Die Kluft zwischen Theorie und Praxis ist in vielen Ausbildungsberufen groß. Wenn dann noch mit Menschen gearbeitet wird, steigt die Angst der Berufsanfänger, schwerwiegende Fehler zu machen. Diese Angst will der Caritasverband Hochrhein seinen Azubis in der ambulanten Pflege nehmen. Möglich machen soll das der sogenannte dritte Lernort. Dieses zusätzliche Lernangebot zu Berufsschule und Ausbildungsstätte ist laut Geschäftsführer Rolf Steinegger einzigartig im gesamten Land.

Worum geht es? Mit dem dritten Lernort soll die Ausbildung im Caritasverband Hochrhein quantitativ wie qualitativ verbessert werden, schildert Ausbildungskoordinatorin Elena Gamp beim Pressegespräch am Donnerstag. „Aktuell haben wir in unseren fünf Sozialstationen 19 Azubis, unser Ziel sind 30“, so Gamp. Damit will die Caritas dem Mangel an Pflegefachpersonal begegnen – vorzugsweise in den eigenen Einrichtungen. Durch die qualitative Verbesserung sollen die Azubis dem Verband erhalten bleiben und nicht abwandern.

Was wird gemacht? „Im dritten Lernort sollen die Auszubildenden ohne Angst vor Fehlern ihr theoretisches Wissen in die Praxis umsetzen“, sagt Steinegger. An einem Klienten kann man nicht zehn Mal Blutdruck messen, bis es klappt. In einem geschützten Raum an einer Lernpuppe schon. Dieser Raum befindet sich in Waldshut. Seit Januar kommen die Azubis – getrennt nach erstem sowie zweitem und drittem Lehrjahr – einmal im Monat für acht Stunden zusammen, und üben an unterschiedlichen Fallbeispielen – so lange, bis es klappt. „Das vermittelt Sicherheit in einem Beruf, der in den vergangenen Jahren immer komplexer geworden ist“, sagt Steinegger, und einer, der es wissen muss, nickt. Der 27-jährige Locian Maracic ist im dritten Lehrjahr und findet das neue Konzept gut. Diese Erfahrung würden auch seine anderen Azubi-Kollegen machen, sagt Maracic, der den praktischen Teil seiner Ausbildung in Bad Säckingen absolviert. Ein weiteres Ziel des neuen Konzepts ist, jedem Azubi einen persönlichen Mentor zur Seite zu stellen.

Sind Fans des dritten Lernorts: Mathea Schneider, Locian Maracic, Anton Frank, Elena Gamp und Rolf Steinegger (von links).
Sind Fans des dritten Lernorts: Mathea Schneider, Locian Maracic, Anton Frank, Elena Gamp und Rolf Steinegger (von links). | Bild: Verena Pichler

Wer finanziert das? Der dritte Lernort und auch die Mentorenausbildung werden nicht aus öffentlicher Hand gefördert, sondern aus Kirchensteuermitteln bezahlt. Auch die Stelle von Gamp wird so finanziert. Um den dritten Lernort mit Unterrichtsmaterialien, wie der teuren Lernpuppe, auszustatten, hat der Caritasverband der Erzdiözese 10 000 Euro aus seinem Anteil der Caritas-Sammlungen bereitgestellt. Einmal im Jahr rufen die katholischen Kirchen ihre Mitglieder auf, dafür zu spenden. „Im aktuellen Pfarrbrief weisen wir wieder darauf hin“, so Pfarrer Anton Frank von der Seelsorgeeinheit Rheinfelden.

„Im vergangenen Jahr haben Bürger aus dem Bereich der Erzdiözese 1,2 Millionen Euro gespendet“, sagt Direktorin Mathea Schneider. Diese Summe wird gedrittelt und fließt in die Pfarreien, die Ortsverbände und den Caritasverband der Erzdiözese. Damit werden zum einen Menschen direkt unterstützt oder Projekte wie der dritte Lernort mitfinanziert, die dem normalen Etat nicht zu stemmen wären.

Wie sind die Perspektiven? Steinegger ist überzeugt, dass das Konzept aufgeht und auch, dass der Verband genügend geeignete Bewerber findet, um die angepeilten 30 Ausbildungsstellen zu besetzen. Ihn ärgert, dass Pflegeberufe in der Öffentlichkeit immer als schlecht bezahlt wahrgenommen würden. „Für den Caritas-Tarif gilt das nicht.“ Ein Azubi im ersten Lehrjahr bekommt rund 1000 Euro brutto, ein Berufseinsteiger rund 2600 Euro. „Das ist nicht schlechter als etwa bei Evonik.“ Auch die Weiterbildungs-und Übernahmechancen seien gut. Maracic jedenfalls will bei der Caritas bleiben.