Herr Leipert, Herr Reiske, nach der Lese im Herbst waren Sie zuversichtlich, dass der Hertener Steinacker des Jahrgangs 2018 ein hervorragender Wein werden würde. Wie hat er sich entwickelt?

Reiske: Unser Optimismus ist voll bestätigt worden. Die Mengenreduzierung hat sich ausgezahlt, wir hatten nur gesundes Lesegut. Zum Teil haben wir Trauben hängen lassen, das haben zwar manche unserer Mitglieder nur zähneknirschend mitgemacht, aber es ist der Schlüssel für eine ausgezeichnete Qualität.

Trotz Reduzierung haben Sie aber erhebliche Mengen in die Fässer gebracht.

Leipert: Das kann man wohl sagen. Über 20 000 Liter, so viel hatten wir noch nie. Wir haben schnell gemerkt, dass unsere Kapazitäten im Keller nicht ausreichen würden. Wir haben dann vier neue Fässer besorgt, was auf die Schnelle nicht einfach war, denn viele Winzer waren in einer ähnlichen Situation.

Zurück zur Qualität: Was hat der 2018er zu bieten?

Leipert: Wir haben einen außergewöhnlichen Weißwein, eine Weißburgunder Auslese mit 110 Grad Oechsle, die voll durchgegoren ist und einen Alkoholgehalt von 14,8 Prozent aufweist. Auch der Spätburgunder fällt mit 14 Prozent sehr kräftig aus.

Nun sagt der Alkoholgehalt allein ja noch nichts über die Qualität aus.

Leipert: Das stimmt, aber auch die Extraktwerte, also Farb- und Gerbstoffe, Glycerin und Säuren sind sehr hoch, was für eine ausgezeichnete Qualität spricht. Gerade bei den Säurewerten war die Entwicklung ideal.

Das klingt ja fast so, als hätten Sie im Keller kaum etwas zu tun gehabt.

Leipert: Das kann man so nicht sagen. Vielleicht haben Sie schon einmal von UTA gehört. Das ist die „Untypische Alterungsnote“, die dazu führt, dass schon bei Jungweinen die Frische und die feinfruchtigen Aromen verloren gehen. Sie tritt in sehr trockenen und sonnenreichen Jahren auf, wie es 2018 der Fall war. Da muss man im Keller gegenwirken. Dasselbe gilt für die Gerbstoffe, die bei Weißweinen zu einem bitteren Beigeschmack führen können.

Der Spätburgunder mit 14 Prozent ist für hiesige Verhältnisse sehr gehaltvoll.

Leipert: Ja, das war auch gar nicht so einfach. Der wurde im Schnitt mit 100 bis 110, teilweise bis zu 120 Grad Oechsle angeliefert. Durch die offene Maischegärung haben wir erreicht, dass der Alkoholgehalt sich doch etwas verringert hat. Jetzt haben wir 6500 Liter in Spätlesequalität und können wieder einen Spätburgunder mit einem eigenen Stil anbieten.

Wodurch zeichnet sich dieser Stil aus?

Leipert: Den prägen wir durch verschiedene Faktoren: Traubenreduktion in den Reben, gesundes Lesegut, die genannte offene Maischegärung ohne Erhitzung, ein sehr langes Feinhefelager, das auch die Farbe stabilisiert, eine sehr späte Schwefelung und natürlich durch den Muschelkalkboden. Der Spätburgunder ist schwierig, er verzeiht keine Fehler.

Wie viele Weine werden Sie bei der Jungweinprobe vorstellen?

Reiske: Im Gegensatz zum Jahrgang 2017 können wir aus dem Vollen schöpfen. Bei den Roten haben wir Spätburgunder, Regent und Prior, es gibt einen Spätburgunder Rosé als Wein und als Sekt. Die Palette der Weißweine umfasst die Cuvée „Sommerflirt“, Weißburgunder, Kerner und den Nobling als Wein und Sekt.

Keinen reinen Gutedel?

Leipert: Wir haben uns entschlossen, den Gutedel komplett für unseren „Sommerflirt“ zu verwenden. Er macht 75 Prozent dieser Cuvée aus, in der auch noch Weißburgunder und ein wenig Müller-Thurgau enthalten sind. Der „Sommerflirt“ wurde 2017 aus der Not geboren, weil die Mengen so gering waren, und er hat wie eine Bombe eingeschlagen. Dieses Konzept wollen wir deshalb weiter verfolgen.

Wie ist das Mengenverhältnis zwischen den Rot- und den Weißweinen?

Reiske: Rot und Weiß halten sich mit jeweils 8000 bis 9000 Litern etwa die Waage, dazu kommen 3000 Liter Rosé. Interessant ist, dass bei den Neuanpflanzungen der Trend eher zu Weißweinen geht. Aber Weißburgunder haben wir ohnehin noch zu wenig.

Sie haben sich immer vom Schliengener Winzermeister Markus Büchin beraten lassen. Inwieweit hat er noch mitgewirkt?

Reiske: Markus Büchin war lange Zeit ein sehr wichtiger Berater für uns, mittlerweile sind wir aus den Kinderschuhen heraus. Aber es ist immer gut, einen solchen Profi in der Hinterhand zu haben, falls es Probleme gibt.

Wie geht es nach der Jungweinprobe weiter?

Leipert: Der Wein bleibt bis Mai in den Fässern, dann werden wir ihn abfüllen. 90 Prozent gehen an unsere ungefähr 40 Winzer, zehn Prozent behält die IG Weinbau zu ihrer Refinanzierung.

Wo vermarkten Sie den Hertener Steinacker?

Reiske: Das meiste bleibt am Ort und in der näheren Umgebung. Wir spüren, dass wir immer mehr Anerkennung erfahren, zum Beispiel auch durch die Stadt Rheinfelden, die unsere Weine beim Neujahrsempfang ausschenkt. Das motiviert uns natürlich.

Im vergangenen Jahr hofften Sie auf mehrere Prämierungen. Am Ende gab es aber nur einmal Gold, nämlich für den „Sommerflirt“ bei der Berlin Wein Trophy. Waren Sie enttäuscht?

Leipert: Nein, zumal es auch noch zwei Silbermedaillen bei der Prämierung der pilzresistenten Sorten gab: eine für den Johanniter, eine für den Regent. Das ist angesichts des schwierigen Jahrgangs sehr zufriedenstellend. Für dieses Jahr sind wir aber zuversichtlich, denn wir sind überzeugt, dass der 2018er ein außergewöhnlicher Jahrgang wird. Deshalb freuen wir uns auch sehr auf die Jungweinprobe.

 

Reiske: Abgesehen davon ist die Zahl der Medaillen nicht das Wichtigste. Viel wichtiger ist, dass unser Wein den Menschen schmeckt.

Fragen: Jochen Fillisch