator zur Verfügung steht. Wenn am Freitag bei der außerordentlichen Generalversammlung der Beschluss zur Auflösung des Leseverein Riedmatt gefasst wird, nimmt die Vorstandschaft Kontakt mit der Stadt Rheinfelden auf. Denn diese bezahlt immer noch die Miete für den Bibliotheksraum in Riedmatt, der dann aufgehoben werden muss. Laut Satzung geht alles Sach – und Barvermögen des Vereines an die „Stadtgemeinde“ über. Es muss dann mit der Stadt beraten werden, was mit den Büchern geschehen soll. In den Regalen stehen einige alte, für Historiker interessante Werke, die über 100 Jahre alt sind. Aber auch zahlreiche Readers Digest Auswahlbücher und andere Romane, für die sich heute kaum noch jemand interessiert. Es wird wohl noch ein Jahr dauern, bis der Verein aufgelöst ist.

Können die Mitglieder das Vermögen des Vereines nicht einem Verein in Rheinfelden zukommen lassen, in dessen Vereinsziel Bildung steht wie zum Beispiel für Schulgeld von Kinder in Afrika oder so?

Nein, es steht in der Satzung, dass die Stadt alles Geld und Wertgegenstände bekommt, das werden wir dann so auch vollziehen.

Zur Person

Angelika Rutner, 68 Jahre, ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Die langjährige Vereinsvorsitzende lebt seit ihrer Geburt in Karsau und ist mit dem Ort sehr verbunden.