Frau Wehrle, nach Ihren Erfahrungen in der Suchtprävention sind junge Männer mit Migrationshintergrund besonders für Spielsucht anfällig, warum?

Zuletzt zeigte beispielsweise die Befragung durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), welche alle zwei Jahre durchgeführt wird, dass die Hochrisikogruppe hauptsächlich aus jungen Männern besteht, die einen Migrationshintergrund und ein niedriges Bildungsniveau haben. Das sind Standards, die in zahlreichen Studien und Befragungen festgelegt worden sind.

Sie haben Kontakte zur türkisch-islamischen Gemeinde in Rheinfelden geknüpft, um für die Gefahren zu sensibilisieren, die von Spielautomaten ausgehen. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem jüngsten Infoabend gemacht?

Der Kontakt kam durch Bürgermeisterin Stöcker zustande. Sie hat uns an Herrn Saydam vermittelt, den Vorsitzenden der Gemeinde. Mit ihm gab es im Januar ein erstes Treffen, bei welchem der Bedarf abgeklärt wurde und ob Interesse an einem Abend besteht. Es fand dann noch ein zweites Treffen statt, gemeinsam auch mit der Vorsitzenden des Jugendvorstands Zeynep Akin. Mit ihr haben wir uns in der Moschee getroffen, um Details abzustimmen. Beide berichteten, dass die Jugendlichen in der Moschee auch über Glücksspiel berichten, besonders auch über Glückspiel am Automaten. Deshalb verständigten wir uns auf einen gemeinsamen Themenabend. Wir haben uns dabei zum einen damit beschäftigt, das eigene Glückspielverhalten zu reflektieren, zum anderen haben wir aber Grundlagenwissen vermittelt und Mythen aufgedeckt.

Was sind Mythen beim Glücksspiel?

Beispielsweise, dass man je länger man am Automaten spielt, desto höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass dann der Jackpot ausgespielt wird. Außerdem wurde darüber aufgeklärt, dass Glückspiel an Automaten in Imbissbuden nicht schon ab 16 Jahren erlaubt ist. Im Jugendschutzgesetz ist festgelegt, dass Glücksspiele an Automaten erst ab 18 Jahren erlaubt sind.

Haben Sie ihre Zielgruppe erreicht. Wie viele Teilnehmer kamen zu diesem Gespräch?

Am Abend waren es sieben Jugendliche. Sie haben aber sehr aktiv mitgearbeitet und auch berichtet, dass im familiären und Bekanntenkreis das Glücksspiel zu beobachten ist oder sie davon gehört haben. Deshalb war das Interesse sehr groß. Eltern waren nicht dabei. Der Abend war extra nur für Jugendliche gedacht. Wir haben aber für die Eltern etwas eingeplant, einen Elternbrief entwickelt und jede Menge Materialien auf Deutsch und Türkisch dabei gehabt, so dass die Jugendlichen auch die Informationen nach nach Hause nehmen konnten.

Was ist Ihr wichtigstes Argument, um vor der Spielsucht zu warnen oder Jugendliche wieder davon zu befreien?

Uns war ganz wichtig, dass wir die Jugendlichen dafür sensibilisieren, wo sie Hilfe holen können in der Region. Es ist bekannt, dass gerade bei Menschen mit Migrationshintergrund die Hemmung hoch ist, sich an ein Beratungsangebot zu wenden.

Woran erkennen Jugendliche, ob sie spielsüchtig sind, wann wird es gefährlich?

Es gibt Zeichen, die darauf hindeuten. Dazu gehört die Vernachlässigung von Freunden, Familie und Schule. Das nächste Warnzeichen ist ganz klar die Verschuldung. Wenn ich merke, dass ich kein Geld mehr habe und immer wieder Freunde und Bekannte um Geld bitten muss oder Geldquellen suchen muss. Spielsüchtige verstricken sich auch immer wieder in Lügen, halten Termine nicht ein und denken sich Ausreden aus, um länger an den Automaten zu spielen. Sie sagen zum Beispiel sie müssten länger arbeiten und kämen deshalb später nach Hause. All diese Warnzeichen haben wir an diesem Abend mit den Jugendlichen gemeinsam erarbeitet. Wir haben uns anhand eines Fallbeispiels die Phasen der Suchtentstehung herausgearbeitet und Lösungsmöglichkeiten entwickelt.

Die Jugendlichen, die am Informationsabend waren, sollen jetzt als Multiplikatoren in ihrem Umkreis wirken?

Genau so war das Resultat, genauso kam es an. Die Jugendlichen haben gesagt, dass sie das alles so genau nicht gewusst haben und die Informationen haben ihnen gut getan, Sie wollten sie mitnehmen, und auch als Thema in ihren Gruppen ansprechen.

Aufklärung allein löst aber nicht das Problem an sich.

Natürlich nicht, darum geht es auch nicht. Wir wollten die Jugendlichen dazu bringen, dass sie genauer hinschauen und auch wissen wo sie Hilfe erhalten und wie sie handeln können, wenn sie Spielsucht beobachten oder selbst davon betroffen sind.

Heißt das für Sie von der Villa Schöpflin Fortsetzung folgt in anderer Form?

Ganz genau. So haben wir es jetzt auch mit der Vorsitzenden abgesprochen. Nach dem positiven Feedback aus dem Abend werden wir nächstes Jahr weiter mit der Gemeinde arbeiten und noch einen Themenabend veranstalten. Wir nehmen dann auch junge Erwachsene in die Zielgruppe auf.

Rheinfelden ist international. Menschen mit türkischem Wurzeln sind stark vertreten, aber es gibt auch viele Italiener und andere Nationalitäten. Haben Sie für sie auch etwas vorbereitet und wenn ja, in welcher Form?

Im Sozialausschuss, bei dem wir unsere Maßnahmen zuletzt präsentiert haben, kam auch aus der Christusgemeinde eine Anfrage und wir sind nicht abgeneigt, auch mit anderen Gemeinden in Kontakt zu treten, um dort einen Themenabend oder je nach Bedarf Einzelgespräche zu führen oder ein Workshop zu machen. Das muss man mit jeder Gemeinde einzeln besprechen. Das werden wir noch abstimmen.

Bei 190 Glücksspielautomaten in der Stadt werden Sie stets zu tun haben. Sehen Sie das auch so?

Unsere Maßnahmen sind breit gefächert und knüpfen an viele Bereiche an. So waren wir schon im Juni mit unserer Aufklärungskampagne durch die Gastronomiebetriebe unterwegs und waren bei neun Imbissen, die Glücksspielautomaten aufgestellt haben. Wir haben gute Gespräche mit dem Betreibern führen und sie für das Thema sensibilisieren und mit Infomaterial ausstatten können. Wenn man alles zusammenfügt ist, das schon ein großer Schritt, denn wir da machen.

Fragen: Ingrid Böhm-Jacob