2015 ist Monika Ulrich aus dem Frankfurter Raum nach Rheinfelden gezogen. Ihr Sohn hat ihr eine Wohnung im Rheingarten gekauft, damit die heute 69-Jährige näher bei ihm und seiner Familie sein kann. Für den Rheingarten entschieden hat er sich, weil die Immobilienvermarktung mit pflegerischen Leistungen geworben hatte, die Ulrich dazu buchen könne. Doch das, so Ulrich, hat nie funktioniert. Mittlerweile bereut sie den Schritt, denn der Ärzte- und Fachkräftemangel macht ihr das Leben schwer.

Seit 25 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen

„Kommen Sie rein“, sagt Monika Ulrich und rollt durch einen breiten Flur in ein helles, großes Esszimmer. Die Wohnung liegt im Parterre und die 69-Jährige hat sie sich so eingerichtet, dass sie alles gut erreicht. Seit 25 Jahren ist Ulrich auf einen Rollstuhl angewiesen, fünf Bandscheibenvorfälle liegen hinter ihr. Zudem muss sie regelmäßig zur Dialyse.

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Sie ist auf Hilfe dringend angewiesen

„Ich komme noch relativ gut alleine klar“, sagt die Seniorin mit Pflegegrad III. Auf Hilfe ist sie dennoch angewiesen. „Ich brauche jemanden, der mir morgens und abends hilft, beim Waschen und Anziehen.“ Auch im Haushalt braucht Ulrich Hilfe. Wie lange es bei dieser relativen Selbstständigkeit bleibt, ist nicht abzusehen.

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Ulrichs Sohn sieht darin die beste Lösung

Deshalb hat Ulrichs Sohn, der in der Schweiz arbeitet und lebt, seine Mutter vor vier Jahren überredet, in seine Nähe zu ziehen und nach einer passenden Wohnung gesucht. Fündig wurde er im Rheingarten. „Die Wohnung wurde so beworben, dass man pflegerische Leistungen, Haushaltshilfen oder Essen über Senterra dazu buchen kann“, beschreibt Ulrich. Das erschien ihrem Sohn die beste Lösung.

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Funktioniert hat es bisher aber nie

Doch funktioniert hat das laut Ulrich nie. „Ich konnte über Senterra gar nichts buchen.“ Wie ihr sei es noch einigen Bewohnern gegangen. Vor zwei Jahren wurde Senterra von Alloheim übernommen. Auf Nachfrage erläuterte ein Sprecher, dass das Senterra-Pflegezentrum „Rheingarten“ ausschließlich stationäre Pflege anbiete, kein betreutes Wohnen. „In dem Kontext möchten wir darauf hinweisen, dass zwischen der Wohnanlage und der stationären Pflegeeinrichtung von Alloheim keine Verbindung besteht, auch nicht bestand.“

Kein betreutes Wohnen, kein ambulanter Dienst

Als Alloheim die Senterra-Gruppe übernommen habe, seien „schon im Zuge der seinerzeitigen Verhandlungen“ weder ein betreutes Wohnen noch ein ambulanter Dienst in Rheinfelden Thema und somit auch nicht Teil der Übernahme gewesen. „Unserem Kenntnisstand nach gab es zur Übernahme auch keinen ambulanten Dienst von Senterra in Rheinfelden“, so der Sprecher weiter. Dies bestätigt Peter Schwander, Bereichsleiter der Caritas-Sozialstationen Hochrhein. „Es ist Senterra nie gelungen, einen ambulanten Dienst in Rheinfelden aufzubauen.“ Von Beginn an seien Caritas, aber auch andere private Pflegedienste, im Rheingarten tätig gewesen. Denn die Mitarbeiter der stationären Pflege dürfen diese Dienstleistung nicht anbieten.

Mitarbeiter dürfen diese Aufgaben nicht übernehmen

Hintergrund ist, dass die Zahl der Mitarbeiter einer jeden stationären Pflegeeinrichtung behördlich genau festgelegt ist und sich immer exakt an der Zahl der Bewohner und deren individuellen Pflegegraden ausrichtet – somit also genau den Anforderungen der Bewohner einer stationären Pflegeeinrichtung entspricht. Darüber hinaus gehende Aufgaben können und dürfen von den Mitarbeitern nicht übernommen werden.

Bei Privatdienstleistern auf der Warteliste

Ulrich hat versucht, sich anderweitig Hilfe zu organisieren. Bei mehreren privaten Pflegedienstleistern habe sie angefragt, wurde dort auf eine Warteliste gesetzt. Sie hat es mit einer osteuropäischen Pflegekraft versucht, die bei ihr in der Wohnung ein Zimmer bewohnen konnte. „Nach 14 Tagen war das Experiment beendet“, sagt Ulrich. Sie habe Anzeigen geschaltet, gemeldet hat sich niemand.

Angebot der Caritas ist nicht passend

Einzig die Caritas habe ihr ein Angebot gemacht. „Aber die können mich erst um die Mittagszeit dran nehmen.“ Das sei zu spät, da sie schon frühmorgens zur Dialyse müsse. Zudem sei es nicht schön, den ganzen Vormittag ungewaschen oder im Schlafanzug zu verbringen. Schwander bestätigt diesen Sachverhalt. „Unsere Auftragslage ist sehr hoch.“ Er erklärt, dass sich die Besuchszeiten nach medizinischen Erfordernissen richten. „Jemand, der zum Beispiel eine Insulininjektion benötigt, muss frühmorgens drankommen.“ Er verstehe gut, dass es ein schwerer Einschnitt sein könne, den Morgen so verbringen zu müssen.

„Dennoch versuchen wir, jedem Kunden ein Angebot zu machen.“ Seiner Einschätzung nach würden mittlerweile bis zu 60 Prozent der privaten Dienste nur noch auf Wartelisten verweisen. „Wir wollen da einen anderen Weg gehen.“

Sie bekommt Hilfe von der Nachbarin

Im Moment bekommt Ulrich Hilfe von ihrer Nachbarin. Ihr Sohn erledigt für sie alle zwei Wochen den Großeinkauf und kümmert sich, soweit Job und Familie es zulassen. Heute bereut Ulrich, in den Süden gezogen zu sein. „Dass der Ärztemangel hier so groß ist, konnte ich mir nicht vorstellen.“

Ärztemangel erschwert das Leben zusätzlich

Elf Hausarztpraxen habe sie kontaktiert, bis sie einen gefunden habe, der noch Hausbesuche mache. Bei der Suche nach Fachärzten sei es noch schlimmer. „Natürlich bin ich froh, dass ich in der Nähe meiner Familie lebe“, sagt die zweifache Großmutter. Wütend macht sie die Situation dennoch. „Ich kämpfe ja nicht nur für mich, sondern für viele andere, die in der gleichen Situation sind wie ich.“

Neulich waren die Enkel wieder einmal zu Besuch. Auf einen Spielplatz in der Anlage kann Ulrich mit ihnen nicht gehen. „Der wurde uns damals ebenso versprochen, wie ein gemeinsamer Grillplatz.“ Gebaut wurden sie nie.

Kontakt: monika50@bluewin.de