Unter dem Motto „Schibi, schibo, wem soll die Schibe go?“ fliegen nach Fasnacht immer wieder die Scheiben. Auch in Adelhausen, wo das Schibeschlage mit einem besonderen Wettkampf verbunden ist: Die Teilnehmer müssen nicht nur weit schießen, sondern auch ein Sprüchlein aufsagen. Die Idee hatte Markus Hohler, der den Brauch von Kindesbeinen an voller Leidenschaft lebt. Kann es einen besseren Lehrer für jemanden gegen, der noch niemals eine Scheibe geschlagen hat? Elena Bischoff hat sich von dem Adelhausener in die Kunst der fliegenden Scheiben einweihen lassen.

Zunächst sieht es so aus, als wäre ich ein Naturtalent. Die erste Scheibe meines Lebens fliegt zwar nicht besonders weit oder hoch, dafür aber gerade und mit einem schönen Drall. Mein Lehrer ist begeistert. Das wird sich noch ändern. Der erste Schuss des Abends soll auch der beste bleiben. Doch zum Glück geht es beim Scheibenschlagen nicht nur um den Wettbewerb. Im Gegenteil: Es zählen der Spaß, die Atmosphäre, das Miteinander, das ganze Drumherum eben.

Kurz nach dem Abschlag sprühen noch die Funken vor dem idyllischen Abendhimmel über dem Fasnachtsfeuerplatz Adelhausen.
Kurz nach dem Abschlag sprühen noch die Funken vor dem idyllischen Abendhimmel über dem Fasnachtsfeuerplatz Adelhausen. | Bild: Simon Borchers

Das stelle ich etwa 20 Minuten zuvor fest, als ich Markus Hohler am Adelhausener „Schiebefüürplatz“ zu meiner privaten Trainingsstunde treffe. Hohler trägt Mütze, warme Arbeitskleidung und gute Schuhe. Das ist auch nötig, denn es ist bitterkalt an diesem Abend. Kurze Zeit später sitzen wir auf einer mit Schafsfellen ausstaffierten Bierbank vor einem prasselnden Lagerfeuer, die Aussicht auf die Felder rund um Adelhausen ist herrlich. Hohler hat Glühwein in einer Thermoskanne, Würstchen und Brot mitgebracht. „Du sollst hier ja nicht nur Scheibenschießen lernen, sondern auch das Feeling drumherum erleben“, sagt der Architekt in seiner sympathischen und offenen Art.

Das ist ihm gelungen. Aber natürlich hat er nicht nur Essen und Trinken dabei, sondern auch alle Utensilien, die man zum Scheibenschlagen braucht: Holzscheiben, Stöcke und den Scheibentisch, ein langes Holzbrett, das mit einem Pflock in der Erde zu einer Art Rampe aufgestellt wird. Dann beginnt Hohler zu erzählen und mir wird schnell eines klar: Scheibenschlagen ist eine Philosophie.

Das Schibeschlage ist eine wahre Kunst: Beim Schlagen kommt es auf die richtige Technik und gutes Material an. Elena Bischoff versucht es gleich einmal, und es klappt schon mal recht gut.<sup></sup>Bilder: Simon Borchers
Das Schibeschlage ist eine wahre Kunst: Beim Schlagen kommt es auf die richtige Technik und gutes Material an. Elena Bischoff versucht es gleich einmal, und es klappt schon mal recht gut.Bilder: Simon Borchers

Es beginnt mit Art und Form der Scheiben. Die kleinen Holzstücke müssen aus dem Längsholz der Buche bestehen, da sie nur so die richtige Festigkeit habe, erklärt Höhler. Er mag die quadratischen am liebsten, da man die Ecken ja für den richtigen Drall brauche. Dass auch sechs- oder achteckige Scheiben gemacht werden, versteht er nicht. „Früher habe ich sie selbst gemacht, aber das ist viel Arbeit und auch gefährlich“, erzählt Hohler. Nun gibt es dafür einen „Dealer“, einen Spezialisten, im Dorf, eingefleischte Scheibenschläger wissen schon, wo sie ihre Schibi herbekommen.

Als nächstes zückt Hohler zwei gerade, rund zwei Meter lange Stöcke. „Ganz frisch“, sagt er grinsend, und das ist auch wichtig. Die Stöcke, auf die die Scheiben mit ihrem Loch in der Mitte aufgespießt werden, müssen elastisch sein. Haselnussholz eignet sich am besten. Da es im Dorf nur zwei oder drei Plätze gebe, an denen man die Stöcke finden kann, muss man sich vor dem Fasnachtsfeuer beeilen, um einen schönen Stock zu bekommen. Aber zu früh darf man eben auch nicht auf die Suche gehen, denn wenn dass Holz zu alt ist, bricht es. Brechen kann der Stab übrigens auch dann, wenn man ihm beim „Anglühen“ der Scheibe aus Versehen mit ins Feuer hebt. „Typischer Anfängerfehler“, sagt Hohler.

Noch kann mir das aber nicht passieren, denn wir fangen mit einem „Trockenschießen“ an, damit ich ein Gefühl für das Ganze bekomme. Hohler macht es vor: Den Stock mit beiden Händen, links oder rechts vom Körper, festhalten, das Ende mit der Scheibe ruht über dem Tisch. Dann holt Hohler mehrfach kraftvoll aus, in dem er mit dem Oberkörper rotiert, haut die Scheibe auf die Rampe und lässt sie fliegen. Nun bin ich an der Reihe und lande, wie bereits erwähnt, einen Traumschuss. „Jaaaaa, super, das war toll“, ruft mein Lehrer voller Enthusiasmus. Ich lasse mich davon anstecken, donnere begeistert die nächste Scheibe auf den Tisch und merke dann, dass es doch nicht so einfach ist.

Achtung. Nur die Scheibe darf ins Feuern, nicht der Stock.
Achtung. Nur die Scheibe darf ins Feuern, nicht der Stock.

Das Holzeck saust in die völlig falsche Richtung und eiert meinem geparkten Auto entgegen. Im Bruchteil von Sekunden frage ich mich, ob meine Versicherung wohl auch für „Scheibenschäden“ aufkommt, als das Holzgeschoss meinen Polo um ein Haar verfehlt. Dennoch entscheide ich, mein Auto in sichere Entfernung umzuparken, Hohler scheint diese Entscheidung gut zu finden. Sein Auto lässt er aber stehen, was ich mutig finde.

Vielleicht liegt es an dieser Schrecksekunde, aber ab dann läuft es irgendwie nicht mehr. Entweder, die Scheibe löst sich gar nicht vom Stock, oder sie trudelt sie in die unmöglichsten Richtungen. „Mehr Kraft, mehr Kraft“, ruft mein Lehrer motivierend. Immerhin gelingen mir noch ein, zwei einigermaßen ansehnliche Schüsse. Das ist aber mehr Glück als Technik. Das sieht auch Hohler so. „Elena, du kannst es einfach nicht“, sagt er irgendwann freundlich und beginnt dann tatsächlich, laut zu überlegen, ob er wohl ein schlechter Lehrer ist. Da das überhaupt nicht der Fall ist, tut er mir fast schon leid und ich strenge mich noch einmal richtig an. Mit meinem letzten Schuss können wir beide leben. Und dann beendet sich das Training von selbst, denn mein Stock bricht durch … ich hatte ihn wohl ins Feuer gehalten. Wir nehmen es mit Humor. Der steht beim Scheibenschlagen schließlich im Vordergrund.