Frau Witt, wiederholt verwirklichen Sie eines ihrer Projekte in Rheinfelden. Was gefällt Ihnen so gut an der Stadt, an der Atmosphäre, dass Sie immer wieder hierher kommen?

Erstens Claudius Beck, mit dem es sich so gut zusammenarbeiten lässt. Und dann der Rhein mit dem klaren Wasser. Meine Vorfahren kommen aus dem Elsass. Diese südliche Landschaft zieht mich an. Dann die mittelalterliche Stadt und die neue Stadt, wo viele Menschen aus anderen Ländern hingezogen sind, die ganze Geschichte, die Rheinfelden hat, der Grenzübergang. Mich fasziniert das alles, ich bin richtig gern da und ich gehe wahnsinnig gerne am Wasser spazieren. Ich finde die Idee, die Claudius Beck mit dem Festival Brückensensationen über Jahre weiterentwickelt hat, sehr gut. Er macht das so liebevoll. Das ist etwas ganz Besonderes, er geht mit den Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten, einfach wunderbar um.

Dieses Mal sind Sie mit einer Schneiderwerkstatt dabei, wie es in der Broschüre heißt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Das ist keine Schneiderwerkstatt, wie es im Programmheft gedruckt ist, sondern eine Schneidewerkstatt. Es wird nichts genäht, sondern nur geschnitten. Ich bringe Seidentücher, Stoffscheren und Schablonen mit. Vor Jahren haben wir im Tutti-Kiesi-Park ein ähnliches Projekt durchgeführt. Damals habe ich die Rheinfelder Besucher gebeten, sich auf die Tücher zu legen. Wir haben den Umriss der Personen gezeichnet, dann haben wir diese Umrisse ausgeschnitten. Die Besucher haben ihre Silhouette, ihren ausgeschnittenen Umriss mitgenommen. Und das Loch im Tuch blieb da. Das ist natürlich ein bisschen hintergründig.

An dieses Projekt knüpfen Sie mit der neuen Aktion bei den Brückensensationen an?

Ja, in meinen Tuchprojekten geht es darum, die Oberfläche der Erde als eine fragile Haut zu betrachten und die Oberfläche des Menschen als ein Synonym zu sehen und diese beiden Dinge in Bezug miteinander zu setzen. Es geht um den Menschen, der auf der Erde liegt und in der Luft schwebt. Diese Sicht von oben auf die Erde, auf die Menschen ist mir wichtig.

Wie wird sich das im Salmeggpark gestalten?

Ich reise schon am Freitagmorgen aus Hamburg an, zusammen mit zwei Helferinnen, die mir assistieren. Wir bringen 700 bis 800 Tücher mit, die sind jeweils 1,50 Meter lang, das sind also etwa 1000 Meter handgefärbte Seide. Ein Riesenbündel, ziemlich schwer. Im Salmeggpark liegen die roten zusammengeknoteten Tücher auf der grünen Wiese. Dort werden wir das Silhouettenschneiden wieder aufgreifen, unter Mitwirkung von Besuchern, die vorbeikommen und sich integrieren können. Wir werden die Silhouetten aber nicht ganz ausschneiden, sondern lassen die Füße dran. Die Besucher können also dieses Mal ihre Silhouetten nicht mitnehmen.

Was fasziniert Sie am Arbeiten mit Stoffen?

Eigentlich bin ich Malerin, ich habe Kunst studiert. Es geht mir in den Tuchprojekten um Farbdifferenzierung, um die Vielfältigkeit der Farbe. Ich habe 15 Jahre lang als Kunsterzieherin gearbeitet und bin es dadurch gewohnt, mit Gruppen Ideen zu entwickeln. Dass ich das nun auf so ein Fest, so ein Straßentheaterfestival übertragen kann, beglückt mich sehr. Die gesamte Arbeit ist sechs Meter hoch und 60 Meter lang. Es soll ein ästhetischer Genuss sein. Für mich ist das ganz toll, dieses Thema der figurativen Silhouetten weiterzuentwickeln. Es gibt ein dickes Skizzenbuch zu diesem Thema.

Die fertige Installation wird aber erst nächstes Jahr im Rahmen der Brückensensationen zu sehen sein?

Ja, man muss ein ganzes Jahr warten, um das Ergebnis zu sehen. Wo dann die Tuchinstallation aufgehängt wird, steht noch nicht fest. Claudius Beck will meinen Vorschlag aufgreifen und überlegen, ob es machbar ist, die Tücher vielleicht an einem alten Baukran anzubringen. Das ganze Objekt ist hochfragil. Wenn es stürmisch ist, dann reißt es, wenn es regnet, dann geht es kaputt. Das ist typisch für meine Arbeit: die Fragilität.

Fragen: Roswitha Frey