Das ganze Jahr über warten in einem fast 100 Jahre alten Schrank hoch oben in der Sakristei der katholischen St. Josefskirche 60 Marionetten darauf, dass sie fürs Krippenspiel am Heiligen Abend zum Leben erweckt werden. Auch für die 81-jährige Marieluise Schmidt ist dies ein spannender Moment, denn sie hat vor mehr 40 Jahren damit begonnen, die filigranen, bis zu 30 Zentimeter großen Gliederpuppen aus Pappmaché selber zu formen: Junge und alte „Menschen“, Esel, Schafe, Kamele, Pferde.

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Jeweils zehn Figuren kommen bei einer Aufführung zum Einsatz, eine bestimmte Rolle hat keine, da kann schon mal aus einem König ein Bettler werden. Gespielt von engagierten Gemeindemitgliedern sollen sie vor allem den Kindern die Weihnachtsbotschaft auf ganz besondere Weise näher bringen, wobei Maria und Josef meistens nicht die Hauptfiguren sind.

Probleme mit Puppen lösen

Vielmehr geht es um Arme und Reiche, Geben und Nehmen, Liebe, Loslassen und Heimat finden, sagt der Sohn Diakon Michael Schmidt. „Loslassen befreit“ ist auch das Thema der aktuellen Geschichte. Es war 1975, als seine Mutter, als Leiterin einer katholischen Mädchengruppe von ihnen wissen wollte, wie sie ihre Probleme lösen, wenn es Streit mit den Geschwistern gibt. Ein Mädchen habe beim nächsten Treffen eine professionelle Marionette mitgebracht und erklärt, dass sie dann die Puppe nimmt und diese dann mit der Schwester „spricht“.

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So „fließen alle Gefühle in die Puppe“, weiß Marieluise Schmidt. Das inspirierte die schon immer kreative Frau, aus Pappmaché selbst eine Marionette zu formen, mit der die Kinder Geschichten nachspielen und gleichzeitig lernen können, dass man auch mit einfachen Mitteln etwas machen kann, zumal es nichts kosten sollte. In den Kriegsjahren hätte sie diese Erfahrung oft selber machen müssen, „aber meine Fantasie konnte mir der Krieg nicht nehmen“.

Kasperle übernimmt wichtige Rolle

So entstand als erstes ein etwa zwölf Zentimeter großer Kasperle, der fortan eine wichtige Rolle bei den Gruppenstunden spielte. Im Laufe der Zeit sind immer mehr Marionetten dazu gekommen. Überall habe sie Anleitungen gesucht oder sich bei professionellen Puppen manches abgeschaut und ausprobiert. Jedes Detail habe sie in mühevoller zeitaufwendiger Arbeit selber gemacht bis zu den Gesichtern und Kleidern.

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Leute, die davon wussten, schenkten ihr Stoffe, Lederreste oder Lammfell, welches heute hauptsächlich die Hirten wärmt. Für den Pappmaché-Körper hätte sich die Tageszeitung am besten geeignet, erzählt Marieluise Schmidt. Sie investierte über lange Jahre viel Geduld und Zeit in ihr ungewöhnliches Hobby und sie sei jedes Mal „ganz ergriffen“ gewesen, wenn eine Puppe fertig war. Manchmal, so erinnert sich ihr Sohn, sei die Fensterbank in der Küche voll gewesen von Köpfen, Händen und Füßen, die dort zum Trocknen ausgelegt waren.

Starke Charaktere beherrschen das Marionettenspiel.
Starke Charaktere beherrschen das Marionettenspiel. | Bild: Claudia Gempp

Anfangs wurden nur Geschichten, meist aus dem Alten Testament nachgespielt. 1980 dann die erste Aufführung im Bürgerheim mit einem begeisterten Publikum, weitere folgten bei Altennachmittagen oder ähnlichen Anlässen und sogar Kindergärten haben sich die beweglichen Figuren ausgeliehen. Herkömmliche Marionetten, so erklärt die Expertin, werden mit maximal zehn Fäden, die an einem Spielkreuz enden, geführt, doch das hätte sich als sehr kompliziert erwiesen.

Nur Hände und Füße bewegen sich

Kurzerhand entwickelte sie eine vereinfachte Technik: Nur noch Hände und Füße sollten beweglich sein, so dass auch jedes Kind die Puppen problemlos führen konnte. Trotz allem „habe ich schon noch nebenbei jeden Tag gekocht“, verrät Marieluise Schmidt lachend. Warum hat es ihr so viel Spaß gemacht? Auf die Frage antwortet der Sohn: „Es hat etwas mit Therapie zu tun, man kann dem, was uns bewegt Form geben“- die Mutter nickt zustimmend. Seit zehn Jahren werden ihre Marionetten nur noch bei den Krippenspielen eingesetzt und jedes Mal übernimmt auch sie eine Rolle. „Früher war ich immer die Hexe, mittlerweile bin ich Oma Schulte und das passt“, schließlich ist sie selbst schon fünffache Urgroßmutter und die ebenso kreative Enkelin Carolin unterstützt sie gerne bei ihrem Tun.

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Marieluise Schmidt freut sich immer aufs Neue über den tiefen Eindruck, den die Aufführungen mit ihren Marionetten hinterlassen. Sie führt dies auf das spielfreudige Ensemble zurück und nicht zuletzt sei es die einfühlsame Weise, wie Sprecherin Gerlinde Schonhardt das Publikum mit in die Geschichten nimmt. Geschrieben werden diese übrigens von Diakon Schmidt, der das ganze Jahr über nach Themen Ausschau hält. Er kümmert sich außerdem um das Bühnenbild und bastelt aus Recyclingmaterial die Requisiten, andere Helfer unterstützen ihn. Die Atmosphäre beim Spielen sei wie im richtigen Theater: Viel Hektik, Lampenfieber, Spannung, aber all das „gibt uns ein Gefühl von Gemeinschaft und wenn wir uns nach einer gelungen Aufführung umarmen, weil wir die Herzen der Besucher erreicht haben, dann ist Weihnachten“, sagt Schmidt.